Behandlung von Covid-Patienten „Personal ist unser größtes Problem“

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Bei der Ausstattung mit Geräten hatte die Klinik keine Probleme.⇥ Foto: RKH Kliniken

Zurzeit sind die Patienten, die beatmet werden müssen, jünger und gesünder als im Frühjahr. Die BZ hat bei den RKH Kliniken nachgefragt, was sich bei der Behandlung von Covid-Patienten geändert hat.

Seit rund neun Monaten behandeln die Ärzte im Kreis Ludwigsburg Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Was haben die Mediziner in dieser Zeit über das Virus gelernt und wie hilft ihnen dieses Wissen bei der Behandlung? Die BZ hat Prof. Dr. Götz Geldner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am RKH Klinikum Ludwigsburg, nach seinen Erfahrungen gefragt.

Sind die Symptome der Corona-Patienten heute anders als im Frühjahr?

Prof. Dr. Götz Geldner: Nein, sie sind relativ vergleichbar mit denen der ersten Welle: Fieber, Abgeschlagenheit und vor allem Husten. Was es jetzt auch gibt, sind Patienten mit Durchfallerkrankungen.

In der ersten Welle spielten Vorerkrankungen eine größere Rolle?

Am Anfang waren es viele Menschen vor allem mit Diabetes, Übergewicht, Atemwegserkrankungen und Bluthochdruck.

Ist das durchschnittliche Alter der Patienten gleichgeblieben?

Im Prinzip sind sie jünger und insbesondere die Patienten mit den schweren Verläufen sind jünger. Von denjenigen, die bei uns gerade an der ECMO (Künstlicher Lunge) sind, ist keiner über 60 Jahre alt. Auch bei dem sonstigen Beatmeten ist der Altersdurchschnitt gesunken.

Woher kommt das?

Das kann ich nicht sagen. Wir haben zurzeit im Schnitt gesündere und jüngere Patienten, die invasiv beatmet werden – im Moment. Zwei von ihnen an der ECMO sind zum Beispiel 48 und 56 Jahre alt.

Können Sie nun besser auf die Symptome reagieren als am Anfang?

In der ersten Welle haben wir nur in Ludwigsburg Covid-Patienten behandelt. Jetzt haben wir sie überall im Verbund, auch in Bietigheim. Hier an der Klinik sind wir auf Lungenversagen spezialisiert. Eine Therapieoption ist dabei, die Patienten auf den Bauch zu legen und an die künstliche Lunge zu nehmen. Das haben wir auch bei den Covid-Patienten von Anfang an gemacht. Deswegen haben wir extrem gute Zahlen gehabt, was die Sterblichkeit auf den Intensivstationen angeht, auf denen die Patienten im Schnitt drei bis vier Wochen beatmet werden. Während die Quote etwa in England am Anfang bei rund 60 Prozent lag, lagen wir bei rund 25 bis 30 Prozent auf der Intensivstation. Bei den thromboembolischen-Komplikationen – also Schlaganfall und Herzinfarkt – haben wir schon in der ersten Welle gelernt, dass wir einen Blutverdünner geben müssen.

Fließen Ihre Erfahrungen in den internationalen Austausch von Forschern ein?

Über meine Funktion als Vizepräsident beim European Board of Anaesthesiology habe ich viele Kontakte zu Kollegen. Von Anfang an habe ich mich mit Kollegen in Italien, Südtirol, Frankreich und Spanien ausgetauscht, die in der Entwicklung der Krankheitswelle weit vor uns waren. Die Erfahrungen, die sie dort gemacht haben, haben wir gleich umgesetzt.

Wie ist es für den Patienten, wenn er beatmet werden muss?

Es gibt zwei Phasen: Am Anfang steht die nicht-invasive Beatmung, 20 bis 30 Prozent der Patienten reicht diese Form der Behandlung. Sie bekommen eine Maske auf das Gesicht, aus der Überdruck herausströmt.

Die anderen Patienten müssen invasiv beatmet werden. Dabei wird ihnen ein Schlauch in die Luftröhre eingeführt. Das ist für den Patienten natürlich nicht angenehm, deshalb werden sie leicht sediert. Wenn man dann auf den Bauch gedreht wird, müssen die Patienten etwas tiefer sediert werden. Nichtsdestotrotz sind wir große Freunde der Spontanatmung: Am besten ist es, wenn der Mensch das Gerät selbst auslöst und gleichzeitig den Schlauch toleriert.

