Wenn der Zug, der sie am 2. November 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz brachte, drei Tage früher gefahren wäre, wäre sie heute nicht hier. Dr. Eva Umlauf schilderte am Dienstag vor rund 250 Oberstufenschülern im Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen ihre dramatische Familiengeschichte. Kurz bevor sie damals als Kleinkind mit ihrer Familie in dem Lager ankam, hatten die Deutschen die Gaskammern gesprengt – am 31. Oktober –, um die begangenen Verbrechen vor der sich nähernden Roten Armee zu vertuschen. Umlauf und ihre schwangere Mutter überlebten. Heute sieht sie ihre Aufgabe darin, insbesondere die junge Generation über die damalige Zeit zu informieren.
Bietigheim-Bissingen Auschwitz-Tätowierung ist „mein persönliches Denkmal“
Die Holocaust-Überlebende Dr. Eva Umlauf sprach vor Schülern im Beruflichen Schulzentrum und warnte vor einem Rechtsruck.
Ranzinger: Fühlen uns sehr geehrt
„Wir fühlen uns sehr geehrt“, sagte Schulleiter Stefan Ranzinger zu dem Besuch von Umlauf, die in München wohnt und dieses Jahr zur Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees gewählt worden ist. Die Schule setzt sich intensiv mit der NS-Zeit auseinander: Vor einem Jahr war Kai Uwe Höss, Enkel des Auschwitz-Kommandanten, zu Gast, vor wenigen Wochen waren alle 13er-Klassen im KZ Dachau, und vor gut einer Woche kam Ranzinger von einer Studienfahrt mit 18 Schülern aus Auschwitz zurück. Der Austausch mit der 82-Jährigen – der man ihr Alter nicht ansieht –, bezeichnete der Schulleiter als „einmalige Chance“. Man wolle aus der „unheilvollen Geschichte lernen“, auch mit Blick auf die aktuelle Politik.
Geboren im Arbeitslager
Die ehemalige Kinderärztin und Psychotherapeutin hinterlegte ihren Vortrag, bei dem sie auch aus ihren Erinnerungen vorlas, mit historischen Fotos. Ausgangspunkt war die Slowakei unter Diktator Jozef Tiso, einem katholischen Priester, der einen Vasallenstaat Hitlers führte. Die jüdische Bevölkerung wurde dort in Arbeitslager konzentriert. Dort kam Eva Umlauf, geborene Hecht, im Lager Nováky 1942 zur Welt. Es sei kein Vernichtungslager gewesen, erzählte Umlauf, die Insassen mussten arbeiten, beispielsweise in einer Nähwerkstatt, die Kinder erhielten Unterricht. Die Situation änderte sich allerdings nach einem gescheiterten Aufstand 1944, nach dem die Wehrmacht einrückte. Nun sei die Deportation der Juden in die Vernichtungslager intensiviert worden, schilderte Umlauf.
Die 82-Jährige beschrieb eindrücklich, wie sie und ihre Mutter im Lager II Auschwitz-Birkenau ihre Häftlingsnummern tätowiert bekamen. Damals ein Kleinkind, habe sie daran keine Erinnerung, erzählte sie, ihre Mutter habe ihr die Szene – bei der die knapp Zweijährige in Ohnmacht fiel – aber oft geschildert. Bis heute trägt Umlauf die Lagernummer A 26959 auf dem Unterarm. Andere Überlebende hätten sich die Nummer wegoperieren lassen, „für mich ist sie mein ganz persönliches Denkmal“, sagte sie.
Nazis hatten keine Zeit
Da die Gaskammern zerstört waren, sei noch geplant gewesen, die verbliebenen Insassen zu erschießen, erzählte die Besucherin den Schülern, doch schließlich seien sie ihrem Schicksal überlassen worden: „Die Nazis hatten keine Zeit.“ Von den Todesmärschen, die organisiert wurden, blieben Eva Umlauf, die an Tuberkulose und Gelbsucht erkrankt war, und ihre schwangere Mutter verschont, nicht hingegen der Vater, der dabei im KZ Melk ums Leben kam. Viele Menschen seien auch noch aufgrund ihrer Unterernährung nach der Befreiung von Auschwitz durch die Russen umgekommen, so Umlauf.
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Täter von damals. Bis heute werde in den Täterfamilien mit Blick auf die Verbrechen geschwiegen und gelogen, sagte Umlauf. Auf die Frage, ob das Erlebte therapierbar sei, sagte die Holocaust-Überlebende, die heute drei Söhne und zwei Enkel hat, es sei wie bei einem Abszess: Den Eiter könne man entfernten, die Narbe bleibe.
Brief an Friedrich Merz
Besorgt zeigte sich Umlauf über den Rechtsruck in Europa. Sie hatte deshalb im Januar dieses Jahres einen offenen Brief an Friedrich Merz geschrieben und appelliert, kein Gesetz mit der AfD zu beschließen. Gefragt danach, ob sie mit einer Wiederkehr eines Regimes wie in der NS-Zeit rechne, sagte sie: „Ich hoffe nicht, ich habe aber auch Angst.“ Das sei auch der Antrieb für sie bei ihren vielen Vorträgen. Positiv äußerte sie sich über die Proteste gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation vor Kurzem in Gießen.
Schulleiter Ranzinger rief die Schüler dazu auf, das Gehörte „im Langzeitgedächtnis abzuspeichern“. Die Besucherin wurde von den Schülern nach dem Ende der Doppelstunde mit viel Applaus entlassen.
