9. November Ein Tag von zentraler Bedeutung

Von hevo, moc, knz, mh
Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer im November 1989 über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen. Foto: dpa

Die BZ befragte Geschichtsexperten aus dem Kreis zu diesem Schicksalsdatum der Deutschen. 

Der 9. November gilt als Schicksalstag der deutschen Geschichte. Reichspogromnacht 1938 und Mauerfall 1989 sowie die Ausrufung der Republik in Deutschland 1918 prägen dieses Datum. Die BZ fragte bei lokalen Experten nach ihrer Einschätzung, welches Ereignis noch heute prägend ist – einerseits in seiner historischen Bedeutung, andererseits in der öffentlichen Wahrnehmung.

„Von den drei Ereignissen an dem Datum stehen sich zwei vollständig konträr gegenüber und das dritte Datum wird oft unterschätzt“, sagt Dr. Christoph Florian, Leiter des Stadtarchivs Bietigheim-Bissingen. Die Pogromnacht als Wende zum Schlechten markiere den offenen Beginn des größten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte. Hingegen der Fall der Mauer 1989: die Wende zum Guten. „Zugleich war es ein mediales Ereignis. Im wahrsten Sinne ganz Deutschland, Ost und West, verfolgte die Ereignisse im Fernsehen“, so Florian. Beide Ereignisse seien zurecht im öffentlichen Bewusstsein verankert und es werde von vielen Seiten (auch den Medien) große Anstrengungen unternommen, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

Die Ausrufung der Republik sei das unterschätzte Datum. „In der Staatsform der Republik konnte sich die Demokratie in Deutschland vollständig durchsetzen.“ Die Verfassung der jungen Republik sei im europäischen Verhältnis modern, garantierte beispielsweise das allgemein Frauenwahlrecht und legte den Grundstein für den Sozialstaat, garantierte Arbeitnehmerrechte, sagt der Stadtarchivar. 1945 sei der abgeschnittene Faden wieder aufgenommen worden und die Weimarer Verfassung bildete trotz mancher Mängel das Fundament und die Orientierungsmarke für das Grundgesetz 1949 und damit für den demokratischen Wiederaufbau, so die Meinung des Historikers.

„Für mich ist die Reichspogromnacht von zentraler Bedeutung“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Will. Der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ist einem Dorf aufgewachsen, in dem es eine Synagoge gab. Sein Vater, der zur Zeit der Synagogenbrände drei Jahre alt war, habe sich an die Ereignisse sogar noch erinnert. Will arbeitet heute im Gebäude des früheren Amtsgefängnisses, in dem im Dritten Reich auch Juden untergebracht worden seien. „Vor diesem Hintergrund habe ich zu den Pogromnächten einen größeren Bezug als zur deutschen Wiedervereinigung“, sagte Will.

„Der 9. November ist für mich ein außergewöhnlicher Tag in der deutschen Geschichte. In meinen ersten Jahren als Lehrer (in Halle/Saale) habe ich einen deutsch-deutschen Schüleraustausch geleitet und wir haben dabei immer wieder über den Mauerfall und die anschließende Wiedervereinigung gesprochen“, sagt Michael Volz, Leiter für Pädagogik und Kultur des Pädagogisch-Kulturellen Centrum (PKC) in Freudental: „In den 2000er-Jahren konnten sich sogar noch einige Schülerinnen und Schüler aus eigenem Erleben an diese besonderen Ereignisse erinnern.“ Mittlerweile arbeitet Volz in einer ehemaligen Synagoge als Gedenkstätte und hier stünden natürlich die Ereignisse der Pogromnacht von 1938 im Fokus. Im Newsletter des PKC habe er gerade vorgestern daran erinnert, dass sich am Mittag des 10. November 2022 zum 84. Mal die Schändung der Freudentaler Synagoge jährt. Volz: „Die Übergriffe auf Deutsche in Deutschland waren ein schauerliches Feuerzeichen, welches sichtbar machte, dass nun Gesetzlosigkeit ,Gesetz’ und Rechtlosigkeit ,Recht’ wurden – und das in meiner Heimat.“ Dem PKC-Leiter sind noch zwei Jahreszahlen wichtig: „Am 9. November 1923 haben die Nazis bereits einen Putschversuch unternommen (wer wollte, konnte also das Unheil kommen sehen!) und 1918 markiert dieser Tag den Übergang von der Monarchie zur Demokratie in Deutschland. In dieser Vielfältigkeit zwischen sehr positiven und sehr negativen Ereignissen sollten wir uns besonders am heutigen Tag gut erinnern, unsere demokratischen Freiheiten wertschätzen und aus unserer Geschichte für die Zukunft lernen.“

Für Hermann Albrecht vom Sachsenheimer Verein für Heimatgeschichte, ist der Fall der Mauer am 9. November 1989 das historisch wichtigste Datum, „da dieses Ereignis zur deutschen Wiedervereinigung führte und weltpolitisch das Ende des kalten Krieges einleitete“, so Albrecht.

 
 
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