Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Toten- oder auch Ewigkeitssonntag, gedenken Christen der Verstorbenen. In der katholischen Kirche folgt das Requiem, also die Totenmesse, der immer gleichen Liturgie, die mit der Zeile „Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr“ beginnt. Ab dem 15. Jahrhundert setzten sich auch Komponisten mit der Totenmesse auseinander. Die bekanntesten Requien sind jene der Katholiken Mozart, Verdi, Dvorák und Cherubini. Als evangelisches Pendant hat Johannes Brahms (1833-1897) mit seinem „Deutschen Requiem“ der Welt eines der großartigsten geistlichen Chorwerke überhaupt geschenkt. Anders als in der katholischen Totenmesse stehen nicht die Toten selbst und ihr Seelenfrieden im Fokus, nicht der Erlösungstod Jesu, der namentlich gar nicht erwähnt wird, nein, das liberal-theologische, humanistische Opus 45 richtet sich an die Hinterbliebenen.
Besigheim Gesänge des Trostes und der Zuversicht
Die Kantorei Besigheim, die Sinfonia 02 Stuttgart und zwei Solisten beschenken das Publikum mit einer anrührenden Wiedergabe von Johannes Brahms‘ Meisterwerk „Ein deutsches Requiem“.
Anspruchsvolle Partitur
Der Besigheimer Kantor Tobias Horn stellte sich in diesem Jahr der nicht leichten Aufgabe, das gewaltige Werk zur Aufführung zu bringen. Die Kantorei hatte in langen Probenwochen die anspruchsvolle Partitur zu lernen, und es mussten ein groß besetztes Orchester und zwei Solisten verpflichtet werden. Diese waren die Sinfonia 02 Stuttgart unter ihrem Konzertmeister Mathias Neundorf, Miriam Burkhardt, Sopran, und Barıs Yavuz, Bariton.
Man spürte, bevor der Chor mit den Worten „Selig sind, die da Leid tragen“ einsetzte, die Anspannung, ja den Respekt der Ausführenden vor diesem Schwergewicht der romantischen Chorliteratur. Gut, dass sich Tobias Horn viel Zeit nahm und dem Chor gab, aus der Ruhe heraus in den Puls des vielgliedrigen Satzes hineinzufinden.
Feinsinnig wurde ein weiter dynamischer Bogen bis hin zum Höhepunkt „mit Freuden“ herausgearbeitet und das Changieren von Dur und Moll gestaltet. Mit fast brutaler Expressivität danach der Satz „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“, ein Sinnbild des erbärmlichen, zum Sterben verdammten Lebens des Menschen. Überzeugend gut gelang die Fuge „Die Erlösten des Herrn“, bei der die Stimmen im Chorsopran besonders positiv auffielen.
Bläser sorgen für Höhepunkt
Die kernige, durchsetzungsstarke Stimme Barıs Yavuz‘ trat bei „Herr, lehre doch mich“ in einen Dialog mit Chor und Orchester. Bei „Ihr habt nun Traurigkeit“ danach die warme Stimme Miriam Burkhardts, die ganz unmittelbar die Gefühlswelt der Zuhörer ansprach. Das Werk erreicht in der Feststellung „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg“ seinen beinahe rauschhaften Höhepunkt im Fortissimo, bei dem die Bläser des Orchesters ihre großen Momente haben. Jahrhundertelang galt: Wenn nichts mehr geht, folgt eine Fuge. Mit großer Behutsamkeit führte der Kantor seine Choristen schließlich durch das kontrapunktische Geflecht des Satzes „Herr, du bist würdig“.
Das „Deutsche Requiem“ endet, wie es begonnen hat – mit einer Seligpreisung: „Selig sind die Toten“. Das Stück verfehlte auch am Sonntag in Besigheim seine Wirkung nicht. Minutenlanges Schweigen – erst dann der erlösende, dankbare Beifall des Publikums.
Weil das „Deutsche Requiem“ mit etwa einer Stunde Dauer für einen Konzertabend etwas kurz gewesen wäre, erklangen – quasi im Vorprogramm – Brahms‘ früher „Begräbnisgesang“ op. 13 für Chor und Bläser sowie Paul Hindemiths „Trauermusik für Streichorchester mit Solobratsche“ (1936) mit dem Solisten Lonn Akahoshi, zwei kürzere Werke, die die Klangfarben des Chores den Ohren der Zuhörenden bereits vor dem Hauptwerk vertraut machten.
