Selten hat die Eröffnung einer Radwegunterführung wohl so große öffentliche Aufmerksamkeit erregt, wie am 18. Dezember 2024. Landtagsabgeordnete waren nach Besigheim gekommen, wo die Unterführung unter die B 27-Brücke in Richtung Walheim führt. Rainer Wieland, der Vorsitzende des Verbands der Region Stuttgart, ließ sich blicken. Regierungspräsidentin Susanne Bay hielt eine kurze Einweihungsrede. Von einem „Kraftakt“ war die Rede, von einer „nicht ganz leichten Geburt“, von „sieben Jahren des Hoffens und Bangens“, bevor der kurze Weg unter der Bundesstraße endlich gebaut und für die Radler freigegeben werden konnte.
Besigheim/Walheim Langer Vorlauf für ein kurzes Stück Weg
Die neue Brücke über die Enz war längst fertig, da wurde über die Unterführung für Radler immer noch gestritten.
Erleichterung bei den Radlern
Die Besucher spendeten Applaus, darunter eine große Delegation des Besigheimer Radsportvereins. Die Mitglieder hatten schon 2017 gemeinsam mit anderen Bürgern dagegen demonstriert, dass die alte B-27-Enzbrücke durch einen Neubau ersetzt werden sollte, ohne gleichzeitig eine Unterführung für die Radfahrer zu bauen. Die neue Brücke selbst war bei der Eröffnung der Unterführung schon mehr als zwei Jahre in Betrieb. Dort, wo das frühere Bauwerk abrupt in einem rechten Winkel abknickte, überquert sie in einer geschwungenen Kurve die Enz nahe der Mündung in den Neckar. Rund acht Millionen Euro kostete das Bauwerk. Die Brücke selbst ist etwa 90 Meter lang und 14 Meter breit. Die Gesamtlänge der neuen Straße beträgt 324 Meter.
Fast 15 Monate mussten die Autofahrer auf der viel befahrenen Bundesstraße mit Behinderungen rechnen, zeitweise war die Strecke sogar komplett gesperrt. Die alte Brücke wurde abgerissen, nachdem der Nachfolger fertiggestellt war. Sie war fast 70 Jahre alt und wegen ihres schlechten Zustandes nicht mehr zu retten. Laut der letzten Verkehrszählung aus dem Jahr 2015 überquerten täglich 8144 Fahrzeuge die Brücke. In den Monaten vor ihrem Abriss dürften es deutlich mehr gewesen sein.
Empörung bei den Bürgern
Niemals hätte das neue Bauwerk soviel Aufmerksamkeit erregt, wäre da nicht das jahrelange Hickhack um die Radwegunterführung gewesen. Denn diese war in den eigentlichen Planungen gar nicht vorgesehen. Viel zu teuer und unnötig, hieß es von Seiten der Straßenbauverwaltung. Auch nach dem Neubau sollten die Radfahrer die Bundesstraße an einer Ampel überqueren, einen Knopf drücken und auf Grün warten. Diese Pläne empörten viele Walheimer und Besigheimer. Sie nutzen gerne die Verbindung, die gefahrlos entlang des Niedernbergs führt. Nur ein Meter flussabwärts an der Mündung in den Neckar endet der überregionale Enztal-Radweg, den viele Touristen nutzen.
Auslöser für die Änderung der Pläne war eine Online-Petition des Besigheimer Stadtrats Thomas Pulli, die er im Sommer 2018 gemeinsam mit dem Radfahrer-Verband ADFC publik machte. Damit gewann er große Unterstützung in der Öffentlichkeit. Doch es sollte danach noch fünf Jahre dauern, bis Kompetenzgerangel und widerstreitende Interessen überwunden waren und rechtliche Fragen rund um Hochwasser- und Umweltschutz endlich geklärt waren. Erst im Herbst 2023 konnten sich die beteiligten Kommunen Besigheim und Walheim, das Landratsamt und das Regierungspräsidium untereinander einigen. Der Inhalt: Auf rund eine Million Euro wurden die Kosten für den Unterführung geschätzt. Davon übernimmt das Land 90 Prozent. Die restlichen Kosten teilen sich Besigheim und Walheim.
Ausgleichsfläche nötig
Ein wesentlicher Teil der Einigung drehte sich um den Hochwasserschutz, da die Unterführung Wasser verdrängt, das an anderer Stelle Platz benötigt. Besigheim verpflichtete sich deshalb, flussaufwärts an der Enz eine Ausgleichsfläche anzulegen. Erst danach konnte auch das Landratsamt den Plänen zustimmen. Das mühsame Ringen um die Unterführung war endlich beendet. Der Eröffnung im Dezember 2024 ging eine Bauzeit von rund fünf Monaten voran.
Seitdem können die Radfahrer vom Enztalradweg auf die gegenüberliegende Seite der B 27 gelangen. Doch ortsunkundigen Touristen gelingt das nicht immer. Der Zugang zum Radweg entlang der Bundesstraße in Walheim ist unübersichtlich und verschachtelt. Von beiden Seiten aus stehen immer wieder Radler vor der nach wie vor existierenden Ampel. Es fehlt die Beschilderung, wo es denn genau weitergeht. So ganz ist die Geschichte um die Unterführung also noch nicht zu Ende.
