Besigheim Erinnerungen an die Kindheit

Von Jonathan Lung
Die inzwischen über 80-jährige Dagmar Freeland mit ihrer Tochter Kim beim Fischerstechen auf der Enz. Foto: /privat

Dagmar Freeland verließ ihre Heimatstadt Besigheim im Alter von 14 Jahren – nun kam sie mit Tochter und Schwiegersohn zum Winzerfest zurück. 

Mit gehäkelten blauen Trage-Ketten für das Weinglas: So stürzten sich drei Kanadier am ersten Abend des Winzerfests ins Getümmel der Besigheimer Altstadt. Wobei eine von ihnen eigentlich Besigheimerin ist, auch wenn sie ihr Leben ab dem 14. Jahr in Kanada verbrachte: Dagmar Freeland kommt aus dem Haus mit der Nummer 43 in der Turmstraße, wanderte aus, lebt heute in Toronto und ist zum Winzerfest zurückgekommen. Sie ist wohl eine der Gäste mit der längsten Anreise.

Mit ihr sind ihre Tochter Kim und deren Mann Claudio angereist, und zusammen erlebten sie das ganze Festprogramm: den Eröffnungsabend, das Fischerstechen, wo das „Lord of the Rings-Team“ ihr Favorit war, schließlich den Festumzug, der zum Glück noch trocken blieb – das Feuerwerk konnten sie dann von einem Hinterhof aus unter einem Sonnenschirm genießen. Ein Besuch der Felsengartenkellerei, und eine Wanderung hinauf zum Hörnle rundeten ihre Rückkehr in die alte Heimat ab.

Als 1956 Russland in Ungarn den Volksaufstand blutig niederschlug, machte das auch den in Besigheim lebenden Eltern Sorge: „Die Leute hier hatten furchtbare Angst, meine Eltern wollten nicht hierbleiben.“ Die Angst, dass Russland bis hierherkomme, war real, so Dagmar Freeland. Also brach man auf, nach Kanada. Ihre Mutter habe ohnehin immer auswandern wollen: „die dachte, dass Deutschland nach dem Krieg keine Zukunft hat“, erinnert sich Dagmar, „und dass ihre Kinder nicht zur Universität gehen können.“

Sie gingen so zuerst im März 1956 nach Kanada, ihre Mutter war Krankenschwester, die als Frau in Deutschland nicht arbeiten durfte, ihr Vater handelte mit Krawatten – und hatte erst Probleme mit dem Stil auf der anderen Seite des Atlantiks: „Das ist ein furchtbares Land, die tragen keine Krawatten“, habe er gesagt.

Zum dritten Mal beim Winzerfest

Das dritte Mal ist sie nun beim Winzerfest, regelmäßig alle zwei Jahre sei man dabei, bestätigt Tochter Kim. Alles habe die Mutter ihnen gezeigt: das Krankenhaus, in dem sie selbst zur Welt kam, die Schule, auf die sie ging. „Es ist sehr besonders, zu sehen, wo meine Mutter aufwuchs. Wo sie als kleines Kind herumrannte und spielte.“ Am Vortag seien sie in den Wald gegangen und hätten Tannenzapfen zum Heizen gepflückt, die Dagmar auch damals mit ihrer Schwester sammelte. Die Gegend findet die in Kanada aufgewachsene Tochter „so pittoresk“ – und darin wuchs ihre Mutter auf. Sie sieht den Fluss heute, in dem Dagmars Eltern ihr das Schwimmen beibrachten. „Es fühlt sich sehr besonders an, hier zu sein“, beschreibt die Tochter ihre Gefühle.

„Mein Urgroßvater, Adam Fleck, der auch das Haus gebaut hat, hatte auch einen Weingarten, direkt gegenüber“, erzählt Dagmar. Ihr Urgroßvater war Rektor der Schule. Sie selbst ist schon oft nach Besigheim zurückgekommen, auch mit den kleinen Kindern – ein besonders eindrücklicher Besuch war, als währenddessen 9/11 geschah.

Bei einem Besuch, als es keine Hotels mehr gab, habe der frühere Bürgermeister ihnen auch den Schlüssel für das Hallenbad gegeben – „wir campten im Bad“, lachen Mutter und Tochter. „Jedes Mal, wenn wir herkommen, ist es ein Abenteuer“, findet Kim. Vor zwei Jahren waren sie während dem Winzerfest auch in Bietigheim untergebracht, weil sonst alles voll war. Zu ihrer Jugend sei man eher nicht nach Bietigheim gegangen, lacht Dagmar, damals war es „nichts“. Heute sei es aber „lovely“, bestätigt auch ihre Tochter. Diesmal waren sie bei einer befreundeten Familie vor Ort untergekommen.

Letztes Mal habe ihre Tochter während der Parade erzählt, dass ihre Mutter von hier sei, bis einer in deren Alter plötzlich fragte: „Dagmar? Ich kenne eine Dagmar“ – ein Kindheitsbekannter, der sie noch aus dem Kindergarten kannte. Auch dieses Jahr genoss sie die Parade: „Ich habe die Bands wirklich genossen, wegen der Art der Musik, schottischer Dudelsack zum Beispiel. Ich mochte es, ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihre Instrumente trugen, diese Leute spielten weiter, während sie marschierten und hörten nie auf, wie bei anderen Paraden, die ich anderswo gesehen habe.“ Für ihren Schwiegersohn Claudio war es das erste Mal in Besigheim: eine „schöne Parade“, fand auch er. „Ich fühlte mich willkommen. Wir haben die Vereine und Verbände kennengelernt, das Gemeinschaftsgefühl, sogar die Toilettenreiniger waren vertreten, der Jagdverein, der Sport, die Vielfalt des Gemeinschaftssinns“, blieb ihm in Erinnerung. „Ich fand es so lustig, wie Leute in der Öffentlichkeit trinken können, weil es in Toronto verboten ist“, fügt seine Frau Kim hinzu.

„Als ich ein Kind war, waren die Fachwerkhäuser in Besigheim nicht schön“, erinnert sich Dagmar. „Und die Straßen hatten nicht die Steine, die waren aus Asphalt. Die Amerikaner sind hier mit ihren Panzern durchgefahren. Nichts war in gutem Zustand – und die Leute hatten kein Geld.“ Seit 1956 sind viele neue Gebäude hinzugekommen Es gibt einen neuen Friedhof, eine neue Thai-Massage zusammen mit anderen neuen Geschäften, sieht sie, „alles auf dem Kies ist neu. Viele Geschäfte haben sich verändert. Das ist ein Fortschritt“, findet sie.

„Es war magisch in Besigheim“

Sie vermisst Besigheim und ihre Kindheit dort: „Es war magisch in Besigheim. Es erinnert mich an lustige Zeiten mit meinen Schwestern in dieser schönen Stadt und Gegend. Früher sind wir überall und die ganze Zeit gewandert, am Fluss entlang, durch die Weinberge, haben Walnüsse gegessen, die wir damals pflücken durften. Ich erinnere mich an die Tabletts mit rohen Keksen, die wir zum kommunalen, örtlichen Bäcker brachten, weil damals noch niemand einen Elektroherd hatte. Der Geruch war köstlich berauschend.“

2027 wird sie wieder beim Winzerfest sein – sie hat schon gebucht.

 
 
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