Einladende rosa und grüne Stühle, ein Aquarium und Hängesessel, die von der Decke baumeln – im ersten Moment würde man wohl nicht vermuten, dass sich hinter den Türen einer Tennishalle in Besigheim ein so modernes und gemütliches Café verbirgt. Und noch weniger, dass es sich dabei um ein Familiencafé handelt.
Besigheim Mehr als ein typisches Familiencafé
Familiencafé klingt nach Spielecke und Kinderkarte. Im neuen Café „Sein“ in Besigheim gibt es Kindersofas, Höhlen und Raum für die Großen. Dahinter steckt die Geschichte einer Mutter.
Denn statt einer klassischen Spielecke gibt es hier unterschiedlichste Spielmöglichkeiten, die über den Raum verteilt, ganz selbstverständlich zum Teil der Einrichtung werden. „Viele Orte sind speziell für Erwachsene oder für Kinder. Ich hatte aber die Vision von einem Ort, an dem jeder einfach sein darf und seinen Platz einnehmen kann“, erklärt Julia Gänzle, die freudestrahlend in ihrem frisch eröffneten Café sitzt.
Ein Ort, um inne zu halten
Beim Café „Sein“ soll es nämlich, wie der Name schon vermuten lässt, genau darum gehen: um einen Ort, an dem sich alle willkommen fühlen – Kinder genauso wie Erwachsene. „Vielleicht auch ein Ort, an dem man sich mal mit einer Freundin ohne Kind treffen kann“, sagt Gänzle. Schließlich müsse ein Familiencafé nicht bedeuten, dass die Bedürfnisse der Erwachsenen zu kurz kommen. Im „Sein“ soll auch ein klassischer Kaffee-Klatsch mit Insta-Bild-Potenzial möglich sein. Vor allem aber möchte Gänzle Frauen und Familien einen Raum geben, in dem sie in Ruhe abschalten können. „Wieder in sich selbst hineinkommen, in dieses Sein“, beschreibt sie ihre Idee.
Hier solle es nicht darum gehen, welchen gesellschaftlichen Erwartungen eine Mutter oder eine Frau entsprechen sollte. Vielmehr gehe es um einen Moment des Innehaltens: „Wie geht es mir gerade? Wer bin ich?“
Diese Gedanken beschäftigen Julia Gänzle auch persönlich. Als Mutter eines vierjährigen Sohnes habe sie selbst erlebt, wie sich erst mal vieles neu sortieren musste: „Man hat als Frau ohnehin schon viele Rollen und wenn man dann auch noch Mutter wird, hat man noch mal eine Rolle mehr“, erklärt sie. Für sie habe das bedeutet, sich selbst immer wieder neu zu fragen: „Wer bin ich, Julia? Was macht mich aus?“ Hinter ihrer Café-Idee steckt aber auch noch mehr: Denn als sie und ihr Mann selbst Eltern wurden, merkten sie schnell, dass sie sich in Cafés und Restaurants in der Umgebung nicht immer willkommen fühlten. Zwar gab es vereinzelt eine Spielekiste – doch oft war diese irgendwo versteckt oder in einem schlechten Zustand.
Das wollte sie nun mit ihrem Café ändern: Hier gibt es keine klassische Spielecke, sondern überall verteilt kleine Spielimpulse, die zum Ausprobieren einladen sollen: etwa kleine Holzautos auf den Fenstersimsen, ein Wagen voller Bücher, die unterschiedlichsten Spielzeuge oder auch ein Sofa, das sich zu einer Höhle umbauen lässt. Dabei soll das ganze Café auch möglichst kindersicher sein, sodass sich die Eltern entspannt zurücklehnen können.
Waffelpommes kommen gut an
Ein Großteil des Spielzeugs sei eine Leihgabe ihres Sohns, erklärt Gänzle. Dieser spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Speisekarte: Denn es soll sowohl den kleinen als auch den großen Gästen schmecken. Am beliebtesten seien bisher die Waffelpommes aber auch die Pinsa würde gut ankommen.
Wichtig war Julia Gänzle hierbei wieder der möglichst inklusive Gedanke: „Mir war es eine Herzensangelegenheit, so wenige Menschen wie möglich auszuschließen. Auch mit den Speisen. Daher versuche ich möglichst viele Alternativen für Unverträglichkeiten dazuhaben.“ Pro Erwachsenen gilt ein Mindestverzehr von zehn Euro.
Von Influencerinnen empfohlen
Das Konzept scheint bislang aufzugehen. Bereits kurz nach der Eröffnung Anfang September wurden die ersten Influencerinnen auf das Café aufmerksam und teilten ihren Besuch in den sozialen Medien. Zur großen Freude der Besitzerin, denn die Gastronomie-Branche sei für sie noch Neuland. „Bis jetzt habe ich noch nichts abgefackelt“, lacht die 34-Jährige. „Es kam mir nur einmal die Hafermilch beim Schäumen entgegen.“
Eigentlich ist Gänzle ausgebildete Heilerziehungspflegerin, Heilpraktikerin und Yogalehrerin. Umso spannender sei es für sie, jetzt auch noch zusätzlich eine Gastronomin zu sein. „Es fühlt sich aber alles so stimmig an“, freut sie sich.
Denn sie plant bereits, die verschiedenen Bereiche zu verbinden, etwa in Form von Yoga-Kursen im Café. Darüber hinaus kann sie sich auch noch viele weitere Angebote vorstellen: von Rückbildungskursen, über BH-Beratungen bis hin zu Frauen- oder Kinderflohmärkten. Das Café soll ein Ort bleiben, an dem jeder willkommen ist, wie er oder sie ist. „Dafür steht das ‚Sein‘, dass es nicht perfekt sein muss, sondern ehrlich, und man muss es fühlen.“
