Schlendern, suchen, stöbern, entdecken, spontan verlieben und nach kurzer Verhandlung kaufen: das geschah am Wochenende wohl hundertfach auf dem Ludwigsburger Marktplatz. Es war Antikmeile und die Antiquitäten drängten sich auf den Verkaufstischen ebenso wie die Kauf- oder auch einfach nur Schaulustigen davor.
Antikmeile in Ludwigsburg Ein Fest des Stöberns und Staunens
Kurioses und Historisches, Stylisches und Wertvolles: Die Antikmeile hat den Ludwigsburger Marktplatz am Wochenende mit Antiquitäten aus vielen Epochen und Kulturen gefüllt.
Und zu entdecken gab es einiges: auf 1841 datierte ein mannshoher Kleiderschrank, etwas versteckt hinter anderen Möbeln. Wer ihn entdeckte, dem strahlte dessen bunte Bemalung entgegen, immer noch original, erklärte der Händler stolz. Direkt daneben konnte man einen Sekretär aufklappen. Und neben dem stand ein Einrichtungsgegenstand, den es wohl nur noch vereinzelt gibt, ein klassischer Zeitungsständer.
Porzellan drängte sich neben Schuhen und Lederwaren, altes Spielzeug neben kunstvoll geschliffener Glasware. Inmitten von Kristallen und Halbedelsteinen erklärte ein Händler einer Interessierten die verschiedenen Modelle einer Kaffeemühle, von denen er auch eine Kollektion im Sortiment hatte: Die älteste war über 100 Jahre alt. Multifunktional einsetzbar, konnte man mit ihr sogar Haferflocken mahlen, der Feinheitsgrad war verstellbar, „ein Traum“, schwärmte der Händler.
Einen Stand weiter präsentierte ein Händler eine Multifunktionsvase aus den 1960er-Jahren in knallorange: der Pfropfen im Hals der Vase konnte herausgenommen, umgedreht und selbst als Vase genutzt werden.
Osmanische Badeschale
„Das Gold ist schon 600 Euro wert, der Diamant ist schwer zu schätzen“, erklärte Christian Schwarz. Er und Fabian Benöhr nahmen Schätzungen vor, und vor ihrem Stand gab es eine lange Schlange. Da wurde schon einmal eine Marienstatue aus Holz herangetragen, andere hatten von ihren größeren Besitztümern aber auch nur Fotos dabei. So auch ein Mann, der den Schätzern ein Bild seiner Armbrust zeigte: vom Onkel habe er die, erzählte er, weiter lasse sich ihre Spur nicht zurückverfolgen. Ein Originalrelikt des Mittelalters war sie aber nicht. Als Kinder habe er damit kleine Stecken verschossen.
Eine Frau hatte eine Uhr dabei – da liege der Goldwert schon bei 2600 Euro, sagte der Schätzer, der Wert der Edelsteine käme noch hinzu. Und dann war da noch eines der wertvollsten Stücke an diesem Tag. Ganz vorne am Stand lag ein Bild der Antiquität im Wert von 4000 bis 5000 Euro: Eine osmanische Badeschale, die wohl um 1900 entstanden sei. Damals sei das Türkische Reich künstlerisch schon vom Westen beeinflusst, was man an den Verzierungen erkennen könne.
Wie sich Kultur und Zeitgeist seit 1850 verändert haben, das fasziniere ihn, sagt Fabian Benöhr. Er habe einen Art „Puppenhaus auf einem Zeitstrahl“ im Kopf, in dem sich die Stile ändern, und den er an die Exponate anlege. „Die Menschen gucken und tauchen ein“, viele merkten auf der Antikmeile: „Die Sachen haben Geschichte.“
Weiter an den Marktständen tanzten Putten neben Glasdelfinen, Pfeifensammlungen lagen neben zahlreichen Schreibmaschinenmodellen und in Kisten standen Flaschen historischer Brause- und Limonadenmarken, die es heute nicht mehr gibt. Und wenn man ein vergilbtes Ludwigsburger Adressbuch aufschlug, konnte es aus dem Jahr 1956 stammen.
„Vergessen Sie KI“
Afrikanische Masken lagen neben Porzellangeschirr, ein Oldtimer-Motorrad stand neben chinesischen Terrakotta-Soldaten. „Vergessen Sie Künstliche Intelligenz, das steht alles schon hier drin“, rief ein Verkäufer und schlug einen enormen Wälzer auf: „Die Anatomie der Haustiere“ – von 1883.
Vorbei an übervollen Schmuckkästchen, Akkordeons und dem Miniaturbau einer spanischen Galeone ging es – bis man vor einer gebundenen Sammlung von Ausgaben der Süddeutschen Zeitung stand, die 1914 „vom österreichischen Kriegsschauplatze“ berichtete. Und so war die Antikmeile auch dieses Jahr wieder: ein Abtauchen in vergangene Zeiten und ihre Überbleibsel – ein Fest des Stöberns und Staunens.
