Dank sehr guter Verdienstmöglichkeiten wechseln junge Basketballtalente scharenweise über den großen Teich zu US-Colleges. Auch bei den Riesen macht sich der Trend bemerkbar.
Basketball-Bundesliga Aderlass auch bei den Riesen
Immer mehr Basketball- Nachwuchstalente zieht es an Colleges in den USA. Erst recht, seit es dort sehr gute Verdienstmöglichkeiten gibt.
Basketball in den USA spielen, gleichzeitig einen Universitätsabschluss machen und dafür auch noch richtig gut bezahlt werden. Was sich wie der Wunschtraum junger Basketballer liest, ist tatsächlich zu einem realistischen Szenario für viele Toptalente geworden. Denn der Oberste Gerichtshof der USA erklärte im Jahr 2021 die über 150 Jahre alte Praxis für verfassungswidrig, wonach College-Sportler aufgrund ihres Amateurstatus kein Gehalt beziehen dürfen. Zwar bleibt den Universitäten weiterhin untersagt, ihre Athleten direkt zu bezahlen. Doch die studentischen Sportler können auf Umweg von der Nutzung ihres Bildes und ihres Namens profitieren und sogenannte NIL-Deals abschließen (NIL = naming, image, likeness).
Jahresgehälter bis zu sechsstelliger Höhe möglich
Und die ermöglichen es plötzlich jungen Spielern zwischen 19 und 24 Jahren hohe, teils sechsstellige Gehälter im College-Sport beziehen zu können. Daher verwundert es auch nicht, dass viele junge deutsche Spieler dem Ruf des Geldes der international rekrutierenden US-Colleges folgen. Bezeichnenderweise wechseln mit Sananda Fru (Braunschweig), Hannes Steinbach (Würzburg) und Johann Grünloh (Vechta) jene drei Spieler in die USA, die jüngst die meisten Stimmen bei der Wahl zum besten deutschen Nachwuchsspieler (U22) in der Basketball Bundesliga erhalten haben. Ihren deutschen Vereinen den Rücken gekehrt und Verträge bei US-Colleges unterzeichnet haben mit Ivan Khartchenkov (Bayern München) und Elias Rapieque (Berlin) zwei weitere einheimische Top-Talente. Auch bei den MHP Riesen Ludwigsburg haben sich mit Dominykas Plata und Jacob Patrick zwei junge Spieler dafür entschieden, in die USA zu wechseln. Pleta wird in der kommenden Spielzeit für die Iowa State University auflaufen, Patrick das Trikot der University of Utah überstreifen. „Die Gelder, die in den USA gerade gezahlt werden, sind so hoch, dass kein deutscher und auch kein europäischer Klub da nur annähernd mithalten kann“, erklärt Yannis Wiele, Leiter der Basketball-Akademie und Nachwuchskoordinator in Ludwigsburg.
Teilweise seien mittlere und hohe sechsstellige Beträge im Jahr für Spieler zu verdienen, die in Deutschland bislang monatliche Gehälter zwischen 2000 und 5000 Euro bezogen haben.
College nun viel früher ein Thema für Talente
Die Welle, die die NIL-Deals in den USA schlagen, ist längst in Ludwigsburg angekommen. „Wir merken absolut, dass das College für viele junge Spieler jetzt noch viel früher ein Thema ist“, erzählt Wiele aus seinem Arbeitsalltag. „Jungs, die als 16-Jährige halbwegs auf Bundesliga-Kurs sind, haben jetzt schon viel früher Agenten, weil da jetzt richtig Geld im Spiel ist.“ So schön die neue Perspektive für die Spieler auch sei, die ausbildenden Vereine in Deutschland und Europa stellt das erst einmal vor ein gewaltiges Problem. Denn nachdem die Talente das eigene, bewährte Jugendprogramm mit Jugend-Basketball-Bundesliga (U16), Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (U19) erfolgreich durchlaufen haben, ist als nächster Schritt eigentlich der Sprung ins eigene Profiteam angedacht.
