Schwerpunkt Schaltjahr Von der Schalterhalle zum Wartesaal

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Ein Foto auf dem Jahr 2008: Die Mitarbeiterin der Bahnagentur reicht einem Kunde eine Fahrkarte. Schon damals war die Bahn selbst nicht mehr im Bahnhof Besigheim präsent. ⇥Foto: Helmut Pangerl Foto: Pangerl Helmut

Zug um Zug wurde der Service am Besigheimer Bahnhof seit Ende der 1990er-Jahre eingestellt, bis ein Kulturverein den Raum übernahm.

Es war einmal, so ließe sich die Geschichte über die Schalterhalle im Besigheimer Bahnhof beginnen. Es war einmal, und das ist nicht einmal 20 Jahre her, da wurde die Fahrkarte noch am Schalter ausgedruckt und von einem Bahnbeamten herübergereicht, da gab es kaum Fahrkartenautomaten und schon gar keine App für den Kauf, und da bekam man am Schalter noch Auskunft, welche die günstigste und schnellste Verbindung zum gewünschten Ziel war.

Doch selbst vor 20 Jahren war diese Art Bahnservice bereits ein Auslaufmodell. Denn etwa seit Ende der 1990er-Jahre wurden die Schalterhallen entlang der Bahn-Nebenstrecken sukzessive geschlossen. Dass der Schalter am Besigheimer Bahnhof noch ein paar Jahre geöffnet blieb, war die Ausnahme. Sie beruht darauf, dass in den Räumen des Gebäudes aus dem Jahr 1848 eine Juniorfirma eingerichtet worden war. Dort arbeiteten Auszubildende der Bahn in Eigenverantwortung, um in Service und Beratung geschult zu werden. Von langer Dauer war dieses Experiment allerdings nicht, immer wieder stand es auf der Kippe. Zuletzt im März des Jahres 2001 kündigte die Bahn die Schließung an, was Bürgermeister Steffen Bühler und die damaligen Bundestags- und Landtagsabgeordneten auf den Plan rief.

Fünf Jahre noch konnte sich die Juniorfirma halten, dann war endgültig Schluss. Immer weniger junge Leute wurden in dem Beruf ausgebildet, führte damals ein Sprecher der Bahn auf Nachfrage der BZ als Begründung an.

Das Ende der Schalterhalle war damit aber immer noch nicht gekommen. Der Fahrkartenverkauf wurde im April 2006 in die Hände einer Agentur gegeben. Ähnlich wie bei der Post, bei der die traditionellen Postschalter durch Agenturen in Schreibwarengeschäften oder Reinigungen ersetzt wurden, setzte die Bahn auf einen privaten Betreiber, der in diesem Fall auch den Schalterdienst in Kirchheim übernahm. Mehr Service, mehr Kontakt zwischen Kunde und Bahn, ja sogar die Aufgabe von Gepäck – das alles versprach der Marketingspezialist bei der Eröffnung. Doch es sollte nur zwei Jahre dauern, bis sein Traum ausgeträumt war und die Agentur schließen musste, weil sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar war: Ende März 2008 wurde im Bahnhof der Betrieb endgültig eingestellt.

Versöhnliches Ende

Doch die Geschichte nahm doch noch ein versöhnliches Ende. Eine Gruppe von Künstlern und Kulturinteressierten schaltete schnell und funktionierte die Schalterhalle im April 2009 zu einem Veranstaltungsraum um, dem Wartesaal. Dort finden seitdem Ausstellungen, Konzerte, Vorträge, Filmabende und Kabarett statt. Sie füllen die alte Schalterhalle mit Leben.

Info Die nächste Veranstaltung im Wartesaal findet am  Freitag, 6. März, 20 Uhr, statt.  Das Trio „Dorado Vagabundi“ mit  Geiger Anton Sjarov,  Gitarristin und Sängerin Helga Freude – beide aus Minden – und  Christian Brinkschmidt am Bass bieten eine Klangmelange aus Klezmer, Swing, Bossa und Eigenkompositionen von Anton Sjarov.

 
 
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