An diesen Tag im September 2004 denkt Hansjörg Kollar gerne zurück. Der damalige Landrat Rainer Haas war nach Besigheim gekommen, mit ihm Hans-Martin Bury, SPD-Bundestagsabgeordneter und Staatsminister im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Sogar Tanja Gönner ließ sich blicken, damals Umweltministerin in Baden-Württemberg.
Am Fluss: Mühlrad in Besigheim Ein Wrack wird zum Stromerzeuger
Seit 2004 ist das Mühlrad an der Enz als Wasserkraftwerk in Betrieb. Dank des Engagements von Hansjörg Kollar und der Lokalen Agenda.
Mit dem Besigheimer Bürgermeister Steffen Bühler und Kollar gemeinsam umrundete die Gruppe das große hölzerne Mühlrad an der Enz, das sich nahe dem heutigen Spielplatz hinter einer Mauer versteckt. In jahrelanger Arbeit hatte Kollar die Mühle instandgesetzt, um sie an diesem Tag als Wasserkraftwerk in Betrieb zu nehmen. Viel Lob gab es für die Nutzung von erneuerbarer Energie, wie sie unter der Kanzlerschaft Schröders auf die politische Tagesordnung gesetzt worden war.
Bis heute drehen sich die Schaufeln
Bis heute drehen sich hölzernen Schaufeln des Mühlrades mit seinem Durchmesser von sechs Metern. Fotos aus den Zeiten der Restaurierung belegen, dass die Mühle um das Jahr 2000 ein wahres Wrack war. Die Schaufeln waren abgefallen und verfault, der Mühlkanal verstopft und kaum noch zu erkennen. Mauern rund um das Mühlrad mussten gesichert werden. Für den Generator wurde eine Schutzhütte errichtet.
Über Jahrzehnte ist die Mühle „vor sich hingegammelt“ erinnert sich Kollar im Gespräch mit der BZ. Täglich hatte er das verrottete Bauwerk von seinem Haus am gegenüberliegenden Ufer der Enz vor Augen. Diesen Anblick habe er nicht mehr ertragen können. „Das ist ein Wert, der brach liegt“, sagte er sich.
In der Lokalen Agenda in Besigheim fand Kollar viele Unterstützer, die mitarbeiten wollten. „Es gab viele Impulse damals und viel ehrenamtliches Engagement“, erinnert er sich. „Wir haben viel Geld und Arbeit reingesteckt.“ Zwischen 120.000 und 150.000 Euro dürfte die Restaurierung gekostet haben, schätzt er. Etwa die Hälfte davon wurde durch Spenden gedeckt, auch viele Sponsoren unterstützten das Projekt. Für ihr Engagement bekamen Kollar und seine Helfer später den Ehrenamtspreis von Baden-Württemberg „echt gut“.
„Im Grunde ist der Betrieb der Mühle ein Hobby“, sagt Kollar. Ein Hobby, dass ihm am Herzen liegt, wie er deutlich macht. Doch es lohnt sich auch, in ökologischer wie in finanzieller Sicht. Je nach Strömung der Enz erzeugt das Mühlrad zwischen 60.000 und 90.000 Kilowattstunden Strom jährlich. Damit kann Kollar sein Haus gegenüber mühelos versorgen. Was übrig bleibt, speist er in das öffentliche Netz ein. Am Beginn hat er dafür 9,6 Cent pro Kilowattstunde bekommen. Nach einer Ertüchtigung der Anlage stieg der Preis auf etwas mehr als 12 Cent.
Kosten der Erhaltung: 30.000 Euro
Auf der Gegenseite der Rechnung steht die Arbeit, die das Mühlrad macht. „Ich habe immer wieder investiert“, sagt Kollar. Ein Rechen wurde installiert, um Zweige und Äste aus dem Mühlkanal zu entfernen. Bretter des Schaufelrades müssen von Zeit zu Zeit erneuert werden. Im vergangenen Jahr ging die Radnabe des Mühlrades zu Bruch. Kurz darauf versagte ein Gleitlager seinen Dienst. Kosten insgesamt: rund 30.000 Euro. Rechne er seine Arbeitsstunden hinzu, bleibe nicht viel übrig von den Einnahmen: „Im Grund bekomme ich den Strom für mein Haus umsonst.“
Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte Kollar seine Mühle verlieren oder das imposante Schaufelrad sogar abgebrochen werden. Grund war ein erbittert geführter Streit mit der Stadt. Als der Enzpark geplant wurde, hatte sie das Gelände, auf der die Mühle steht, gekauft, wohl um bessere Gestaltungsmöglichkeiten zu haben. Kollar, ein Mitglied des Gemeinderats, sah sich kurzfristig mit einer Kündigung seines Pachtvertrages konfrontiert, berichtet er.
Gegenseitig legten sich die streitenden Parteien juristische Steine in den Weg, ein langes Gerichtsverfahren um Besitz und Betrieb drohte. Aus Verärgerung legte Kollar den Vorsitz des Marketing Concept Besigheim nieder, der Organisation der Läden in der Innenstadt.
Er habe der Stadt sogar gedroht, die Mühle, die sich in seinem Besitz befindet, abzureißen, sagte Kollar. Ähnlich wie der Mieter einer Wohnung, der die wertvolle Küche nach der Kündigung durch einen neuen Besitzer wieder abbaut. Der neue Vermieter hätte sie vielleicht gerne behalten.
Schließlich einigten sich die beiden Parteien doch: Kollar darf die Mühle weiter betreiben. Mit der Höhe des Pachtzinses, den er an die Stadt zahlt, kann er sich allerdings bis heute nicht so richtig abfinden. Das alles ist vergessen. Die Mühle ist weiter in Betrieb und wird es wohl dank Kollar auch noch lange bleiben. „Ich freue mich, wenn sich das Rad dreht.“
Schon im Jahr 1698 muss es eine Mühle an der Enz gegeben haben, belegen historische Dokumente. Im Jahr 1884 baute ein gewisser Friedrich Ernst eine Ölmühle, die 1889 umgebaut wurde. Am 13. Juli 1904 brannten die Gebäude völlig aus. Lediglich das alte Mühlrad blieb erhalten. Unter Kollars Führung wurde es ab dem Jahr 2000 instand gesetzt und die Mühle 2004 als Wasserkraftwerk in Betrieb genommen.
Das Mühlrad ist ein unterschlächtiges Zuppinger Wasserrad mit einem Durchmesser von sechs Metern und einer Breite von 2,40 Metern. Seine 44 Schaufeln wurden bei der Restaurierung aus 105 Quadratmetern Lärchendielen gebildet. Seine durchschnittliche Jahresleistung von etwa 60.000 Kilowattstunden deckt den Bedarf von etwa 60 Personen. Damit können jährlich etwa 48 Tonnen CO2 eingespart werden.
