Bietigheim-Bissingen Als Turnen noch als unanständig galt

Von Petra Neset-Ruppert
Purzelbaum macht Leni Keller keinen mehr, aber die Handgeräte nutzt sie beim Seniorinnensport regelmäßig. Foto: /Martin Kalb

Vor 100 Jahren wurde beim TV Metterzimmern die Damenriege gegründet. Turnerinnen erinnern sich an die Anfangszeit und erzählen, wie sie sich heute fit halten.

Die Pia hat mir den Purzelbaum beigebracht“, erinnert sich die 89-jährige Leni Keller. Sie ist seit 83 Jahren Mitglied im Verein TV Metterzimmern und kann sich noch gut an Pia Huber erinnern, die die Frauenriege des Vereins mitaufgebaut und trainiert hat. Vor 100 Jahren gründete der Verein am 1. September 1926 die Frauenturnriege und öffnete damit den Sportverein auch für das weibliche Geschlecht.

Das war gar nicht so ohne, denn obwohl es für die Männer im Verein in Ordnung war, dass nun auch die Frauen sich sportlich betätigen, war es nicht für alle in Metterzimmern normal. „Meine Mutter durfte damals nicht ins Turnen gehen. ‚Das macht ein Mädle nicht’, hat meine Oma gesagt. Für sie war Turnen unanständig“, erinnert sich die 79-jährige Rose Velm. Sie ist seit 50 Jahren Mitglied beim TV Metterzimmern und ebenso wie Keller trainiert sie weiterhin im Verein.

Turnen auf Musterteppichstücken

Und obwohl bei so manchen erst einmal Misstrauen herrschte, sprach sich das Sportangebot für Frauen schnell herum. Zu Beginn wurde noch in der Kelter Sport gemacht. „Da haben wir auf dem Boden geturnt“, erinnert sich Keller. „Als Turnmatten gab es nur die Musterteppichstücke, die wir geschenkt bekommen hatten“, ergänzt Velm. Die Sportgeräte wurden kurzerhand vor das Vereinsheim gestellt, und dann wurde im Freien geturnt.

„Früher habe ich gerne am Stufenbarren geturnt. Da braucht es viel Konzentration und Körperbeherrschung, zum Beispiel beim Umschwung“, schwärmt Velm. Heute macht sie zusammen mit Leni Keller in der Seniorinnen-Sportgruppe mit, die Vera Tress leitet. Die 62-Jährige kam als Kind zum Turnen in den Verein und ging bereits als 13-Jährige zur Helferausbildung. „Da hat mich die Pia hingebracht und schon hab ich geholfen Mädchen zu trainieren, die gerade mal zwei Jahre jünger waren als ich“, erinnert sich Tress.

Pia Huber habe die Frauenturnabteilung des TV Metterzimmern geprägt wie keine andere, sind sich die drei Sportlerinnen einig, denn Huber habe sich um das Kinderturnen gekümmert und mit den Mädchen viel für die Wettkämpfe trainiert. Zuerst in der Kelter, ab 1973 dann in der damals neu erbauten Turnhalle.

Gemeinschaft und Wettkampfgeist

„Bietigheim ist nie so gut gewesen wie Metterzimmern“, sagt Keller und lacht. Mit Pia Huber seien die Mädchen viel auf Wettbewerben unterwegs gewesen. „Beim Gauturnfest waren wir dann zum Mittagessen bei den Familien aus dem Ort zu Gast. Das war so eine schöne Gemeinschaft“, erinnert sich Rose Velm. Doch beim Wettkampf habe man dann alles für den Verein gegeben.

Die Rivalität zu den anderen Vereinen ließ nach dem Zusammenschluss von Bietigheim und Bissingen langsam nach, doch der Sport blieb immer ein wichtiger Bestandteil des Alltags der Metterzimmerer Turnfrauen. „Man schläft einfach besser, wenn man Sport gemacht hat und wenn ich nichts mache, dann fehlt mir was“, sagt Keller. Man merke es gerade im Alter, wenn die Leute schon immer Sport gemacht haben, sagt Trainerin Tress. Nach Verletzungen kommen die Sportlichen meist schneller wieder auf die Beine. „Unsere Frauen habens schon früh erkannt, dass Sport wichtig für die Gesundheit ist“, so Tress. Zwar werden im Seniorensport nicht mehr die großen Turngeräte herausgeholt, aber bei Handgeräten oder dem Steppbrett merke man schnell, dass die „Frauen koordinativ fitter sind als die Männer“, erklärt Tress.

Gymnastik und Walken gehören mit dazu

Während die Männer früher hauptsächlich Handball im Verein spielten, waren die Frauen in Metterzimmern schon immer auf den Breitensport fokussiert. So sind die Sportseniorinnen neben dem wöchentlichen Sportkurs mit Gymnastik und Yoga an einem weiteren Tag zum gemeinsamen Walken unterwegs. „Jede macht das mit, was sie kann. Wir bieten immer Alternativen an“, sagt Trainerin Tress und die 89-jährige Leni Keller verrät: „Manchmal hat man einfach keinen Bock.“ Aber dann gehe man eben doch, weil man eben zum Sport verabredet sei. Die Gruppendynamik mache viel aus, sagt Tress.

Vor zwei Jahren hat Leni Keller ihren letzten Purzelbaum gemacht. „Da wusste ich erst wieder wo oben und unten ist, als ich auf dem Po saß“, sagt sie und lacht. Auch wenn der Purzelbaum nun nicht mehr zu ihrem Repertoire gehört, den Sport beim TV Metterzimmern möchte sie nicht missen. „So lange es geht, mach ich mit“, sagt Keller. Denn das Schönste an der Sportgruppe sei „das Schwätzen danach“ im Vereinsheim. Allerdings auch erst dann, denn davor muss man ja „sporteln“.

Sport beim TV Metterzimmern

 
 
- Anzeige -