63 Eigentümer, 58 Ladepunkte, 45 E-Autos und eine Tiefgarage Stresstest fürs Tammer Stromnetz

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Die Teilnehmer des E-Mobility-Carré in Tamm mit dem Projektteam zum Start des Projekts im Februar 2020. Im Dezember 2019 bekamen sie die E-Autos. ⇥ Foto: Netze BW/Archiv

Wie sich Elektromobilität in eine Wohngemeinschaft, die sich eine Tiefgarage teilt, integrieren lässt, und ob das Stromnetz das verkraftet, untersuchte die Netze BW 16 Monate lang in Tamm.

Elektromobilität liegt im Trend. Immer häufiger sieht man E-Autos vorbeidüsen, auch im privaten Bereich werden die mit Strom betriebenen Fahrzeuge populärer. Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur besagt, dass bis 2030 rund 15 Millionen E-Fahrzeuge ins Stromnetz integriert werden müssen. Aktuell sind 0,7 Millionen E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs und die Zahl steigt – auch wegen der geänderten Gesetzeslage, die seit Dezember 2020 das Nachrüsten privater Ladepunkte vereinfacht.

Feldversuche der Netze BW

Wie sich das damit verbundene Ladeverhalten jedoch auf das Stromnetz auswirkt, also ob das vorhandene Netz so viel E-Mobilität überhaupt verkraftet, das wollte die Netze BW, eine Tochter des Energieversorgers EnBW, testen. Dafür wurden Feldversuche unter Realbedingungen durchgeführt.

Während die Netze BW in der E-Mobility-Allee in Ostfildern untersuchte, wie es sich aufs Stromnetz auswirkt, wenn eine Straße mit Einfamilienhäusern (je mit einem eigenen Netzanschlusspunkt) auf Elektroautos umsteigt, wurde in Tamm ein anderes Konzept getestet.

In der Wohnanlage Pura Vida, dem sogenannten E-Mobility-Carré in der Brächterstraße, wurden Mehrfamilienhäuser mit E-Autos und Ladestationen ausgestattet, die über einen Netzanschlusspunkt, der an die Ortsnetzstation angebunden ist, mit Strom versorgt wurden. 63 Eigentümer, 58 Ladepunkte, 45 E-Autos (24 VW eGolf sowie 21 BMW i3) und das alles in einer Tiefgarage. Der Startschuss fiel im Dezember 2019, im März 2021 war das Pilotprojekt abgeschlossen.

Klingt nach Stress für das Stromnetz? Nur bedingt, sagen die Vertreter der Netze BW. Man könnte meinen, dass alle etwa zur selben Zeit ihr Fahrzeug an die Ladestation anstöpseln.

Mäßige Lade-Gleichzeitigkeit

Dies war allerdings nicht der Fall, erklärt Ralph Holder, der zuständige Projektleiter der Netze BW für das Tammer Carré: „Es wurde oft in den Abendstunden ab 17, 18 Uhr geladen. Tatsächlich wurden aber nie mehr als maximal 13 Fahrzeuge an den 58 zur Verfügung stehenden Ladepunkten geladen.“ Die sich auf das Netz belastend auswirkende Gleichzeitigkeit betrug also lediglich 22 Prozent. Über 42 Prozent der Zeit wurde kein Auto geladen.

Die Bewohner der Wohnanlage waren bunt gemischt: Familien mit Kindern, Rentner sowie Gelegenheits- oder Vielfahrer. Im Schnitt hatte jeder monatlich 1100 Kilometer auf dem Tacho – trotz Einschränkungen durch Pandemie und Homeoffice. Der Feldversuch in Tamm zeigte der Netze BW, dass sich die Ladezeiten nicht so sehr überschnitten. 98 Kilowatt war die gemessene Leistungsspitze; das Carré war auf maximal 124 Kilowatt dimensioniert. Dafür hat das Energieunternehmen Vorkehrungen in Form eines intelligenten Lademanagementsystems sowie zweier Batteriespeicher getroffen, um das Netz nicht zu überlasten.

Intelligentes Lademanagement

Die „Ausreißer“ nach oben konnten geglättet, die Lastspitzen durch eine definierte Leistungsgrenze (40 Kilowatt) reduziert werden, wodurch der Ladevorgang 3,5 statt 2,5 Stunden dauerte. „93 Prozent der Elektropioniere haben sich dadurch nicht eingeschränkt gefühlt“, so Holder. Die restlichen sieben Prozent waren aus der Kategorie der Vielfahrer. „Das war der klassische kurze Zwischenstopp zu Hause“, erklärt Markus Wunsch, Leiter Netzintegration E-Mobilität bei der Netze BW. Dafür empfehle der Experte eher einen Schnellladepunkt, wie er beispielsweise an Tankstellen zu finden ist.

Neben den genannten Pilotprojekten wird in Kusterdingen (Landkreis Tübingen) die Situation in ländlichen Regionen untersucht, ebenso gibt es Tests für intelligentes Heimladen, unter anderem in Wangen im Allgäu. Denkbar sei auch, das Nutzverhalten durch eine KI (Künstliche Intelligenz) zu untersuchen und eine optionale Priorisierung einzubauen. Die Netze BW arbeite auch an Ladekonzepten für Lkw.

Insgesamt sei das Pilotprojekt in Tamm „phänomenal gut“ gelaufen, so Holder. „Zwei Bewohner sind komplett auf E-Mobilität umgestiegen, viele haben ihr Interesse bekundet.“ Zumeist sei tatsächlich Bequemlichkeit das ausschlaggebende Kriterium gewesen: Man spart sich den Besuch bei der Tankstelle.

 
 
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