Altersgerechtes Wohnen im Kreis Droht eine „graue“ Wohnungsnot?

Von
Der Weg in die Wohnung ist für Ältere häufig eine Mammutaufgabe. Nach Ansicht der IG BAU und des Mieterbunds wird im Kreis zu wenig nachgerüstet. Foto: Martin Kalb

Die IG BAU und der Mieterbund sehen die Gefahr einer Wohnungsnot für Senioren, weil im Kreis zu wenige Wohnungen altersgerecht gebaut oder umgerüstet werden. Hilft eine neue Kooperation?

Im Landkreis Ludwigsburg könnte die Zahl der Menschen, die älter als 65 sind, bis zum Jahr 2035 auf 143 000 anwachsen – das sind 34 Prozent mehr als noch im Jahr 2017. Ihr Anteil an der Bevölkerung läge dann bei 24 Prozent (2017: 20 Prozent). Darauf hat die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hingewiesen. Die Gewerkschaft beruft sich hierbei auf eine Demografie-Prognose des CIMA Instituts für Regionalwirtschaft – und fordert mehr Anstrengungen bei der Schaffung seniorengerechter Wohnungen: „Lift statt Treppe, breitere Türen für Rollator und Rollstuhl, barrierefreie Duschen – nur ein kleiner Teil der Wohnungen im Landkreis ist für die rasant wachsende Generation Ü65 geeignet. Das muss sich ändern“, sagt Mike Paul.

Der Bezirksvorsitzende der IG BAU Stuttgart spricht von einer „demografischen Notwendigkeit“. Es müssten nicht nur zusätzliche Seniorenwohnungen neu gebaut werden. Auch bei der altersgerechten Sanierung bestehender Wohnungen sei der Nachholbedarf groß. „Wenn die Rentner-Generation nicht stärker berücksichtigt wird, droht vielerorts schon in einigen Jahren eine graue Wohnungsnot“, betont Paul.

Wie ist die aktuelle Situation und der Bedarf an barrierefreien Wohnungen?

Genaue Zahlen zum Bestand und Bedarf von barrierefreien Wohnungen gibt es nicht. Wie das Statistische Bundesamt schon 2019 mitteilte, hatten 85 Prozent aller Seniorenhaushalte (Haushalte mit Personen im Alter ab 65 Jahren) im Jahr 2018 keinen stufenlosen Zugang zur Wohnung. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg hat 2018 eine Anfrage zu dem Thema wie folgt beantwortet: „Man kann (...) festhalten, dass bereits bis zum Jahr 2025 ein deutlicher Anstieg des Bedarfs an altersgerechtem Wohnraum erkennbar ist. Dieser Anstieg wird sich in den Jahren bis 2040 eher noch beschleunigen.“ Landesweit ging das Ministerium für das Jahr 2025 mit einem Bedarf von etwa 74 000 rollstuhlgerechten Wohnungen aus. Einem Anstieg im Bedarf mithin von 21 Prozent innerhalb von zehn Jahren.

Frank Rebholz, Vorsitzender des Eigentümverbands Haus&Grund Region Ludwigsburg, und sein Team beschäftigen sich nach eigener Aussage auch gerade mit dem Thema. „Schon der demografische Wandel legt nahe, dass der Bedarf an seniorengerechten Wohnungen steigen wird“, sagt Rebholz. Es sei ein wichtiges Thema, auch im Zusammenhang mit dem neuen Bündnis für bezahlbaren Wohnraum im Landkreis.

Dr. Eckart Bohn, Chef des Mieterbunds Ludwigsburg, gibt der Gewerkschaft recht:  „Die Anzahl barrierefreier Wohnungen ist heute schon kläglich und entspricht in keiner Weise dem tatsächlichen Bedarf. Fehlende Barrierefreiheit mindert die Lebensqualität mobilitätseingeschränkter, vor allem älter werdender Menschen oder provoziert einen unnötigen Umzug ins teure Pflegeheim“, so Bohn.

Auch Carsten Schüler, Geschäftsführer der Bietigheimer Wohnbau, bestätigt, dass es eine große Nachfrage in dem Segment gibt. „Allerdings braucht und will nicht jeder über 60-Jährige eine barrierefreie Wohnung“, so Schüler. Die demografische Entwicklung spüre die Wohnbau auch bei der steigenden Nachfrage nach Plätzen im Betreutem Wohnen.

