Akademietage in Bietigheim In der Stadt der Zukunft leben

Von Yannik Schuster
Gut besucht war das Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen während der zweitägigen Vortragsreihe der Schiller-Volkshochschule. Foto: /Martin Kalb

Die Akademietage der Volkshochschule standen in diesem Jahr im Zeichen von Zukunftsvisionen. 

Die 19. Akademietage der Schiller-Volkshochschule haben am Mittwoch und Donnerstag zahlreiche Interessenten in das Bietigheimer Kronenzentrum gelockt. Unter dem Motto „Wohin geht die Reise? Schlaglichter auf die Zukunft“ stand die Vortragsreihe in diesem Jahr. Sechs Referenten aus Wirtschaft und Forschung haben dabei zu Themen wie der Zukunft der Demokratie, den Märkten und der Wirtschaft von Morgen oder aber Robotern und Drohnen in der urbanen Logistik gesprochen.

Weiter so wie bisher?

Markus Neppl, ein studierter Architekt, der am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) forscht und lehrt, stellte am Donnerstag die Frage: Wie wollen, können oder müssen wir in der Stadt der Zukunft leben? „Wir leben in einer Zeit, in der sich vieles verändert“, sagte er. Gerade mit Blick auf die Stadtplanung habe man dabei die Wahl: Weiter so wie bisher oder nicht? Grundsätzlich gelte jedoch, dass Städte nicht schnell und beliebig verändert werden könnten, um neuen Ansprüchen gerecht zu werden.

Als Beispiel nannte Neppl zwei Visionen von Zukunftsstädten in Saudi-Arabien und Japan, die in der Theorie allen ökologischen und sozialen Bedingungen Rechnung tragen. In der Praxis stelle man nun jedoch fest, dass die Vision zu bröckeln beginne. Obwohl er diesen Projekten skeptisch gegenüberstehe, sei es dennoch gut, sich die Extreme einmal vor Augen zu führen. Es gelte, den Weg zu finden von Visionen in die Praxis. In dieser Hinsicht passiere bereits viel in der Wirtschaft und der Forschung. So mache man sich etwa Gedanken, wie der CO2-Ausstoß reduziert werden könnte, wie man Kohlendioxid binden kann oder wie die Mobilität in den Städten verbessert werden könnte. All das seien jedoch nur einzelne Maßnahmen. „Wie können wir Maßnahmen und Erkenntnisse kombinieren?“ Das sei die relevante Frage, sagte Neppl.

„Stadt der Zukunft jetzt denken“

Als Beispiel nannte der Architekt ausgerechnet die viel gescholtene Stadt Ludwigshafen. Aktuell sei man nämlich dabei, eine riesige Schneise einmal quer durch die Stadt neu zu planen. So könne man Qualitäten in die Stadt bringen, die es bislang nicht gab. Das seien zwar meist lange Prozesse, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken, aber „wir müssen die Stadt der Zukunft jetzt denken“.

Ein Projekt, das in dieser Hinsicht bereits erfolgreich gewesen sei, sei die Renaturierung der Emscher im Ruhrgebiet gewesen. Einst als Abwasserfluss für die Großindustrie angelegt, bieten sich nun auf einem 80 Kilometer langen Streifen durch 13 Anliegerstädte neue Möglichkeiten. „Wofür geben wir Geld aus? Investieren wir es in die Zukunft oder in kurzfristige Projekte, um bestimmten Gruppen etwa Gutes zu tun?“

Auch in Hamburg biete sich hier eine Chance, denn rund 80 Prozent des Kanalnetzes müsse in den kommenden Jahren erneuert werden. Für die Stadt eine Chance, grundsätzlicher über den Charakter seiner Straßen nachzudenken: Wo ist eine Klimaanpassung möglich? Wo muss in puncto Mobilität nachgesteuert werden? „Man kann eine Stadt nicht fertig bauen oder alle Probleme präventiv sehen“, räumt der Planer ein.

Es braucht Engagement

Ein Projekt in Ulm verdeutliche derweil, wie wichtig die Tradition einer Stadt sein kann: Das Blautalcenter – eines der größten Einkaufszentren Süddeutschlands – steht nur 25 Jahre nach dessen Eröffnung bereits wieder leer.

Der Auftrag der Stadt an die Architekten: Ein gemischtes Wohnquartier zu planen, mit möglichst viel Bestandsübernahme. Ein ähnlicher Fall in Tübingen: Hier soll in einem bestehenden Wohnquartier die Anzahl der Wohnungen verdoppelt werden, vor allem durch strategische Anbauten an den Bestand.

Gemeinsam hätten all diese Projekte, dass Menschen dahinter steckten, die sie über Jahre vorangetrieben haben, betonte Neppl in seinem Vortrag.

Yannik Schuster

 
 
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