Bietigheim-Bissingen 75 Jahre im Zeichen von Brauchtum und Volkstanz

Von Uwe Mollenkopf
Mitglieder des Trachtenvereins Bietigheim bei der Europeade 2019 in Frankenberg/Eder. Foto: Trachtenverein Bietigheim

Der örtliche Trachtenverein feiert in diesem Jahr Jubiläum. Gegründet wurde er im Jahr 1951 als Bayern- und Heimatverein Enzian.

Mit Schuhplatteln, Volkstänzen sowie bayrischer Blasmusik begann vor 75 Jahren die Geschichte des Trachtenverein Bietigheims, der damals noch anders hieß. Als Bayern- und Heimatverein „Enzian“ Bietigheim/Enz wurde er am 25. Februar 1951 aus der Taufe gehoben. Die Gründungsmitglieder seien Arbeiter aus Bayern gewesen, die im DLW-Werk oder in der Schumacher’schen Fabrik in Bietigheim eine Beschäftigung gefunden hätten, weiß der Vereinsvorsitzende Gunter Dlabal. Sie wollten in ihrer zweiten Heimat Bietigheim ihre alten Traditionen pflegen.

Im Lauf der Jahre stießen dann immer mehr einheimische Mitglieder hinzu. In den 60er-Jahren kam man laut Dlabal mit Blick auf die bayrischen Traditionen zu der Erkenntnis: „So richtig passt’s nicht mehr.“ Ein neuer Name musste also her – und eine neue, bodenständige Tracht.

Suche nach Bietigheimer Tracht

Letzteres sei mangels erhaltenen Kleidungsstücken gar nicht so einfach gewesen, erzählt der Vereinsvorsitzende, der auch Vorsitzender des Südwestdeutschen Gauverbands der Heimat- und Trachtenvereine und Vizepräsident des Deutschen Trachtenverbands ist. Schließlich sei man in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Albert Walzer, Experte für württembergische Volkskunde und Trachtengeschichte, im Ludwigsburger Zeughaus fündig geworden und habe sich als Bietigheimer Tracht auf eine Sonn- und Festtagstracht der Weingärtner im unteren Enztal festgelegt, die vom 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts getragen wurde. 1967 wurde diese Tracht vorgestellt, und durch Oberbürgermeister Karl Mai wurde die Umbenennung in Trachtenverein Bietigheim vorgenommen. Seitdem trägt der Verein die „Bietigheimer Tracht“ und übt sich im Volkstanz sowie der volkstümlichen Blasmusik. Seit 1996 ist zudem auch die überlieferte Volksmusik aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert Bestandteil des Vereins.

1976 neues Vereinsheim

Ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte war der Bau eines Vereinsheims in der Bietigheimer Wobachstraße hinter dem Viadukt, mit dem 1973 begonnen wurde und das 1976 eingeweiht werden konnte. Sein 25-jähriges Bestehen feierte der Verein im selben Jahr mit der Weihe einer zweiten Fahne und dem Patenverein Ochsenfurt. Das Vereinsheim diente danach als ständiger Treffpunkt für die wöchentlichen Proben der Kinder- und Jugendgruppen und der Trachtenkapelle des Vereins.

Blickt man in die Vereinschronik, so zeigt sich, wie aktiv der Trachtenverein in den 75 Jahren seines Bestehens war. Viele Veranstaltungen wurden in Bietigheim-Bissingen organisiert, wie zum Beispiel 1980 der Gauwettbewerb, zu dem 150 Trachtenpaare aus 18 Vereinen des Südwestdeutschen Gauverbands anreisten, oder eine große Trachtenausstellung 1989 im Vereinsheim als Bestandteil der Landesgartenschau. Nicht weniger oft war der Trachtenverein auf Reisen – ob 1973 zur Danske Folkedansre in Dänemark, 1988 zur Eröffnung der Grünen Woche in Berlin oder 2015 – erstmals – zur Europeade, der größten europäischen Brauchtumsveranstaltung, die damals in Schweden stattfand.

Es gab aber auch Rückschläge. Einer betraf das Vereinsheim. Dieses wurde 2017, etwas mehr als 50 Jahre nach der Einweihung, an die Stadt Bietigheim-Bissingen verkauft, die es mittlerweile abreißen ließ. Das Gebäude sei dringend sanierungsbedürftig gewesen, die Kosten seien auf 300.000 bis 350.000 Euro geschätzt worden, beschreibt Gunter Dlabal, der seit 1995 Vereinsvorsitzender ist, die damalige Situation. „Mit mir war das nicht zu machen“, so Dlabal, es sei völlig unklar gewesen, wie man das finanziert hätte. Ehrlicherweise müsse man sogar sagen, wenn der Verein damals die Sanierung angegangen hätte, wäre er inzwischen in der Insolvenz, sagt der Vorsitzende. Denn 2020 sei als weiterer Rückschlag die Pandemie gekommen, in der man keine Mieteinnahmen gehabt hätte.

Derzeit rund 70 Mitglieder

Die Coronazeit habe auch negative Auswirkungen auf die Mitgliederzahlen gehabt, sagt Dlabal. Schließlich habe es eineinhalb Jahre Stillstand gegeben, Tanzen und Singen waren während der Lockdowns nicht erlaubt. Aktuell hat der Verein rund 70 Mitglieder, zu Spitzenzeiten während der Landesgartenschau waren es knapp 200.

Was die weitere Zukunft des Vereins betrifft, sieht Dlabal das größte Problem darin, dass es an Leuten fehle, die bereit seien, Verantwortung zu übernehme. Wenn er als Vorsitzender um Unterstützung bei einem Vorhaben bitte, finde er genügend Helfer. Doch wenn es darum gehe, Posten im Verein zu besetzen, werde es schwieriger. Dlabal selbst, der 75 Jahre alt ist und damit so alt wie der Trachtenverein, hat versprochen, diesen im Jubiläumsjahr noch zu leiten. Danach müsse man sehen, wie es weitergehe.

Trachtenverein hat im Jubiläumsjahr viel vor

Mit einem Seniorennachmittag ist der Trachtenverein Bietigheim bereits in sein Jubiläumsjahr gestartet. Über 100 Senioren aus vier Bietigheim-Bissinger Seniorenresidenzen sowie von befreundeten Vereinen und Kirchengemeinden folgten am 25. Januar der Einladung in den Gemeindesaal der katholischen Kirche St. Johannes. Laut dem Vorsitzenden Gunter Dlabal ist es seit 1976 Brauch beim Verein, die Senioren rund um das Dreikönigsfest einzuladen.

Mit einem Festakt im Hans-Georg-Pflüger-Saal der Musikschule im Bietigheimer Schloss geht es im Festjahr bereits am kommenden Sonntag, 15. Februar, weiter.

Auch Reisen stehen auf dem Programm: So will der Verein Ende Juli die Europeade in Bergamo besuchen. Dort sind 5000 Teilnehmer aus 25 Nationen zu Gast, die Volkstänze und Musik aus ganz Europa mitbringen. Noch nicht ganz fest steht laut Dlabal ein Besuch an der Nordsee bei der Trachtengruppe Utersum auf der Insel Föhr. Dagegen sei die Einladung zum Volksfest im badischen Bietigheim bereits eingetroffen.

 
 
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