Bietigheim-Bissingen Auch die Enz soll Wärme liefern

Von Uwe Mollenkopf
Das Wohngebiet Kreuzäcker mit dem Heizkraftwerk (unten rechts). Eine Studie soll aufzeigen, wie das Wärmenetz zukünftig treibhausgasneutral betrieben und weiter ausgebaut werden kann. Foto: /Martin Kalb

Die Ziele des kommunalen Wärmeplans wurden vom Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig gebilligt. Er sieht neue Methoden der Wärmegewinnung vor.

Seit der Debatte um das Heizungsgesetz der Bundesregierung im vergangenen Jahr ist das Thema Wärmeplanung in aller Munde. Deren Ziel ist es laut dem Bundesbauministerium, „den vor Ort besten und kosteneffizientesten Weg zu einer klimafreundlichen und fortschrittlichen Wärmeversorgung zu ermitteln.“ Das Land Baden-Württemberg war hier Vorreiter und verpflichtete die großen Kreisstädte, bis Ende vergangenen Jahres einen Wärmeplan vorzulegen. In Bietigheim-Bissingen wurde dieser in der Gemeinderatssitzung vor der Winterpause einstimmig beschlossen – wobei deutlich wurde, dass die Ziele „sehr sportlich“ sind, wie sich Oberbürgermeister Jürgen Kessing ausdrückte.

Derzeit 90 Prozent fossil

Einige Zahlen, welche das Ingenieurbüro EGS-plan in seinem Abschlussbericht vorlegte, verdeutlichen die Dimension des Vorhabens. So wird gegenwärtig (Stand von 2020) noch der größte Anteil des Wärmebedarfs in Bietigheim-Bissingen (rund 90 Prozent) durch die fossilen Energieträger Erdgas und Heizöl gedeckt. Der Anteil der Wärmenetze beträgt rund 14 Prozent, derjenige der dezentralen erneuerbaren Energien circa fünf Prozent.

Der Endenergiebedarf für Wärme lag im Jahr 2020 bei 434 Gigawattstunden, wovon rund 60 Prozent auf das Wohnen zurückgehen. Die dadurch entstandenen Treibhausgas-Emissionen betragen laut dem Bericht 99 000 Tonnen CO2-Äquivalente. Bezogen auf die Einwohnerzahl ergibt sich ein Emissionskennwert von rund 2,3 Tonnen pro Einwohner für den Sektor Wärme.

Das vom Gemeinderat beschlossene „Zielszenario“ geht davon aus, dass der Wärmebedarf im Jahr 2035 durch emissionsfreie Wärmequellen gedeckt wird. Zentrale Elemente der zukünftigen Wärmeerzeugung seien Wärmepumpen in Heizzentralen und Gebäuden.

Als dabei wesentliche Umweltwärmequellen werden Flusswasser, Abwasser sowie Außenluft genannt. „Darüber hinaus gilt es, die bestehenden Wärmenetze konsequent zu dekarbonisieren, auszubauen und nachzuverdichten“, so das Büro. Das Stadtgebiet wurde dazu in 114 Teilgebiete (sogenannte Cluster) eingeteilt. Für jedes Cluster gibt es einen Steckbrief mit Informationen zu den in Frage kommenden Energieversorgungssystemen für die Erreichung der Klimaziele.

Das Klimaschutzgesetz im Land schreibt vor, dass nach Fertigstellung der kommunalen Wärmeplanung in den kommenden fünf Jahren mit fünf Maßnahmen begonnen werden muss. In Bietigheim-Bissingen sind das folgende: Zum einen soll ein Stromnetzcheck die Stabilität des lokalen Stromnetzes prüfen. Hintergrund ist, dass allein für Wärmepumpen zukünftig eine Zunahme des Strombedarfs um rund 34 Prozent prognostiziert wird.

Als weitere Maßnahme ist ein Konzept zur Erschließung des Potenzials vorgesehen, welches Sanierung und Effizienzsteigerung bieten. Das Büro geht davon aus, dass dadurch Einsparpotenziale für Wärmeenergie im Umfang von 27 Prozent erreicht werden können. Dafür wurden eine Sanierungsrate von zwei Prozent pro Jahr zugrunde gelegt sowie Effizienzmaßnahmen in Industrie und Gewerbe angenommen.

Die Maßnahmen drei bis fünf beinhalten Studien zu Wärmenetzen in Buch/Kreuzäcker, Sand und Bissingen. Im Bereich Buch und Kreuzäcker sollen unter anderem Flusswasser-Wärmepumpen (aus der Enz), Abwasserwärmenutzung und Solarthermieanlagen zum Einsatz kommen. Im Sand soll die Machbarkeit eines sogenannten kalten Nahwärmenetzes in Verbindung mit der Abwärmenutzung der Kläranlage geprüft werden. In Bissingen ist der Aufbau eines neuen Wärmenetzes geplant. Zu diesem Zweck soll es eine Flächenprüfung für Solarthermie oder Photovoltaik inklusive eines saisonalen Wärmespeichers geben. Ebenso soll die Nutzung von Flusswasserwärme untersucht werden.

Unsicherheit bei Gasnetzen

Bei der Frage, wie mit den bestehenden Gasnetzen umgegangen wird, verhält sich das Büro EGS vorsichtig. Von Aussagen zur Stilllegung oder dem Rückbau von Gasnetzen werde abgesehen, heißt es im Abschlussbericht, „da die mittelfristige Entwicklung der vorgelagerten Energieinfrastruktur in Deutschland aktuell einer starken, nicht klar prognostizierbaren Dynamik unterliegt“. Ausgewiesen sind aber Teilgebiete, in denen auch 2035 ein Gasbedarf festgestellt wird, der dann durch sogenannte „grüne Gase“, zum Beispiel Wasserstoff, gedeckt werden soll.

Die geschätzten Kosten für Stromnetzcheck, Sanierungskonzept und Studien belaufen sich zusammen auf 550 000 Euro. Für die Studien werden aber Fördergelder des Bundes beantragt.

 
 
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