Manfred Henne ist 80 Jahre alt. Die Nazi-Zeit hat er nicht mehr direkt erlebt. „Dennoch bin ich ganz nah dran und emotional sehr davon betroffen“, sagt der Gemmrigheimer. Manfred Henne hat seit 2015 20 Bücher veröffentlicht, die Hälfte davon sind Gedichtbände, die andere Hälfte sind Beschreibungen lokaler Nazi-Größen oder kleiner Konzentrationslager, auf die er im Kreis oder seinem Heimatlandkreis Zollern-Alb stieß.
Autor aus Gemmrigheim Schreiben gegen das Vergessen
Der Gemmrigheimer Manfred Henne schreibt Gedichte, recherchiert aber auch zu lokalen Nazi-Größen.
Eigentliche Leidenschaft: das Schreiben von Gedichten
Angefangen hat Henne aber mit Gedichten. Er war bis zur Rente Schriftsetzer bei Salamander in Kornwestheim und im Reclam-Verlag Ditzingen. Vor allem bei Reclam konnte er nicht genug von den literarischen Werken bekommen und nach seiner Rente fing er an, Gedichte zu schreiben. „Das ist meine eigentliche Leidenschaft, die historischen Bücher schreibe ich gegen das Vergessen und zum Aufrütteln.“ Zudem ist Henne in der Landesarchäologie als ehrenamtlich Beauftragter für das Landesamt für Denkmalpflege tätig und nimmt regelmäßig an archäologischen Grabungen teil.
Auf seinen Streifzügen durch die Region oder Besuchen im Zollernalbkreis stieß er auf manche Personen, die in der Nazizeit – ganz lokal – eine Rolle spielten. Deren Geschichte und ihr Wirken im Dritten Reich wollte er aufspüren und in einfache, faktenbasierte Worte fassen, „um den heutigen Menschen zu zeigen, dass es so eine Schreckensdiktatur auch in ihrer Nähe gab, und immer wieder geben kann“, sagt Henne.
Er hat über Dr. Otto Mauthe und die Euthanasie in Grafeneck geschrieben. Dafür, so sagt er, gab es persönliche Gründe, denn seine Mutter war eine geborene Mauthe, gehörte zur Familie des Schreckensarztes, der einer der Initiatoren der „Vernichtung unwerten Lebens“ war. Henne schrieb das Buch „Dr. Otto Mauthe und die Euthanasie in Grafeneck. Eine unrühmliche Verwandtschaft.“ „Diese Recherche und das Schreiben gingen mir sehr nahe, da musste ich oft pausieren“, sagt er. Er beschrieb das Konzentrationslager Heuberg in Stetten am Kalten Markt und die ersten Verfolgungsaktionen der Nazis 1933. 3500 Männer durchliefen das Lager, hauptsächlich Regimekritiker und politische Gefangene, so zum Beispiel der erste Vorsitzende der SPD, Kurt Schumacher, und der spätere Generalstaatsanwalt und Initiator der Auschwitzprozesse Fritz Bauer.
Auch über Wilhelm Boger, den brutalen Folterer im Konzentrationslager Auschwitz schrieb er. Boger starb 1977 im Krankenhaus Bietigheim, als er von der Haftanstalt Hohenasperg dort eingeliefert wurde. Um seine grausamen Foltermethoden an den Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz besonders unmenschlich zu gestalten, erfand er die sogenannte „Boger-Schaukel“.
Wendelgard von Staden
half Häftlingen
Hennes neuestes Buch heißt „Die Wahrheit darf nicht schweigen“. Hier bringt Henne mehrere Aspekte zusammen. Einerseits beschreibt er das Unternehmen „Wüste“. Die Nationalsozialisten versuchten im Zollernalbkreis aus dem dortigen Posidonienschiefer Treibstoff zu gewinnen. Zu dem Komplex gehörten sieben Konzentrationslager. Tausende Häftlinge mussten unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Täter und Opfer kommen zu Wort.
Zweitens: Das Konzentrationslager in Vaihingen-Kleinglattbach wurde auf dem enteigneten Wiesengrund der Familie von Neurath errichtet. Wendelgard von Staden, die 100-jährig immer noch in Kleinglattbach lebt, hat als Jugendliche zusammen mit ihrer Mutter den Häftlingen Hilfe geleistet, während ihr Onkel, Konstantin von Neurath, als Reichsaußenminister die Nazis unterstützte.
„Es darf nicht aufhören, dass wir über diese Schreckenszeit berichten“, sagt Manfred Henne.