Was kann getan werden für mehr seniorengerechte Wohnungen?

Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) biete mit ihrem Programm „Altersgerecht Umbauen“ zwar Zuschüsse und Kredite, schreibt die IG BAU. Das Fördervolumen von 150 Millionen Euro in diesem Jahr reiche aber nicht aus. Der Bund müsse die Förderung mindestens verdoppeln, um das Senioren-Wohnen voranzubringen. Laut Haushaltsplan stünden für die altersgerechten Sanierung im nächsten Jahr nur noch 130 Millionen Euro zur Verfügung. Für Rebholz ein falsches Signal: „Das ist zunächst einmal unverständlich, bei steigendem Bedarf die Fördermittel zu senken.“ Er wisse allerdings nicht, wie die Fördermittel im Kreis bislang abgerufen worden seien.

„Abhilfe schaffen müssen Nachrüstungen in Bestandswohnungen, soweit dies möglich ist und die Nachrüstung der Wege zur Wohnung im öffentlichen und im häuslichen Bereich. Das wird nicht ohne öffentliche Förderung beziehungsweise Leistung als Anreiz zur Nachrüstung gehen“, sagt Bohn. In der Bestandsnachrüstung sei zunächst einmal für Eigentümer und Mieter eine qualifizierte Wohnberatung notwendig. Diese sei gerade am Entstehen in Kooperationen mit dem Landkreis, den Pflegestützpunkten, dem Eigentümerverband Haus&Grund, dem Mieterbund und offen für weitere Kooperationen etwa mit dem VdK. Die Initiative zu der Kooperation, so ist zu hören,  soll von Haus&Grund ausgegangen sein. Dessen Vorsitzender Frank Rebholz wollte sich unter Hinweis auf eine noch ausstehende Mitgliederversammlung zu dem Thema nicht äußern.

Schüler gibt zu Bedenken, dass in manchen Wohnungen eine komplette Barrierfreiheit nicht einfach so nachgerüstet werden könne. Trotz Aufzuganbau ergäben sich in vielen Gebäuden dennoch Stufen. Dort, wo es gehe, versuche die Bietigheimer Wohnbau allerdings nachzurüsten.

Zudem bemühe man sich Menschen, die in einer nicht barrierefreien Wohnung wohnten, denen die Stufen aber zu schwer würden, Alternativen anzubieten „so weit diese bei uns vorhanden sind“, erklärt Schüler. Problematisch sei, dass sich eine Nachrüstung eines Mietshauses nur wegen einer Wohnung kaum lohne. Generell findet Schüler, dass es viele Fördermöglichkeiten vom Staat gebe, „ob diese in der Höhe insgesamt, also im Volumen ausreichen, kann ich nicht sagen“.

Wie sieht es beim Neubau von Wohnungen aus?

„Wir bauen anteilig mehr  seniorengerechte Wohnungen als wir gesetzlich müssten“, erklärt der Wohnbau-Chef. Sich nur auf die Seniorenklientel zu beschränken, halte er aber für sein Unternehmen für nicht sinnvoll: „Neben einem Bedarf an kleineren Wohnungen für Senioren und Singles steigt auch der Bedarf nach größeren Wohnungen für mehrköpfige Familien“.

„Im Neubaubereich ist an dieser Stelle die Landesbauordnung völlig unzureichend“, findet Bohn. Im Geschosswohnungsbau müsse die Barrierefreiheit insgesamt Programm sein und nicht nur für ein Stockwerk gelten. Dann würden auch unnötige Umzüge vermieden. „Barrierefreiheit muss nicht kostentreibend sein“, sagt Bohn. Wenn breitere Türen zur Norm würden, seien sie auch nicht teurer, eine barrierefreie Raumaufteilung auch nicht.

Für die IG BAU steht  die Lebensqualität Tausender Menschen im Kreis Ludwigsburg auf dem Spiel. „Es kann nicht sein, dass ein Rentner nur deshalb ins teure Pflegeheim muss, weil eine ambulante Betreuung an der seniorengerechten Ausstattung der eigenen Wohnung scheitert“, macht Paul deutlich.

 
 
- Anzeige -