Zu später Stunde, ab 22 Uhr, und dann auch noch an Silvester, ist alljährlich die Bietigheimer Stadtkirche übervoll. Die Plätze reichen oft nicht. „Musik zum Jahreswechsel“ heißt das Format, das aus dem Veranstaltungskalender der Stadt nicht mehr wegzudenken ist. „Es ist immer wieder beeindruckend, wie viele verschiedene Menschen zu uns an Silvester in die Kirche kommen“, sagt Pfarrer Bernhard Ritter. Die „Musik zum Jahreswechsel“ bilde seit vielen Jahren ein Alternativprogramm an Silvester.
625 Jahre Stadtkirche Pfarrer Ritter setzt einen Punkt unters Jubiläumsjahr
Alljährlich wird in der Stadtkirche „Musik zum Jahreswechsel“ geboten, in diesem Jahr beendet es 625 Jahre Stadtkirche.
Weil das Konzert so beliebt ist, denken sich die Organisatoren auch alljährlich etwas Besonderes aus. 2024 war das Konzert fast experimentell, Kantorin Edyta Müller stellte eine moderne Eigenkomposition vor. In diesem Jahr wird das Konzert laut Ritter eher festlich, schließlich, so sagt er, soll es den Abschluss zum Jubiläumsjahr, 625 Jahre Stadtkirche, sein. „Es sollte feiernde Musik sein, damit zum einen das Jubiläumsjahr einen besonderen Abschluss bekommt und auch in einer Zeit, die für viele nicht gerade zum Feiern ist, wenigstens in unserer Kirche der Jahresabschluss ein schöner ist“, so Ritter.
Deswegen gibt es Musik von Antonio Vivaldi, Johann Pachelbel, Josef Gabriel Rheinberger, aber auch vom Maria-Theresia Paradis. Die Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde Bissingen, Andrea Kulin, entschied sich, ein Stück der österreichischen Pianistin, Komponistin und Musikpädagogin, die von 1759 bis 1824 lebte, aufs Programm zu setzen. Sie war seit ihrer frühen Kindheit blind. Zahlreiche, auch experimentelle Behandlungen verschlimmerten die Schmerzen en noch. Dennoch machte sie zeitlebens Musik und komponierte. Im Wiener Musikleben war sie sehr prominent und mit vielen bedeutenden Vertretern der Wiener Klassik wie Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart bekannt. Auf einer Europatournee von 1783 bis 1786 spielte sie vor zahlreichen Persönlichkeiten, darunter dem französischen Königspaar Ludwig XVI. und Marie-Antoinette sowie dem englischen König Georg III. und seiner Gemahlin Charlotte. Valentin Haüy war bei einem Konzert 1784 von ihr derart fasziniert, dass er sich für die Ausbildung von Blinden einzusetzen begann.
Werke von Maria Theresia Paradis werden gespielt
Viele der zahlreichen Werke von Maria Theresia Paradis sind verloren gegangen. In ihren Bühnenwerken zeigt sich besonders in den dramatischen Szenen der Einfluss ihres Lehrers Salieri, ansonsten herrscht der typische „Wiener Singspielton“ vor. Ihre Klavierwerke sind stark vom Stil ihres Lehrers Koželuh beeinflusst. Die Violinistinnen Gudrun Köllner und Christine Schuster, der Cellist Daniel Straßer und Organistin Andrea Kulin werden eine Auswahl aus den Werken von Maria Theresia Paradies spielen.
Und weil der Jahreswechsel eine Bedeutung für viele hat, wird Pfarrer Bernhard Ritter einige Worte an die Zuschauer richten. „Natürlich werden darin auch nachdenkliche Töne sein, aber in der Hauptsache möchte ich heitere Töne anschlagen“, so Ritter.
Er wird Übertragungen des Kabarettisten und Schriftstellers Hanns Dieter Hüsch zum Jahreswechsel zitieren, wie beispielsweise: „Gott der Herr möge unser Glück und unser Leid, unsere Trauer und unsere Freude mit seiner grenzenlosen Güte begleiten. Uns im Frieden anfertigen, machen und halten, immer noch mehr bestärken. Und nachsichtig möge er mit uns sein, wenn alles nicht von heute auf morgen geschehen kann, weil wir sind seine Kinder von ganzem Herzen, aber oft noch von halbem Verstand“. Zudem, so sagt er, wird er eine Psalmübertragung von Peter Stangenberg vortragen. Stangenberg hat hat Psalmen in eine moderne, alltagssprachliche Form übertragen, um sie zugänglicher zu machen.
Ermutigender Ausblick auf das Neue Jahr
„Ich möchte einen ermutigenden Ausblick auf das Neue Jahr geben“, so Ritter. Er wisse, die Zukunft sei herausfordernd, viele Transformationen, auch in der evangelischen Kirche seien zu schultern. „Darüber müssen wir alle uns Gedanken machen, aber mit Zuversicht und Mut“, so Ritter. Das Jubiläumsjahr zum 625. Bestehen der Stadtkirche sei ein Beispiel, was man erreiche könne, wenn man zusammenhalte und -arbeite.
Viele Kooperationen innerhalb der Stadt hätten, so Ritter, hochkarätige Veranstaltungen ermöglicht, neue Formate gestaltet, die es auch künftig weitergeben wird. „Wir haben das genutzt, was da war und durch Kooperation neu gestaltet“, so Ritter.
