Über Jahrzehnte kämpfte die Stadt Markgröningen um den Anschluss an das württembergische Bahnnetz – mit Rückschlägen, Hoffnungen und politischen Kontroversen. Die Geschichte der vor 110 Jahren in Betrieb genommenen Bahnstrecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen spiegelt dabei nicht nur die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs wider, sondern auch den Wandel einer ganzen Region.
Bahnanschluss in Markgröningen Hoffnung, Fortschritt und Stillstand
Die Bahnstrecke von Ludwigsburg nach Markgröningen hat eine wechselvolle Geschichte – von ersten Plänen im 19. Jahrhundert bis hin zur Stadtbahn Lucie.
Nachdem die Bahn 2003 eingestellt worden war, gewann die Strecke jüngst mit den Stadtbahn-Plänen neuen Auftrieb. Die Reaktivierung der Nebenbahn Markgröningen – Möglingen – Ludwigsburg wäre die erste Ausbaustufe eines neuen Streckennetzes gewesen, das durch Ludwigsburg bis Pattonville und dann als SSB-Stadtbahn weiter in Richtung Remseck-Aldingen hätte führen sollen.
Im Wettbewerb mit Bietigheim den Kürzeren gezogen
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Markgröningen auf einen Bahnanschluss gehofft. Doch im Wettbewerb mit Bietigheim um die Trassierung der sogenannten „Westbahn“ über Bretten nach Bruchsal zog die Stadt den Kürzeren. Während Bietigheim bereit war, zusätzliche Kosten zu übernehmen, blieb Markgröningen ohne direkten Anschluss – mit langfristigen Folgen für Wirtschaft und Bevölkerungsentwicklung.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, entstanden ab den 1890er-Jahren erste Pläne für eine Stichbahn von Asperg nach Markgröningen. Mehrere Anträge und Konzepte wurden diskutiert, zunächst ohne Erfolg. Erst 1908 beantragten die Kommunen Ludwigsburg, Möglingen und Markgröningen gemeinsam den Bau einer normalspurigen Staatsbahn. Die Städte erklärten sich bereit, Grundstücke bereitzustellen und finanzielle Zuschüsse zu leisten. Schließlich genehmigte die württembergische Staatsregierung das Vorhaben, wie es der Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen (AGD) beschreibt.
Kriegsgefangene und Frauenbauen die Strecke
Der erste Spatenstich erfolgte am 4. März 1914. Die 8,5 Kilometer lange Strecke wurde unter schwierigen Bedingungen fertiggestellt – unter anderem mit Hilfe von Kriegsgefangenen, Frauen und Strafgefangenen. Die Kosten lagen bei 405.000 Mark für den Grunderwerb und 1,475 Millionen Mark für den Bau der Trasse.
Vor 110 Jahren, im Dezember 1916, nahmen die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen den Regelbetrieb auf. Anfangs verkehrten täglich nur wenige Züge zwischen Ludwigsburg und Markgröningen. Dennoch bedeutete die Bahnlinie für viele Einwohner einen entscheidenden Fortschritt. Pendler, Schüler und Händler waren nun deutlich schneller unterwegs.
In den 1920er-Jahren zeigte sich allerdings bereits, dass die Kapazitäten oft nicht ausreichten. Die Strecke entwickelte sich trotz aller Einschränkungen zu einer wichtigen Verbindung im Alltag der Region.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Strecke zunächst weiter in Betrieb. Tenderlokomotiven wie die der Baureihe Württ. Tn wurden mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern eingesetzt, auch ältere Personenwagen prägten noch lange das Bild des sogenannten „Zügles“. Doch mit dem zunehmenden Individualverkehr geriet die Nebenbahn immer stärker unter Druck.
1975 endet der Personenverkehr trotz immer mehr Einwohner
Am 29. September 1975 stellte die Deutsche Bundesbahn schließlich den regulären Personenverkehr ein – trotz wachsender Einwohnerzahlen in Möglingen und Markgröningen. Mehr als 1000 Pendler hatten, gemeinsam mit Gemeinderat und Stadtverwaltung für den Erhalt der Verbindung gekämpft, jedoch ohne Erfolg. Stattdessen wurden Bahnbusse eingesetzt. Damit war die Diskussion um die Strecke allerdings keineswegs beendet. In den 1990er-Jahren entstand erneut Hoffnung auf eine Reaktivierung. Umweltverbände, Kommunalpolitiker und Bürgerinitiativen warben für moderne Nahverkehrskonzepte. Die Aussichten schienen zunächst vielversprechend: Experten errechneten für die Reaktivierung einen außergewöhnlich hohen Kosten-Nutzen-Faktor.
Während viele Menschen in Markgröningen optimistisch waren, regte sich besonders in Möglingen Widerstand. Kritiker befürchteten zusätzliche Lärmbelastungen. Im Juli 2000 lehnte der Möglinger Gemeinderat eine Reaktivierung „zum jetzigen Zeitpunkt“ schließlich ab. Kurz darauf kündigte die Deutsche Bahn das Ende des Güterverkehrs an. Die letzte Fahrt auf der Strecke erfolgte am 11. August 2003, als ein Schwertransformator nach Markgröningen transportiert wurde. Danach wurde die Strecke für unbefahrbar erklärt.
Zeitsprung: Bei der Stadtbahn Lucie ist man inzwischen von der Handlungsebene in eine schwierige Gesprächsebene gerutscht. Nach dem Ausstieg Ludwigsburgs aus dem Stadtbahnprojekt 2025 fand der erste Vorschlag der Stadt zu möglichen Ausgleichszahlungen im Verwaltungsrat des Zweckverbands keine Mehrheit.
Diskussion um Finanzierungvon Stadtbahn Lucie hält an
Im Kern geht es um die Frage, wie finanzielle Ausgleichszahlungen im Zusammenhang mit dem Stadtbahnprojekt geregelt werden sollen – ein Punkt, der seit Längerem als besonders konfliktträchtig gilt. Parallel zur Überarbeitung des Vorschlags sollen die Stadt Ludwigsburg und die Geschäftsstelle des Zweckverbands die relevanten Aspekte nun erneut prüfen, berechnen und dem Gremium zur weiteren Beratung vorlegen. Erst im Anschluss soll entschieden werden, wie gegenüber den Mitgliedskommunen und der Zweckverbandsversammlung weiter verfahren wird.
Mit der Diskussion um die Finanzierung bleiben auch zentrale Grundsatzfragen offen. Nach Angaben des Zweckverbands betrifft dies unter anderem die künftige Streckenführung sowie die weitere Ausrichtung des Verbands selbst.
So geht die Debatte um Lucie längst über die reine Nahverkehrsfrage hinaus. Im Mittelpunkt stehen inzwischen Kosten, Zuständigkeiten und die politische Umsetzbarkeit des Projekts. Der Vorsitzende des Zweckverbands, Landrat Dietmar Allgaier, machte die Haltung des Gremiums unmissverständlich deutlich. Mit einer Reaktivierung der Strecke Markgröningen-Ludwigsburg könne man sich erst befassen, wenn Ludwigsburg eine verbindliche Zusage zum Kostenersatz abgegeben habe und innerhalb des Zweckverbandes eine Einigung erzielt wurde. Vor 110 Jahren war man da schon weiter.
