Am 10. Oktober ist Welthospiztag „Wir begleiten Lebende“

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Sibylle Frey (links) ist seit Kurzem Ehrenamtliche im ambulanten Hospizdienst Sachsenheim. Palliativ-Fachkraft Bettina Mayer koordiniert die Ehrenamtlichen. Rücksprache und der Austausch untereinander sei immerzu möglich, sagt sie im Gespräch mit der BZ. ⇥ Foto: Martin Kalb

Unter dem Motto „Solidarität bis zuletzt“ möchte der heutige Welthospiztag an die wichtige Arbeit erinnern – unter anderem des ambulanten Hospizdienstes Sachsenheim.

Sobald das Wort „Hospiz“ fällt, denkt man an todkranke, sterbende Menschen. Dementsprechend stellt man sich die Arbeit in einem Hospiz traurig vor. Wer könnte das freiwillig machen wollen? „Wir begleiten Lebende“, sagt Sibylle Frey entschlossen und mit einem Lächeln auf den Lippen. Frey ist Teil der ambulanten Hospizgruppe Sachsenheim, die unter dem Dach der Kirchlichen Sozialstation untergebracht ist. 22 Männer und Frauen engagieren sich ehrenamtlich im ambulanten Hospizdienst Sachsenheim, der seit über 20 Jahren besteht, und dessen Einzugsgebiet Groß- und Kleinsachsenheim sowie das Kirbachtal ist. Die Idee sei, die Menschen so lang wie möglich zu Hause, im gewohnten Umfeld, lassen zu können.

Neue Aufgabe gefunden

Sibylle Frey ist keine Unbekannte im Kreis, betrieb sie doch 33 Jahre den Teeladen „Prisma“ in der Hauptstraße in Bietigheim-Bissingen. Vor einem Jahr übergab sie den Laden an ihre Mitarbeiterin Maria Garcia Rubio und begab sich in den wohlverdienten Ruhestand. Warum sie sich nun ehrenamtlich im Hospizdienst engagiert? „Das bringt mich auch persönlich voran. Es ist einfach ein tolles Gefühl, meine Zeit verschenken zu können“, sagt Frey. Ein halbes Jahr, etwa 100 Stunden in Theorie und Praxis, wurde sie für diese Aufgabe geschult. Verschiedenste Menschen seien in ihrer Ausbildungsgruppe gewesen – die jüngste Teilnehmerin war gerade einmal 18 Jahre alt, berichtet sie.

„In einer schnelllebigen Zeit wie unserer sind viele dankbar, sich für etwas so intensiv Zeit nehmen zu können und andersrum ist die Dankbarkeit auch groß, Zeit geschenkt zu bekommen“, sagt Bettina Mayer, die die Ehrenamtlichen der Hospizgruppe Sachsenheim koordiniert, und selbst gelernte Palliativ-Fachkraft ist. Auch betont sie die Wichtigkeit dieser Arbeit: „Der Sterbende kann loslassen“, sagt sie. Denn die Angehörigen trauern natürlich um den Sterbenden und diese Trauer spürt derjenige auch und kann sich nicht auf sich selbst konzentrieren.

Und das ist bei der Hospizarbeit eigentlich einer der wichtigsten Punkte: Was möchte der Todkranke? Es müsse genau hingehört und hingefühlt werden, erklären die beiden Frauen. Die Fähigkeit, aus der Arbeit mit einem guten Gefühl herauszugehen, sei auch sehr wichtig, betont Frey: „Sterben ist ein Teil des Lebens und deshalb kann die Begleitung auch sehr lebendig sein.“ Vor allem sei jedes Treffen unterschiedlich. Ganz davon abgesehen, dass jeder Mensch einzigartig ist, sei auch jeder Termin unterschiedlich, je nach Zustand des Begleiteten. „Zu meinem Grund-Equipment gehört ein Musikinstrument, eine Bibel und kleinere Texte, ob aus der Zeitung oder einem Gedichtband“, sagt Frey. Sie habe auch eine Frau betreut, die sie gebeten hatte zu stricken, „das Geklimper hat sie entspannt.“ Manchmal sitze sie aber auch einfach schweigend daneben. „Man kann nicht mit einem Plan hingehen. Also man kann schon, aber man muss immer offen bleiben und individuell agieren.“

Neben der Begleitung der Betroffenen sei auch die Arbeit mit den Angehörigen wichtig. Oft wollen sie das Sterben der geliebten Person nicht wahrhaben oder sie sind mit der Situation überfordert, erklärt Mayer, betont aber: „Wir übernehmen keine pflegerischen Aufgaben.“

Mayer wird von der Sozialstation angesprochen oder auch dem Haus Sonnenfeld, den Kleeblatt-Häusern oder der Evangelischen Heimstiftung Sersheim. Den Erstbesuch übernehmen die Koordinatoren, die einen passenden Ehrenamtlichen aussuchen. „Man kann ablehnen. Für die Arbeit muss es einem in der Zeit persönlich gut gehen“, ergänzt Frey. Dann beginne ein langsames Herantasten an den Menschen, um ihn so betreuen zu können, wie es ihm gut tut.

„Wir werden sehr kurzfristig gerufen, eigentlich erst dann, wenn der Angehörige wirklich nicht mehr kann“, sagt Mayer und möchte daher der Öffentlichkeit die Hospizgruppe ins Gedächtnis rufen. „Wir sind nicht so emotional verstrickt und spüren den Abschiedsschmerz nicht wie ein Angehöriger. Der Tod ist und bleibt ein schwieriges Thema. Eigentlich beschäftigt man sich erst damit, wenn er im eigenen Umfeld auftritt“, sagt Mayer.

Übrigens stammt das Wort „Hospiz“ vom lateinischen „hospitium“, was so viel wie „Herberge“ oder „Gastfreundschaft“ heißt und auf die Ritterorden zurückgeht. Diese wollten den Tod nicht bekämpfen, sondern das Leiden mit zugewandter Pflege und seelsorgerischen Beistand lindern. In diese Tradition stellte sich die englische Ärztin Cicely Saunders, die eine medikamentöse Behandlung zur Schmerzlinderung zum seelischen Beistand hinzufügte. „Das gehört noch heute zur palliativen ‚Ummantelung’, wie wir sagen“, sagt Mayer. Niemand müsse mit Schmerzen oder alleine sterben.

 
 
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