Doch mit einem Wechsel in die USA verlieren die Klubs ihre über Jahre hinweg ausgebildeten Talente – und das ohne jegliche Kompensation. „Wir wollen Spieler für die Bundesliga und eigentlich für unsere Profimannschaft ausbilden“, erklärt Yannis Wiele die bisher gängige Praxis in Ludwigsburg. „Wenn ein Spieler dann ausgerechnet in dem Jahr geht, in dem er eigentlich in der Bundesliga-Mannschaft eine Rolle übernehmen hätte könnte, dann wollen wir natürlich zumindest eine Ausbildungsentschädigung erhalten. Die ist im Fußball Gang und Gäbe. Im Basketball haben wir - gerade was Abgänge ins Collegesystem angeht – erheblichen Nachholbedarf.“
Das grundlegende Problem besteht vor allem darin, dass der US-College-Verband NCAA (National Collegiate Athletic Association) nicht unter dem Dach des Weltverbandes Fiba organisiert ist. Daher bleiben Ablösesummen und Kompensationszahlungen bislang komplett aus. „Bei einem Wechsel brauchen Spieler sonst immer eine Freigabe der Vereine“, erklärt Wiele. „Geht ein Spieler aber ans College, dann ist das gar nicht nötig. Die Vereine haben derzeit überhaupt keine Handhabe und können von heute auf morgen vor vollendete Tatsachen gestellt werden“, schildert der Ludwigsburger Nachwuchskoordinator das Dilemma. Es brauche daher dringend einen verbindlichen, rechtlichen Rahmen für solche Fälle. Und eben auch eine generelle Ausbildungskompensation für die Vereine.
„Das ist ein echter Exodus“, beschreibt auch BBL-Geschäftsführer Stefan Holz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur den Aderlass junger Spieler. „Als BBL allein können wir da nicht wirklich etwas tun. Das ist ein internationales Problem, deshalb haben wir den Weltverband Fiba adressiert.“
Mögliche Lösungen werden bereits erörtert
Aktuell werden verschiedene Modelle in Arbeitsgruppen erörtert, wie die ausbildenden Vereine entschädigt werden könnten. Eine Rückvergütung könnte die deutschen Vereine an den Gehältern beteiligen, die in Übersee an junge Spieler gezahlt werden. Oder aber es könnte ein „matching right“ eingeräumt werden, bei dem der ausbildende Verein mit dem besten Angebot gleichziehen könnte, das College-Rückkehrern von anderen Vereinen gemacht wird. Aktuell herrscht viel Unsicherheit. Auch bei den Spielern. Denn bei manchen Spielern, die beabsichtigen, an ein US-College zu wechseln, gibt es Unsicherheiten darüber, ob sie den Amateurstatus, der nach wie vor gefordert wird, erfüllen können.
„Ich wünsche natürlich allen Spielern nur das Beste“, betont auch Yannis Wiele. „Aber es wird auch Fälle geben, wo Spieler nicht den Status erfüllen, am College spielen zu können. Oder die trotz versprochener Top-Gehälter wenig Spielzeit erhalten oder sich auch sonst nicht wohlfühlen.“
Nicht alle Talente zieht es über den großen Teich
Und es verabschieden sich auch nicht alle Toptalente aus Deutschland. So hat sich der 19-jährige Nationalspieler Jack Kayil beispielsweise für ein Engagement bei Alba Berlin entschieden.
Auch die abwanderungswilligen Talente werden nach ihrer Collegezeit früher oder später wieder in ihre Heimat zurückkehren. „Langfristig ist die Entwicklung für den deutschen Basketball gut, weil das Berufsbild, Profibasketballer werden zu können, geschärft wird“, bringt es Yannis Wiele auf den Punkt. „Kurzfristig ist es eine Herausforderung für die Vereine mit der neuen Situation umgehen zu können.“
Wichtig sei jetzt aber, dass möglichst bald eine allgemeingültige Rechtssicherheit geschaffen wird, damit alle Beteiligten, Vereine wie Spieler, diese Herausforderung souverän meistern.
