Archäologen legen beim Eichwaldgelände Grabstätte frei Sensationeller Fund aus der Steinzeit

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Archäologen haben beim Eichwald ein äußerst ungewöhnliches Grab aus der Jungsteinzeit gefunden. Der Verstorbene wurde auf dem Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten begraben. Foto: Martin Kalb

Archäologen haben beim Eichwald-Gelände in Sachsenheim ein äußerst ungewöhnliches Grab aus der Jungsteinzeit gefunden. Der Verstorbene wurde auf dem Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten begraben.

Bald wird die Neckarenztal-Leitung beim Eichwaldgelände verlegt. Im Sachsenheimer Gewann Semmeläcker rechneten Archäologen in diesem Bereich mit Funden aus der Jungsteinzeit. Tatsächlich konnten die Archäologen der Firma Fodilus aus Tübingen bereits im Februar durchaus spektakuläre Funde zutage fördern (die BZ berichtete).

Neben vielen Vorratsgruben und Scherben die zweifelsfrei der Bandkeramik-Epoche (etwa 5500 bis 5000 vor Christi) zugeordnet werden, ist das Team um Grabungsleiterin Dr. Magali Garcia auf Reste einer Bandkeramik-Siedlung gestoßen.

Viele Epochen lang besiedelt

Unweit der ehemaligen Siedlung, die vermutlich über viele Jahrhunderte immer wieder mal bewohnt war, wurden zudem Überreste eines Skeletts in einem für die Bandkeramik typischen Hockergrab freigelegt. An sich schon eine kleine Sensation, zumal die Kombination mit Siedlung und einem Grab nach Auskunft von Dr. Andrea Neth, vom Landesamt für Denkmalpflege, eher selten zu finden ist. Der Erhaltungszustand dieses Skeletts war jedoch eher dürftig. Lediglich Schädel-Fragmente und ein Oberschenkelknochen konnten die Grabungsexperten sichern.

Insgesamt 23 Gräber gefunden

Inzwischen hat das Grabungsteam um Magali Garcia auf einem Areal von etwa 20 auf 50 Meter ein Gräberfeld mit 23 Gräbern freigelegt. Das ist schon bemerkenswert. Sechs, für die Jungsteinzeit seltene Brandbestattungen haben die Ausgrabungen zutage gefördert. Einige davon sogar in derselben Grube in der ein Hockergrab war. Die Kombination Brandbestattung zusätzlich in einem Hockergrab sei sehr außergewöhnlich, so Neth.

In einem anderen Grab liegen die Überreste zweier junger Menschen in der typischen Hockergrab-Stellung, allerdings direkt übereinander. Der unten bestattete Mensch dürfte dem Schädel nach zu urteilen, in der Pubertät gewesen sein, so eine Grabungsexpertin. Das direkt darauf liegende Skelett war ebenfalls ein jugendlicher Mensch. Am Grab lag ein etwa 30 auf 30 Zentimeter großer Stein. Eventuell wurde damit das Grab markiert.

Auf dem Bauch liegend beerdigt

Ein wenige Meter davon entferntes Grab bezeichnen die an der Grabungsstelle anwesenden Archäologen schlichtweg als Sensation. Normalerweise haben die Menschen in der Jungsteinzeit die Gräber flach ausgehoben und die Verstorbenen in einer Embryonal-Stellung seitlich liegend beigesetzt, weshalb diese Gräber eben Hockergräber bezeichnet werden. Das nun freigelegte Grab verjüngt sich allerdings trichterförmig nach unten, eine bisher aus der Bandkeramik unbekannte Grab-Form, aber damit nicht genug: Die verstorbene Person wurde in dieser etwa 40 auf 120 Zentimeter breiten und etwa 120 Zentimeter tiefen Trichtergrube mit nach hinten angewinkelten Füßen auf dem Bauch liegend beigesetzt. Neth, die über Bandkeramik promovierte und eine ausgewiesene Expertin dieser Epoche ist, meinte: „so was kenne ich bisher nicht“. Bei der so ungewöhnlich beigesetzten Person dürfte es sich um einen Mann handeln.

Eine Feuerstein-Pfeilspitze wurde ebenfalls in dem Grab gefunden. Das Skelett ist in einem erstaunlich guten Zustand. Warum dieser Mensch in dieser ungewöhnlichen Position vor rund 7000 Jahren so beigesetzt wurde, ist unklar. Nach Auskunft von Dr. Ralf Keller, Geschäftsführer der Firma Fidolus, wurden im Mittelalter gelegentlich Verbrecher so bestattet. Es könnte vielleicht auch die Angst vor sogenannten „Wiedergängern“ eine Rolle gespielt haben. Von dem Grab wird anhand einiger Fotos ein 3D-Modell angefertigt, um für spätere Untersuchungen die Fundsituation zu dokumentieren.

Skelett wird näher untersucht

Aufgrund der sehr ungewöhnlichen Position des Verstorbenen, werde man sehr wahrscheinlich nähere Untersuchungen des Skeletts vornehmen, so Andrea Neth. Dabei wird, sofern verwertbare DNA gefunden wird, das genaue Alter und das Geschlecht zweifelsfrei bestimmt. Dabei könnten auch Erkenntnisse über Ernährungsgewohnheiten gewonnen werden. Eventuell könne man auch feststellen, ob dieser Mensch sein ganzes Leben hier verbracht hat oder ursprünglich aus einer anderen Gegend stammte.

Handel in der Jungsteinzeit

Sicher ist, dass die Menschen damals bereits Handel betrieben haben. Das belegen auch Fundstücke aus Sachsenheim. Das für Steinzeitbeile sehr beliebte Gestein Amphibolit kommt hier nicht vor und muss über weitere Strecken hierher gelangt sein.

Oberhalb der jungsteinzeitlichen Siedlung wurden zwei Urnengräber aus der Bronzezeit (etwa 1200 bis 800 vor Christi) gefunden. Dies lässt nach Auskunft von Neth den Schluss zu, dass diese Gegend über viele Epochen lang besiedelt war. Insgesamt eine sehr interessante und aufschlussreiche Grabungsstelle, sind sich die beteiligten Archäologen einig.

 
 
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