ADFC Bietigheim-Bissingen „Radfahrer verhalten sich zu defensiv“

Von Lisa Lorenz
Vorsitzender des ADFC Bietigheim-Bissingen, Albrecht Kurz, kommt selbst mit dem Fahrrad zur Arbeit. Foto: /Oliver Bürkle

Sommerzeit ist Radlerzeit. Ob Arbeitsweg, Pedelectour oder Familienausflug: Albrecht Kurz vom ADFC Bietigheim-Bissingen weiß, worauf man zu Rad im Straßenverkehr achten muss. 

Mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling finden sich auch die Fahrradfahrer auf den Radwegen wieder ein, und spätestens zu Beginn der Sommerferien ist die Radsaison in vollem Gange. So manches verstaubte Fahrrad wird dann aus dem Keller geholt für eine Tour auf dem Enztalradweg, einen Ausflug mit dem Pedelec zur Eisdiele oder als Ersatz für das Auto zur Arbeit. Die BZ hat beim Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Bietigheim-Bissingen, Albrecht Kurz, nachgefragt, auf was Radfahrer im Verkehr achten müssen, damit die Radellaune nicht durch Unfälle getrübt wird.

„Fahrradfahrer fühlen sich im Autoverkehr oft unsicher und verhalten sich zu defensiv. Man muss nicht radikal offensiv fahren, aber selbstbewusst“, sagt Kurz. Fährt man beispielsweise auf einer Straße ganz rechts, drängeln sich Autos vorbei. Hält man jedoch stattdessen etwas Abstand zum Bordstein, ist die Gefahr geringer. „Eigentlich verträgt es sich gut“, findet Kurz bezogen auf das Miteinander von Rad und Auto im Verkehr. Gefährlich werde es, wenn das Rad nicht sichtbar oder nicht berechenbar für den Autofahrer sei. Aber dieser werde auch wieder aggressiver, räumt Kurz ein: „Mancher Autofahrer, der nicht so schnell vorankommt, wie er will, drückt das dann gegenüber Radfahrern aus.“ Das seien jedoch alles Einzelfälle; die meisten Verkehrsteilnehmer würden sich benehmen.

Selbstbewusst fahren und die Vorfahrt anzeigen

Gefährlich für den Radfahrer können weiterhin Autofahrer werden, die während der Fahrt am Handy sind oder Radfahrer schlicht übersehen. Da könne es passieren, als Radfahrer im Kreisverkehr vom Auto „abgeräumt“ zu werden, oder dass das Auto dem Radfahrer die Vorfahrt nimmt, beispielsweise in Ausfahrten. Vorab in Erwartung schon zu stark zu bremsen, empfiehlt Kurz aber nicht. Stattdessen rät er, auch in solchen Situationen selbstbewusst zu fahren und „die Vorfahrt nicht erzwingen, aber anzuzeigen“. Bremsen sollte man so, dass man noch knapp halten könnte.

Die „neue Maxime“, dass Räder auf der Fahrbahn fahren sollten, hält der Vorsitzende für sinnvoll. Gerade Wege, die sich Fußgänger und Radfahrer teilen müssen, seien hingegen nicht optimal: „Die Geschwindigkeiten passen nicht zusammen“, und Fußgänger würden oft eher schlendernd laufen. Wenn drei Fußgänger nebeneinander laufen, sei bereits der ganze Radweg blockiert. Der Neckartalradweg sei toll – auf einem Nebenweg sei man dafür meist alleine, man könne sich also überlegen, ob man unbedingt die Hauptstrecke fahren müsse, gerade, wenn man mit Kindern („sie fahren, aber nicht immer gerade“) oder als Senior mit Pedelec unterwegs ist. Gleiches gilt für den Enztalradweg: Hier sammeln sich zuweilen Wanderer, Inlineskater, Rennradfahrer, Kinder, Pedelecfahrer und Genussradler – „da muss man sich schon konzentrieren“, so Kurz.

