Fünf Autismusbeauftrage des Staatlichen Schulamts gibt es im Landkreis Ludwigsburg. Heiko Brumme, der Schulleiter des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) Schule Gröninger Weg in Bietigheim-Bissingen, ist einer von ihnen. Er berät Eltern, Lehrer und Erzieher. 40 Jugendliche seien es derzeit in seinem Aufgabenbereich. Ungefähr 150 Schüler werden derzeit insgesamt von den fünf Autismusbeauftragten im Kreis betreut. Dazu hat er, wie seine Kollegen, eine Qualifizierung am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) absolviert und sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Brumme verweist auf die „Handreichung Autismus“, die das Kultusministerium auf seinem Bildungsserver für alle, die mit autistischen Kindern arbeiten, veröffentlicht.
Bietigheim-Bissingen „Autismus ist eine seelische Behinderung, keine Modediagnose“
Das Motto des Weltautismustags ist „Nicht unsichtbar“. Der Autismus-Berater des Staatlichen Schulamts, Heiko Brumme, berät die Schulen und Eltern im Umgang mit betroffenen Kindern.
Die Wahrscheinlichkeit der Vererbung ist prozentual hoch
Gleich zu Anfang des Gesprächs mit der BZ stellt er klar: „Autismus ist keine Krankheit, Autismus ist eine seelische Behinderung.“ Autismus ist überwiegend genetisch bedingt und gilt als eine der Hauptursachen für diese neurologische Entwicklungsstörung. Die Erblichkeit wird auf 70 bis 80 Prozent geschätzt. Als Autismus-Berater geht Brumme in Schulen, sowohl an SBBZ als auch an Regelschulen, in denen autistische Kinder und Jugendliche lernen. „Wir geben Hilfestellung, klären auf und unterstützen Eltern und Lehrer, wenn der Autismus diagnostisch durch Ärzte nach einer vorgegebenen Klassifizierung festgestellt wurde.“ Autismus sei keine „Modediagnose“. Die Schwierigkeit, Schüler mit autistischen Verhaltensweisen eindeutig einem Schultyp zuzuordnen, mache einzelfallbezogene, individuelle Entscheidungen erforderlich, bei denen alle Beteiligten wie Eltern, Lehrkräfte, Betroffene, Schulverwaltung und Mitarbeiter außerschulischer Institutionen einzubeziehen seien. Viele Maßnahmen erfordern Kenntnisse von Hilfesystemen. „Die Gesellschaft denkt normiert. Das ist das Problem mit Autismus, diese Betroffenen denken neurodivers“, sagt Brumme. Jeder Autist sei anders in seiner emotionalen und sozialen Entwicklungsverzögerung. Darauf basierend müssten die Beteiligten das Kind „lesen lernen“. „Autisten sind reizoffen, haben Probleme mit der Selektion, sie sind sozusagen die ganze Zeit online, dadurch entstehen Überforderung und Stress“, so Brumme.
Er erzählt von einem siebenjährigen Kind, das mathematische Aufgaben wie ein 25-Jähriger in aller Konzentration lösen könne, aber in den Pausen mit Stühlen werfe und unkontrolliert agiere. Das kognitive Alter würde, so Brumme, bei Autisten meist nicht das biologische Alter repräsentieren, sozial und emotional seien sie meist hinter ihrem biologischen Alter.
Ein überlaufendes Erdbeermarmeladenglas
Brumme hat für Eltern oder Lehrer ein Bild parat: das vom Erdbeermarmeladenglas. „Das Kind kommt in die Schule, da ist das Marmeladenglas schon voll. In der Unterrichtspause, auf dem Schulhof, wo es laut ist, viele Reize auf das Kind einstürmen, quillt das Marmeladenglas über, das führt zu unkontrollierbaren Reaktionen.“ Manche autistischen Kinder reagierten dann mit Aggressivität, greifen andere Kinder an, andere zögen sich zurück in eine stille Ecke, versteckten sich. Solche Reaktionen müsste man verstehen und mit Maßnahmen gegensteuern. Oft helfe beispielsweise ein Karton, den das Kind zerreißen könne, um Aggressivität zu kompensieren. Manche Schulen böten, so Brumme, Rückzugsorte in der Pause an. Klare Ansagen der Betreuer für die betroffenen Kinder, aber auch ihre Schulkameraden, wie „bleibt mal leise“, seien hilfreich. „Die Behinderung ist nicht heilbar, aber wie Hilfsmittel bei körperlich Behinderten kann man auch seelisch Behinderten Hilfe geben“, sagt Brumme.
Ein Parkplatz auf dem Tisch für die Hände
Viele Kinder seien im Unterricht zappelig, könnten ihre Hände nicht ruhig halten. Brumme hat sich einen Händeparkplatz ausgedacht, der in leuchtendem Orange auf den Tisch gemalt ist, auf dem die Hände geparkt werden können. Brumme sagt auch, dass ein Platz im Schrank im Klassenzimmer, wo sich die Kinder in Extremsituationen verstecken können, wichtig sei. Trennwände, Lerninseln oder Kopfhören würden auch helfen, die Kinder von der Reizüberflutung abzuschirmen. Veränderung bedeute für Autisten Stress, darauf müsse man im Alltag achten, auch in der Schule. Manche Kinder könnten nicht am Fenster sitzen, weil sie dann die Reize von draußen mitbekämen. „Man kann autistische Kinder verstehen lernen und sich auf ihre Individualität einlassen“, sagt Brumme.
Eine Inklusion dieser Kinder in Regelschulen sei aber auch bei Lernbegabung schwierig. Die Klassen seien zu groß, eine individuelle Betreuung nicht möglich, dann müsse man Fördermöglichkeiten finden.
