AnnenMayKantereit in Ludwigsburg Ein Schuss Melancholie und ganz viel Lust zu Tanzen

Von Jonathan Lung
Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte im Ludwigsburger Schlosshof gleich zwei Konzerte. Eines am Dienstag und eines am Mittwoch – beide ausverkauft. Foto: /Martin Kalb

AnnenMayKantereit brachte beim Konzert der KSK Music Open im Schlosshof Ludwigsburg Klassiker ihrer langen Bandgeschichte auf die Bühne – ebenso wie unbekannte Titel vom neuen Album.

Ich glaub, ich geh heut nicht mehr tanzen“, singt Henning May – doch Hunderte im Ludwigsburger Schlosshof hatten andere Pläne. Als um kurz nach neun Uhr am vergangenen Dienstagabend die melancholisch-dröhnende Stimme des Sängers zum ersten von insgesamt zwei Konzerten in der Residenzstadt aus den Lautsprechern kam, gab es kein Halten mehr: Arme flogen in die Luft, Feuerzeuge wurden gezückt, und anderthalb Stunden wurde das Beste aus über einem Jahrzehnt Bandgeschichte gefeiert – ebenso wie ganz neue, bisher ungehörte Titel.

Bodenständigkeit ist Programm

AnnenMayKantereit, das sind Christopher Annen an der Gitarre, Henning May (Gesang) und Severin Kantereit am Schlagzeug. Begonnen hat die beeindruckende Musikkarriere der Kölner Schulfreunde buchstäblich auf der Straße: Die drei spielten zuerst als Straßenmusiker, bevor sie 2016 ihr erstes Album „Alles nix Konkretes“ vorlegten. Ein fast schon programmatischer Name, denn auch der Plan ihrer Musikerkarriere war damals eher unkonkret – erst mal machen und gucken, was passiert, war das Motto. Ein paar Videos hatte man da schon auf Youtube veröffentlicht und die Debüt-EP mit dem Titel „Wird schon irgendwie gehen“, die heute längst vergriffen ist, herausgebracht. Menschlich, offen, unverkrampft und mit Bodenhaftung ist das Image der Band, dem sie auch wieder am vergangenen Dienstagabend gerecht wurden.

„Bei diesem Song habe ich immer Angst, zu rülpsen“, gab Sänger May beim Lied „Tommi“ zu, bei dem sie traditionell davor ein Kölsch trinken. Und als im Publikum ein Sanitäter gebraucht wurde, unterbrach er und wies den Einsatzkräften den Weg. Die Karriere seit der Bandgründung 2011 kam dann schließlich quasi von selbst. Inzwischen sind sie eine der berühmtesten deutschen Bands mit einer der beeindruckendsten Karrieren im deutschen Pop der vergangenen Jahrzehnte. Mit ihren bisherigen fünf Alben haben AnnenMayKantereit Gold- und Platinstatus erreicht, auf den größten Festivals gespielt. Ihre Videos zu Songs wie „Barfuß am Klavier“, „Drei Tage am Meer“ oder „Oft gefragt“ wurden über 1,4 Milliarden Mal auf YouTube geklickt. Sie haben 1,9 Millionen TikTok-Follower und über 1,4 Millionen bei Instagram, bei Spotify hören ihnen monatlich fünf Millionen Menschen zu.

Auch international erfolgreich

Auch international haben sich AnnenMayKantereit große Fangemeinden in Ländern wie Mexiko, der Ukraine und der Türkei erspielt. Ihre gemeinsam mit Giant Rooks eingespielte Version von Suzanne Vegas Klassiker „Tom’s Diner“ wurde in den USA mit Gold ausgezeichnet, die Band hat insgesamt über 400 Shows gespielt und zahlreiche Preise verliehen bekommen. Im September 2023 erfüllten sie sich mit einem ausverkauften Konzert im Kölner Rhein-Energie-Stadion einen Traum: Nicht weniger als 40.000 Fans wollten sie sehen. Nun, zehn Jahre nach ihrem ersten Album, sind sie wieder auf Tour. Eine weitere Show im Kölner Stadion in Deutschland steht an, weiter geht’s dann nach Österreich, Luxemburg und die Schweiz – und eben diese Woche ins Ludwigsburger Residenzschloss.

Neben der Musik engagiert sich die Band für Greenpeace und setzt sich für die LGBT-Bewegung ein. Das Konzert im Schlosshof in Ludwigsburg fand vor einer Regenbogenflagge statt, die am Klavier hing.

Songs aus der Bandgeschichte

Evergreens aus einer langen Bandgeschichte prägten den Abend: „Vielleicht, vielleicht“, „Marie“, „Lass es kreisen“, „Barfuß am Klavier“ und „Wohin du gehst“. Aber eben auch ganz neues: „Wir nehmen da gerade ein neues Album auf“, verriet Sänger May, und da hätte man gerne das Publikum mit drauf. Auf einer kleinen Studiobühne wurden dann die neuen Stücke eingespielt, an denen sich die Fans schnell lautstark beteiligten. Die neuen Lieder sind, so viel darf verraten werden, ganz im Stil der Band. Es geht um Einsamkeit und Zweifel – und macht doch Lust zu tanzen.

Als die Fans kurz vor elf Uhr in den Sommerabend entlassen wurden, hatten viele noch einen langen Heimweg vor sich. Die Mehrheit kam, wie der Sänger per Handheben erfragt hatte, nicht aus Ludwigsburg oder Stuttgart, sondern aus dem weiteren Umland. „Ganz tolles Konzert“, waren Reaktionen in der nach draußen strömenden Menge, ein Fan freute sich über die „tolle Atmosphäre jedes Mal.“

 
 
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