Acht Frauen und fünf Kinder aus der Ukraine sind in Bönnigheim angekommen „Wunderbar, hier sein zu können“

Von Von Birgit Riecker
Acht Frauen und fünf Kinder aus der Ukraine sind nun in Bönnigheim in Sicherheit, unter ihnen Svitlana Shvets (vorne links) und Maryna Shevchenko (vorne in der Mitte). ⇥ Foto: Oliver Bürkle

Acht Frauen und fünf Kindern ist die Flucht aus zerstörten Städten gelungen. Sie berichten von ihren Erfahrungen. Drei Bönnigheimer Familien haben es möglich gemacht.

Sie sind dem furchtbaren Krieg in der Ukraine knapp entkommen dank der Initiative von drei Bönnigheimer Familien: Acht Frauen und fünf Kinder sind nun in Bönnigheim in Sicherheit. Svitlana Shvets und Maryna Shevchenko berichten von den schrecklichen Erlebnissen in der Ukraine und auf der Flucht. Tief berührt davon sind die Bönnigheimer Oksana Hädler, Rainer Schnatterer, Jennifer und Bernhard Bergemann.

Berührend für alle ist aber auch die Hilfsbereitschaft der Bönnigheimer. „Es ist wunderbar, dass wir hier sein können. Wir sind sehr dankbar“, betont Svitlana Shvets, die aus Charkiw kommt. Für sie ist es ein kleines Wunder, die russischen Bombenangriffe auf die zweitgrößte Stadt der Ukraine im Osten des Landes überlebt zu haben. „Am schlimmsten war, dass meine Kinder in dem Stadtteil waren, in dem die meisten Angriffe stattfanden und wir den Kontakt eine Woche lang verloren hatten“, erzählt sie mit Hilfe der Dolmetscherin Oksana Hädler. Hädler ist in der Ukraine geboren und lebt seit 2004 mit ihrem schwäbischen Ehemann Siegfried in Bönnigheim.

Suche in zerstörten Kellern

Svitlana Shvets hat versucht, ihre beiden Töchter und die Enkelin zu finden, hat Taxi- und Busfahrer gefragt, doch ihnen war die Suche zu gefährlich. Erst mit Hilfe der örtlichen Helfer, die die Namen der Gesuchten in die Keller und zerstörten Häuser riefen, wurde ihre Tochter Anja gefunden. Sie hatte gerade in diesem Moment versucht, nach oben zu gehen, um Luft zu schnappen und Wasser zu holen. „Das war der glücklichste Tag in meinem Leben“, sagt sie.

Die Töchter Vlada und ihre Schwester Anja mit deren fünfjähriger Tochter Iwa konnten dann trotz Schnee und Zerstörung zur Mutter gebracht werden. Zusammen sind sie zu Fuß zum Hauptbahnhof. „Außer unseren Dokumenten konnten wir praktisch nichts mitnehmen“, erzählt Svitlana Shvets. Auf der tagelangen Flucht ging es über Lwiw zur polnisch-ukrainischen Grenze. Doch sie bekamen unterwegs trockene Schuhe, Essen und Kleidung.

Im Transitlager trafen sie Bernhard Bergemann. Er hatte das Leid der ukrainischen Flüchtlinge, das er im Fernsehen gesehen hatte, nicht tatenlos hinnehmen wollen. Zusammen mit zwei befreundeten Familien waren sie in drei Autos mit Hilfsmitteln zur Grenze gefahren und wollten Flüchtlinge mit zurücknehmen. „Das Leid dort war furchtbar. Alle waren völlig erschöpft und verzweifelt, die Kinder hatten ganz leere Augen“, erinnert sich Bergemann.

„Doch es dauerte fast eine Stunde, bis ich Svitlana überzeugen konnte, dass sie und ihre Kinder mit uns kommen können“, erzählt Oksana Hädler. Die Angst vor Menschenhändlern und vor der Trennung von ihren Kindern im zweiten Auto ließen sie schier verzweifeln.

Zweimal vertrieben

Ihre Angst zeigt Maryna Shevchenko nicht gern. Sie zeigt vielmehr deutlich, wie böse sie auf Putin ist. Denn sie wurde bereits 2014 bei den russischen Unruhen aus Donezk vertrieben. Sie konnte ihr BWL-Studium in Charkiw fortsetzen und dort arbeiten, bis sie nun auch dort der Krieg einholte. „Mein Vater lebt noch in Donezk. Und er soll jetzt gegen mich, gegen die Ukrainer, kämpfen“, empört sie sich. „Dabei zahlt die Ukraine die Renten der Menschen in Donezk.“

Ihre Flucht gelang mit dem gepackten und vollgetankten Auto zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn Artem und ihrer 63-jährigen Tante über zwei Stationen. „Unsere Männer kämpfen für unsere Freiheit“, sagt sie. „Aber wegen des Kindes sind wir geflüchtet.“ Denn die Kinder zucken noch heute zusammen, wenn Flugzeuge oder Lastwagen auftauchen. Nie hätten sie erwartet, dass man sie so freundlich aufnehme, sie in den Familien willkommen heiße, sagen beide.

„Im Ort ist die Hilfsbereitschaft und Solidarität riesengroß“, freut sich Jennifer Bergemann. Rainer Schnatterer habe eine Wohnung leergeräumt, renoviert und möbliert. Beim Friseur gab es kostenlose Haarschnitte, beim Arzt kostenlose Untersuchungen und Behandlungen. Fahrradspenden für die Kinder, Spielsachen, Kleidung und Essen werden angeboten. „Es entsteht ein Netzwerk von Leuten, die wir davor gar nicht kannten“, staunt Bergemann, es sei ein neues „Wir-Gefühl“. Ganz neue Dinge würden plötzlich bewegt. „Keiner konnte sich bislang vorstellen, dass der Krieg nach Europa kommt“, ergänzt Schnatterer.

„Wir müssen helfen“

Beiden ist klar, dass ehrenamtliche Helfer die Behörden unterstützen müssen. Deshalb treffen sich die Geflüchteten untereinander, die Kirchengemeinde ist aktiv und der Flüchtlingshilfekreis bietet Unterstützung an. „Wir können nur alle ermuntern, mitzumachen, keiner steht allein da“, betont Schnatterer. Ansprechpartnerin ist Corinna Merkel auf dem Rathaus. „Wir wissen nicht, wie es in der Ukraine weitergeht. Aber wir müssen jetzt helfen. Dolmetscher, Wohnungen und Jobs brauchen wir am meisten“, meint Jennifer Bergemann.

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