Bei der momentanen Hitze sei es auf dem Fahrrad durch Fahrtwind sogar angenehmer als zu Fuß, findet Kurz, aber natürlich nur bis zu einer gewissen Temperatur. An heißen Sommertagen rät er, nicht in der Nachmittagshitze von 13 bis 16 Uhr zu fahren, Pausen einzuplanen und wenn möglich durch den Wald zu fahren. Außerdem ist zu bedenken: „Auf dem Fahrrad bekommt man an anderen Körperstellen Sonnenbrand als zu Fuß.“

Richtiger Luftdruck kann Pannen verhindern

Geht es aufs Rad, weiß Kurz auch, was vor Fahrtbeginn kontrolliert werden muss, gerade, wenn das Rad länger stand: Regelmäßig muss der Luftdruck überprüft werden – „dann rollt das Rad besser, es ist sicherer, wenn das Rad nicht schwammig fährt, und es gibt weniger Pannen, da sich Dinge wie Scherben eher in einen Reifen mit zu wenig Luft drücken“. Der benötigte Luftdruck ist auf dem Fahrradreifen zu finden. Auch die Kette will gepflegt bleiben – „mit einem Tropfen Öl, keiner Kanne“. Weiterhin sollten Licht und Bremsen überprüft werden, zur jetzigen Zeit auch ein Flaschenhalter angebracht und natürlich ein Helm aufgesetzt werden.

Mehr Unfälle als im Winter gebe es im Sommer „sicher“. Einerseits, weil im Winter eher erfahrene Radler unterwegs sind. Andererseits aber auch durch die Menge an Radfahrern. Bei den Gymnasiasten in Bietigheim-Bissingen sind es beispielsweise im Sommer 70 Prozent und im Winter 40 Prozent, die das Rad nehmen. Viele Fahrradwege seien dafür nicht ausgebaut. Durch unübersichtliche Kurven könne man beispielsweise ohne Probleme fahren – solange einem niemand entgegenkommt. Auch ein Pedelec zu beherrschen, als unerfahrene oder ältere Person, „ist nicht ganz einfach“, zumal die Akkus stärker und dadurch schneller würden. Der ADFC bietet speziell für Pedelecs Kurse an, die laut Kurz viele nötig hätten – ausgebucht sind sie aber nicht. Rückmeldungen seien aber positiv, so freute sich ein Teilnehmer darüber, endlich sicher bremsen zu können.

Aber hält die Radinfrastruktur in der Stadt die Sommerradler aus? „Bietigheim-Bissingen hat ein gutes, flächendeckendes Radnetz“, sagt Kurz. Man merke, dass an diesem auch fortwährend gearbeitet wird. Bei den Bauarbeiten im Poststräßle und an der B 27 würden die Radwege auch mitgemacht.

Verbesserungswürdig sei das Radnetz trotzdem, die Umfahrung des Bürgergartens müsse umgesetzt werden, und der Markt auf dem Kronenplatz provoziere Probleme, da der Radweg direkt hindurch geht. Häufig müssten Radfahrer außerdem durch Wohngebiete mit 30er-Zonen, die autodominiert seien. Die Turm- und Schillerstraße nennt Kurz neben weiteren als Beispiele. „Unerfahrene Radler fühlen sich dort bedrängt von den Autos und fahren unsicher“, beschreibt er.

Kleine Verbesserungen trotz Haushaltslage vornehmen

Die parkenden Autos müssten hier weniger werden und wechselseitige Parkierungen entstehen, sodass man ausweichen kann. Mit Hinblick auf die Haushaltslage der Stadt findet Kurz, dass kleinere Dinge und geförderte Projekte auch bei knappen finanziellen Mitteln umgesetzt werden sollten.

Ludwigsburg hingegen sei „flächendeckend noch nicht auf dem Stand“, arbeite aber auch an seinen Radwegen.

Wer von beiden ist denn öfter schuld, wenn es zwischen Auto und Rad einen Unfall gibt? Vermutlich das Auto, sagt Kurz, aber oft seien es Unfälle, an denen nur Radfahrer beteiligt sind. Der Vorsitzende zeigt Verständnis: „Es sind beides Menschen, die beide Fehler machen.“ Aber: „Die Folgen für die Radler sind meistens gravierender.“

 
 
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