Sprachen sind weit mehr als nur ein Mittel der Verständigung, sie sind ein Mittel zum gegenseitigen Verständnis. Sie verbinden Menschen über Grenzen und Kulturen hinweg“, betonte Saliba Dag, Pfarrer der Syrisch-Orthodoxen Kirche Mor Petrus und Mor Paulus in Bietigheim-Bissingen. Und einen Tag, um diese Muttersprachen zu feiern, den beging man am vergangenen Samstag im Enzpavillon. Allerdings stand auch die Frage im Zentrum: Wie kann man eine alte Muttersprache erhalten? Eingeladen hatte der Verein der Aramäer und Suryoye Bietigheim-Bissingen, anlässlich des Internationalen Tags der Muttersprachen, der bereits am 21. Februar war.
Bietigheim-Bissingen Aramäisch ist eine der ältesten Sprachen der Welt
Aus Anlass des Internationalen Tags der Muttersprache lud der Verein der Aramäer und Suryoye in den Enzpavillon ein.
„Muttersprache trägt unsere Identität, sie macht uns aus, prägt von Anfang an“, sagte Baubürgermeister Michael Wolf. „Deswegen ist Muttersprache so wertvoll, weil sie Multikulturalität bewahrt.“ Man müsse sich bewusst machen, dass Pflege von Sprache und Kultur kein Ausschluss von Integration sei. Die deutsche Sprache entwickle sich fortwährend weiter, auch dank der Einflüsse anderer Sprachen, so der Bürgermeister.
Und dabei ist Aramäisch eine der ältesten Sprachen der Welt: die Sprache, in der Gott und Moses sprachen, so Pfarrer Saliba Dag. Über 3000 Jahre ist die semitische Sprache alt, die als eine der ersten Weltsprachen im Vorderen Orient fungierte: Sie war die Verkehrs- und Verwaltungssprache im Reich der Assyrer, Babylonier und Achämeniden. Jesus von Nazaret sprach eine westaramäische Variante.
In den Herkunftsgebieten im Vorderen Orient wird sie heute noch von 1500 Menschen gesprochen, oft in der Liturgie der dortigen christlichen Gemeinden – und in der internationalen Diaspora von ungefähr 250.000 Menschen in Europa. Dabei gibt es zwei Arten der Sprache: die Alltagsform und die klassische, die oft im kirchlichen Kontext verwendet wird.
In der Diaspora, so Linda Güven, die als Lehrerin den Schulalltag kennt, ist die Sprache für Jugendliche durchaus Teil der eigenen Identität und damit weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel. Allerdings wird oft zuhause immer weniger Aramäisch gesprochen, eher die Sprache des neuen Heimatlands – aus eigenem Integrationswillen, aber auch aus gesellschaftlichem Druck. „Geht die Sprache verloren geht auch ein Teil der Kultur verloren“, sagt sie, es sei deshalb wichtig, aktiv für die Sprache zu werben.
Barbara Üzel von der Freien Universität Berlin präsentierte dann gleich zwei internationale Projekte, wie das gehen könnte: Um die Möglichkeit zu schaffen, die Sprache zu lernen, wurden Kurse mit Lehrbüchern auf einer Onlineplattform geschaffen. Mit der App „Surayt-Aramaic Online“ sind sie für jeden zugänglich. Simone Hanna hat das Buch „Erzählungen aus dem Tur Abdin“ geschrieben: Es beruht auf bis dahin nur mündlich weitergegebenen Märchenerzählungen aus einem aramäischen Dorf – Teil eines Kanons von Geschichten, die durchaus der Grimm-Sammlung im Deutschen entsprechen. Bei der Arbeit habe sie gemerkt: „Es gibt nicht viel Literatur auf gesprochenem Aramäisch“, also der neueren Variante der Sprache.
Buchmesse eröffnet
Die Frauen aus dem Dorf fragten sie dann auch: „Warum sollte man diese alten Geschichten aufschreiben?“ Sie erzählten sie dann doch: in einem Dorfdialekt, von denen es im Aramäischen wohl 20 bis 30 gibt. Selbst als Muttersprachlerin habe sie der vor Herausforderungen gestellt, so Hanna. Sie tradierte es ins gesprochene Aramäisch und ihr Buch liegt auch als deutsche Übersetzung vor.
Der Enzpavillon war übervoll mit Besuchern, die sich während der Vorträge der zahlreichen Referenten auch noch im Eingangsbereich und auf der Treppe drängten. Es waren viele Mitglieder aus der aramäischen Gemeinschaft da, aber auch viele Gäste. Danach wurde die Buchmesse eröffnet – und die vielfältigen Angebote zeigten einmal, dass das Aramäisch sehr lebendig ist, und auch, wie man es erhalten kann: 20 Autoren aus unterschiedlichen Ländern stellten ihre Werke vor, und die reichten von Märchenerzählungen, kirchlichen Werken, Übersetzungen bis hin zu Comics, Zeichentrickfilmen und Spielen. So konnte man den Nachmittag bei Kaffee und auch traditionellem Gebäck ausklingen lassen – beim Stöbern in einer uralten Sprache.