 Wie ist der Stand bei der Ausstattung?

Bei den Geräten hatten wir nie ein Problem, auch nicht während der ersten Welle. Bei den Einmal-Materialien wie Schutzkitteln hatten wir wie alle Krankenhäuser in der ersten Welle ein Problem. Aber diese Lager sind über den Sommer gefüllt worden. Zurzeit haben wir keinerlei Einschränkungen bei den Sachen, die wir brauchen. Bei manchen Medikamenten, zum Beispiel solchen zum Sedieren, wird es manchmal knapp, aber das war auch schon vor Covid so und hat damit auch nichts zu tun. Das ist eine Folge der Globalisierung und der Konzentration auf wenige Hersteller.

...und beim Personal?

Personal ist unser größtes Problem. Wir haben ja jetzt einen Langstreckenlauf vor uns. Ich denke, dass das noch eine Zeit lang gut gehen wird. Aber wir haben auf der einen Seite viele Patienten und auf der anderen Seite Personal, das zum Teil eben auch krank wird. Das wirkt sich vor allem im Bereich der Intensiv-Schwestern stark aus, die schon vor Covid gefehlt haben. An der Stelle möchte ich mich ausdrücklich für den tollen Einsatz der Pflegekräfte der Kliniken bedanken, natürlich auch bei allen anderen Berufsgruppen.

Gibt es Lösungsansätze?

Wir versuchen Ex-Schwestern anzusprechen. In der ersten Welle haben sich auch viele gemeldet. Wir versuchen aus dem Haus Mitarbeiter zu motivieren, auf die Intensivstation zu kommen. Woanders jemanden herzubekommen braucht man fast nicht zu versuchen, weil es den anderen Häusern genauso geht.

Wie ist die Auslastung bei Ihnen?

Wir haben jetzt ein anderes Problem mit der Auslastung als im Frühjahr, weil der Planungszeitraum mit Covid jetzt länger läuft: Wenn wir jetzt nur noch vitale Notfälle wie zum Beispiel Herzinfarkte behandeln würden, hätten wir damit 50 Prozent unserer Kapazität belegt – mit den Notfall-Patienten. Dazu kommen noch etwa 25 Prozent von Patienten zum Beispiel mit einem Tumor oder starken Schmerzen hinzu, deren Behandlung wir nicht länger als ein paare Tage oder Wochen verschieben könne. Diese OPs müssen jetzt gemacht werden, weil wir nicht davon ausgehen, dass Covid an Weihnachten vorbei ist. Jeder andere Patient ist uns genauso wichtig wie ein Covid-Patient. Daher müssen wir die Covid-Patienten mit der verbleibenden Kapazität versorgen und diese gegebenenfalls geschickt im RKH-Verbund und gegebenenfalls überregional verteilen. Es gibt sicherlich Eingriffe bei Patienten, die man ohne Probleme zu einem späteren Zeitpunkt machen kann – etwa wenn das Metall im Fuß entfernt werden muss. Solche Behandlungen verschieben wir mittlerweile auch.

Das ist aber doch sicherlich auch eine finanzielle Frage oder?

Ja, es ist eine finanzielle Frage, wobei ich zum Glück nur für die Medizin im Krisenstab der RKH zuständig bin. Denn bei der Behandlung von Covid-Patienten zahlen wir drauf. Aber das ist nicht mein medizinischer Ansatz. In den nun um zirka 25 Prozent reduzierten Kapazitäten der Häuser für elektive (ausgewählte) Patienten,  liegen jetzt die Covid-Patienten. Aber an diesen Patienten verdient die Klinik weniger als mit einem anderen Patienten, der potenziell in diesem Bett liegen könnte. Dies ist zwar defizitär, aber nicht zu ändern.

Gibt es Aussichten auf Medikamente, mit denen sich die Erkrankung künftig besser behandeln lässt?

Zum Beispiel Dexamethason haben wir von Anfang an verabreicht, deswegen haben wir vielleicht auch so gute Zahlen, und das werden wir auch weitergeben. Remdesivir kann man nur bei leichteren Verläufen geben, aber das machen wir auch. Bei allen viralen Erkrankungen ist es schwieriger als bei bakteriellen, für die es ein Antibiotikum gibt. Ich rechne jetzt nicht mit einem antiviralen Medikament gegen den Virus in den nächsten vier Monaten.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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