Es gibt Dinge im Leben, die vertragen keine Neuerungen oder Experimente. Kultige Sachen, die einfach so bleiben müssen wie sie schon immer waren, wie man sie kennt und liebt – so wie der Silvesterklassiker schlechthin: „Dinner for One“. Viele Menschen in aller Welt schauen den 18-minütigen Schwarz-weiß-Streifen in jedem Jahr. Diese Wiederholung schafft Vertrautheit und Nostalgie – ähnlich wie die immer gleichen Weihnachtsfilme, die über die Feiertage ausgestrahlt werden. Der Humor entsteht nicht durch das Moment der Überraschung, im Gegenteil. Lustig ist gerade das Vorhersehbare – Tigerkopf inklusive.
Besigheim Tigerkopf war gestern – jetzt kommt der Staubsauger
Skål, Jakob! Der Silvesterklassiker „Dinner for One“ im Schwabenmodus – gesehen in der Alten Kelter.
Mareile lockt ihr Jaköble
Und jetzt kommen da zwei Schwaben – Rolf Butsch alias „Jakob“ und Bärbel Hesser alias „Marie“ – und wollen dieses Meisterwerk ins Schwäbische übertragen. Heidenei. Ob das gut geht? „Mir kenntet doch ämol wieder?“, lockt das Mareile ihr Jaköble. „Vielleicht wenn mr do fertig senn“, kontert er schlitzohrig. Und dann bezieht Jakob das Publikum mit ein, macht es zu Mitwisserinnen und Mitwissern. „Ihr wisset doch: ‚S’Wichtigschte bei den Frauen isch d‘Stimmung‘“ und trainiert mit dem bestens gelaunten Publikum in der Alten Kelter mehrere Songs, die sein Mareile gnädig stimmen sollen – darunter die Bug-Szene aus „Titanic“.
Am Geburtstagstisch haben nicht die fiktiven Geburtstagsgäste Lady Sophie’s, nämlich Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom, Platz genommen, sondern die Schwärme aus Maries Jugend. „S’gleiche Prozedere wie im letzschte Johr?“ fragt das Jaköble und bekommt die immer selbe Antwort: „S’gleiche Prozedere wia älle Johr, Jakob.“ „Skål“, salutiert der Tapfere auf Schwedisch, obwohl die Skandinavier das Stück wegen Verherrlichung des Alkoholkonsums ächten, und leert alle Becher am Tisch.
„Isch dr Fisch butzt?“
„Zuam Fisch bitte än G’nossaschaftswein“, heißt es am Tischende. Und nach mehreren Stolperern über den Tigerkopf, äh, Staubsauger, fragte das Jaköble lakonisch: „Isch dr Fisch butzt?“ „Skål“ heißt es immer wieder. Der „Nachdisch“, angereichert mit viel Obstler, gibt dem Geplagten, der zum elften Mal am Staubsauger hängengeblieben ist, vollends den Rest. Au weia, und da kommt er arg in Bedrängnis, als das Mareile mit dem Finger nach oben zeigt und mit auffordernder Stimme vernehmen lässt: „Jetzt isch Zeit fürs Nescht!“ „I’ll do my very Bescht“, heißt es noch, bevor der Vorhang fällt.
Quasi im Vorprogramm, bevor die vertraute Szene ihren Anfang nimmt, verwickelt Rolf Butsch das Besigheimer Publikum in einen Rückblick zum Jahr 2025: „Was isch bei eich gwäh?“, fragt er trocken und erfährt Einiges aus der „schönen Stadt Besigheim“. „Menner und Frauä, des isch wia Dag un Nacht“, weiß er, betrachtet seinen Ehering und räsoniert, das sei seine Tapferkeitsmedaille.
Und dann kommt das Mareile, die „Venus von Besgä“, dazu. Sie philosophieren über „friär und heit“. Sie schwärmt von ihrer Jugend, von einem tollen jungen Mann, in den sie verliebt gewesen sei. Jakob lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und nimmt den Faden auf: „Moinsch Du den, wo i moin, dass er’s isch?“
„Das Ende einer Worscht“
Wunderbare Luftaufnahmen des schönsten Weinorts Deutschlands mit seiner gut erhaltenen Altstadt mit Fachwerkhäusern, der malerischen Lage an Enz und Neckar leiten schließlich über zum wirklich „glatten“ Zweipersonenstück „Diener für Oine“. Auf diesen Titel muss man erst mal kommen. Bevor der Alkohol spricht, wird es noch einmal philosophisch: „Der Wille einer Frau und das Ende einer Worscht – die sind beide uner“forscht.“
