Ausflugstipp in Sachsenheim Eine Kirche, die einst eine Festung war

Von Michael Bosch
Die Stadtkirche in Großsachsenheim gehört zu den wenigen Wehrkirchen in der Region. Foto: Evangelische Kirchengemeinde

Auf Erkundungstour in der Region – zu geheimnisvollen Burgen und Ruinen, prächtigen Schlössern und eindrucksvollen Kirchen. Heute: die Wehrkirche in Großsachsenheim.

Die Stadtkirche in Großsachsenheim prägt den Ortskern. Zu Besuch in einem besonderen Gotteshaus im Kreis Ludwigsburg.

Was ist das Besondere an St. Fabian und Sebastian? Das besondere an der Großsachsenheimer Stadtkirche ist eigentlich unverkennbar. Zur Hauptstraße hin ist sie von einer dicken Mauer abgeschirmt, die unüberwindbar scheint. Das sollte sie auch sein. Denn in früherer Zeit diente der Bau dem Schutz der Bevölkerung, die sich dorthin flüchten konnte, wenn Feinde im Anmarsch waren oder sonstiges Ungemach drohte. Von der Wehrhaftigkeit zeugen beispielsweise noch erhaltene Schießscharten an der Nord- und Südseite des Kirchturms. Auch die Mauern wirken selbst für eine Kirche außergewöhnlich dick.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kirche im Jahr 1265, zu dieser Zeit gab es nur einen zweistöckiger Chorturm. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Kirche mehrmals umgebaut und renoviert. 1714 verschwand der Friedhof, der sie bis dahin umgeben hatte, er wurde an den Stadtrand verlegt. Derzeit ist die Kirche wieder eingerüstet. Das älteste Gebäude an der Stelle ist das Pfarrhaus mit seinem charakteristischen Fachwerk. Vermutlich war es im Mittelalter ein „burgartiger“ Herrensitz, den die Herrscherfamilie von Sachsenheim ab dem 15. Jahrhundert – als ihnen die Burg im benachbarten Untermberg nicht mehr gefiel – nutzte. Dass es der übrigen Bevölkerung für die damalige Zeit nicht unbedingt schlecht ging, zeigt die stattliche Kirchenanlage. „Kirchen waren gebauter Bürgerstolz“, sagt Pfarrer Dieter Hofmann.

Was hat es mit den Türmen auf sich? Im Kirchturm befand sich lange Zeit eine sogenannte Türmerwohnung. Wer dort wohnte, hatte die Aufgabe, Alarm zu schlagen – nicht nur bei Feinden, auch bei Feuer. Zuletzt hatte die Sachsenheimer Jugendarbeit dort ein Büro, das sich großer Beliebtheit erfreute. Auffallend sind auch die kleineren Türme an der Nordseite, einer direkt an der Mauer, der andere an den Chor gebaut. In den Turm in der Mauer wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein böse Buben – jedoch nicht die ganz bösen, die kamen alle auf den Hohenasperg – gesperrt. Wer beispielsweise geschlägert oder sich der Trunksucht schuldig gemacht hatte, wurde in den Turm verfrachtet. Frauen hatten einen separaten Raum, um über ihre Verfehlungen nachzudenken: den direkt am Chor der Kirche.

Wo gibt es Kirchen ähnlicher Bauart? Wehrkirchen wurden nur dort errichtet, wo es keine Stadtmauer gab. „Zumindest in der Größe und Massivität kenne ich keine in der Umgebung“, sagt Pfarrer Hofmann. Im Kreis Ludwigsburg waren die Annakirche in Benningen und die Georgskirche in Schwieberdingen als Wehrkirchen konzipiert. Auch um die Amanduskirche auf der Anhöhe in Freiberg-Beihingen gab es einst eine Mauer mit Schießscharten.

Was gibt es im Inneren der Kirche? In der Großsachsenheimer Stadtkirche sind die Grabplatten der Sachsenheimer ausgestellt. Ursprünglich waren die Adligen wohl auch dort begraben gewesen, zumindest wurden bei Bauarbeiten Knochen gefunden. An Jörg von Sachsenheim, Sohn des Dichters Hermann von Sachsenheim und Ritter des Deutschordens, erinnert ein Grabschild mit dem Sachsenheimer Wappen – nach innen gebogenen Büffelhörner. Weil es aus Lindenholz gefertigt ist, ist es besonders wertvoll.

Im Kirchturm hängen vier Glocken, die schwerste wiegt 1,2 Tonnen. Heute regelt eine sogenannte Läuteordnung, wann welche Glocke und zu welchem Anlass erklingt. Erwähnenswert ist das deshalb, weil 1661 Pfarrer Sartor die Kirchengemeinde verließ und nach nach Pfullingen zog. Der Grund: Sartor war erbost darüber, dass die Glocken nicht richtig geläutet würden, sodass man nicht wisse, ob nun Kirche sei oder nicht.

Wie kommt man hin? Vom Bahnhof in Sachsenheim ist es nur ein kurzer Fußmarsch zur Kirche. Von Ludwigsburg aus fährt man dorthin mit der Regionalbahn 17 (RB17). Direkt vor der Türe halten die Busse der Linien 544, 554, 556 und 571 in der Hauptstraße, außerdem gibt es öffentliche Parkplätze neben dem Gemeindehaus.

Was gibt es in Sachsenheim sonst noch so Sehenswertes? Nur einen Katzensprung entfernt liegt das eigentliche Wahrzeichen der Stadt, das in fünfjähriger Bauzeit aufwendig restaurierte Wasserschloss aus dem 15. Jahrhundert. Im Schloss-Freibad direkt dahinter lockt an warmen Sommertagen der Sprung ins kühle Nass.

Für Wanderfreunde bietet sich beispielsweise der Rundwanderweg im Kirbachtal oder der Wald- und Seeweg in Häfnerhaslach an. Wer das Sonnensystem und gleichzeitig die Stadtteile Sachsenheims erkunden möchte, kann das auf dem Planetenweg tun. Sachsenheim ist darüber hinaus eine von 53  Städten und Gemeinden, die mit dem „Wein Süden Weinort“-Siegel ausgezeichnet worden sind.

 
 
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