Ich habe nicht alles falsch gemacht“, sagt Michael Müller und lacht. 1991 hat der heute 60-jährige das Unternehmen Lila Logistik als Student im Keller seines Elternhauses gegründet. Schon damals stand für ihn fest, dass er nicht einfach nur Waren von A nach B transportieren, sondern Logistiklösungen für seine Kunden finden will. Bald kamen internationale Standorte, Auszeichnungen und ein Börsengang hinzu. Vor zehn Jahren gab sich das Unternehmen mit Sitz in Besigheim eine eigene Verfassung. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 2500 Mitarbeiter. Die BZ hat mit dem CEO und Verwaltungsrats-Vorsitzenden Müller über die Nachfolgeregelung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Logistik Branche gesprochen.
Besigheim „Jetzt müssen die Jungen ran“
Bei Lila Logistik mit Hauptsitz in Besigheim arbeiten 2500 Mitarbeiter. Gründer Michael Müller hat sich früh um seine Nachfolge gekümmert.
Denken in Prozessen
Schon als Jugendlicher hatte Müller Einblicke in die Industrie bekommen. Sein Vater arbeitete in einer Konzernspedition. Dienstags, freitags und die Hälfte der Sommerferien packte der damals 13-Jährige mit an. Für sein eigenes Unternehmen stand für ihn schnell fest, dass es keine reine Spedition werden sollte. Dazu war die Konkurrenz in Süd- und Osteuropa zu groß. Müller wollte „hinter die Rampe“ und dort Wertschöpfung betreiben, indem er zum Beispiel die Steuerung des Informationsflusses übernahm.
„Am Anfang war das schwierig“, sagt Müller. Doch der Kaufmann und Betriebswirtschaftler knüpfte erste Kontakte in einer Besenwirtschaft mit Leuten, „die offen waren und mir einen Vertrauensvorschuss gaben“, sagt er. Transport, Auftragsmanagement und Callcenter-Funktion: Zu Beginn der 1990er-Jahre seien die amerikanischen Kunden weiter gewesen als die deutschen, das Denken in Prozessen war dort verbreitet. Ein Ansatz, der dem Gründer entgegenkam.
Die DNA des Konzerns
Um sich am Markt zu behaupten, braucht es Kompetenz und vor allem die richtige Mannschaft, ist Müller überzeugt. Vor dem Wettkampf muss trainiert werden, nach dem Kräftemessen steht die Regeneration an, weiß der begeisterte Radrennfahrer. In den vergangenen 35 Jahren sei nicht alles problemlos gelaufen, aber aus Fehlern und Krisen zu lernen, sei zur DNA des Konzerns geworden. Ein Unternehmen, das in vielen Branchen zu Hause ist: Automobilindustrie, Medizin-, Pharma-, Elektronik-, Medien- oder E-Commerce-Branche. Der Logistiker, der zu 90 Prozent synthetischen Treibstoff einsetze, sieht in der Distribution für Verlage, „eines unserer Kerngeschäfte“.
Müller ist überzeugt davon, dass die Automobilindustrie nicht mehr in dem Maße wie früher nach Deutschland zurückkommen wird: „Wir versuchen, immer innovativ zu sein“. Nur so ließen sich strukturelle Krisen überstehen. 2500 Mitarbeiter, zahlreiche Auszeichnungen, der Gang an die Börse und Investitionen von rund 30 Millionen Euro in eine Auto-Store-Anlage zeugen vom Erfolg des Logistikers. Aber Müller denkt weiter: „Der Friedhof ist voll von Leuten, die geglaubt haben, unersetzbar zu sein“, sagt er. Zu denen wollte er nicht gehören.
Um die DNA seines Konzerns zu bewahren, „haben wir uns vor zehn Jahren eine Verfassung gegeben“, sagt er: „Darin haben wir unsere soziale und gesellschaftliche Verantwortung bewusst breit aufgestellt.“ Freude, Spaß und Humor sind im Konzern danach ebenso erwünscht wie eine klare Ziel- und Kundenorientierung. Gegenseitiger Respekt, proaktives Miteinander sollen genauso zum Arbeitsalltag gehören wie transparentes, glaubwürdiges und faires Kommunizieren und Handeln. Dem Konzerngründer ist aber auch klar: „Die Messlatte liegt sehr hoch, die reißen wir auch mal“, sagt er und sieht genau darin den Ansporn für eine permanente Weiterentwicklung. Dass es dabei nicht nur um Selbstverwirklichung geht, ist dem Konzernchef, der mit dem Begriff Work-Life-Balance nichts anfangen kann, wichtig: „Bei uns muss geschafft werden, aber wir bieten auch Perspektiven und Verantwortung.“
Im Arbeitsalltag spielt Künstliche Intelligenz bei dem Logistiker eine zentrale Rolle. Um zum Beispiel die Lieferketten zu optimieren, hat Lila Logistik eigene KI-Agenten entwickelt. Digitale Zwillinge begleiten Prozesse in Echtzeit und sorgen dafür, dass Probleme im Vorfeld erkannt werden – etwa, wenn ein Lkw mit falschen Teilen unterwegs ist. Im Medizin- und Laborbereich reinigt der Konzern gebrauchte Geräte und vertreibt sie über den Sekundärmarkt. „Unsere Idee ist es, Verschwendung zu vermeiden und Mehrwert zu genieren.“
Junge Mitarbeiter aufgebaut
Der Vater von zwei Töchtern hat frühzeitig damit begonnen, sich mit der Unternehmensnachfolge zu beschäftigen. Know-How sei wichtig, „aber am Ende des Tages sind es die Menschen, um die es geht“, sagt Müller. Der Konzern legte deshalb früh einen Fokus auf die Personalentwicklung. Damals sei alles hinterfragt worden, auch Liebgewonnenes. Junge Mitarbeiter der Führungsebene seien nach und nach aufgebaut worden und aufgestiegen. „Wir wollen Leuten eine Perspektive bieten, die die Lila-DNA haben“. Für Müller lässt sich diese in einer Formel zusammenfassen: Erfahrung ist für ihn „Können mal Wollen mal Dürfen“. Im Juli sind drei der jüngeren Generation in den Vorstand aufgerückt. Michael Müllers Vertrag läuft nach jetzigem Stand Ende 2029 aus: „Jetzt müssen die Jungen ran“, sagt er.
