„Antigone“ in Bietigheim-Bissingen Klassische Tragödie modern erzählt

Von Susanne Yvette Walter
„Antigone“ wurde am Mittwochabend im Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen gezeigt. Foto: /Werner Kuhnle

Die Württembergische Landesbühne Esslingen füllt den Kronensaal in Bietigheim-Bissingen mit antikem Stoff. Gezeigt wird „Antigone“.

Die klassische griechische Tragödie „Antigone“ von Sophokles begleitet Schüler kurz vor dem Abitur seit Jahrzehnten. Es geht darin um moralisch haltlose Familienbande zwischen Inzest und Brudermord und dem den Versuch, mit moralischen Riten wie einer ordentlichen Erdbestattung die Scherben wieder zusammenzufügen. Allein die Hauptfiguren mit den langen griechischen Namen in die Handlung einordnen zu können, verlangt hohe Konzentration.

Moral, Recht und Gerechtigkeit

Walter Jens hat die klassische Tragödie nachgedichtet und dabei herausgeschält, was an Moral, Recht und Gerechtigkeit zur Sprache kommt. In einer knackigen Inszenierung von knapp eineinhalb Stunden bringt die Württembergische Landesbühne Esslingen jetzt den Klassiker in der Fassung von Walter Jens auf die Bühne. Im Kronensaal sitzen am Mittwochabend die Oberstufenschüler ganz hinten im voll besetzten Theaterraum. Literaturhistoriker Jens wusste genau, wie viel griechische Tragödie er dem modernen Zuschauer noch zumuten darf und wie er die komplexen Dialoge im Original verschlanken muss.

Zu Beginn sitzt die ganze Familie um König Kreon am Bühnenrand und schnattert wild durcheinander. Klar wird die Ich-Bezogenheit des einzelnen. Ob da Protagonistin Antigone eine Ausnahme macht? Sie will die Schwester mit ins Boot ziehen, um heimlich hinter dem Rücken des Vaters ihren geliebten Bruder Polyneikes ordentlich zu bestatten, nachdem er im Kampf mit dem eigenen Bruder sein Leben verloren hat. Vater Kreon steht für Hass und unbeugbare Härte. Er versagt der Tochter den letzten Wunsch und zeigt sich unerbittlich in seinem Urteil, als sie es hinter seinem Rücken tut. Und so sitzt sie am Bühnenrand, rauft sich die Haare bei der Urteilsverkündung. Im Publikum ist es totenstill. Antigone soll lebendig eingemauert werden und erhängt sich im Bühnenvorhang, in den sie sich eindreht, sodass nur noch der Saum ihres Rockes zu sehen ist.

Ohne aufwendige Kulisse

Die Inszenierung der mobilen Württembergischen Landesbühne kommt ohne aufwendige Kulisse aus. Im Lauf des Stücks treffen sich wendige Darsteller immer wieder am Bühnenrand – es werden immer weniger. Am Ende steht König Kreon mit seinem Sack voll Schuldgefühlen alleine da.

„Besonnenheit wiegt stärker als Hass aus falschem Stolz“, kommt ihm die Erkenntnis – die Moral aus der Geschicht’ ist einfach und liegt eigentlich auf der Hand. Am Ende brandet minutenlang der Beifall. „Hurra ich habe verstanden, um was es geht“, schmunzelt Sina Schweiker aus Bietigheim-Bissingen. Falls Antigone im kommenden Abitur immer noch immer Thema sein sollte, ist diese Inszenierung auch ein anschaulicher Crashkurs. 

Susanne Yvette Walter

 
 
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