Am 8. März wird in Baden-Württemberg gewählt – es ist die 18. Wahl seit Bestehen des Bundeslandes. Wie der Blick zurück zeigt, hatte im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen in der Vergangenheit keine Partei ein Dauerabo auf das Direktmandat. Die Dominanz einzelner Parteien dauerte stets einige Wahlperioden.
Bietigheim-Bissingen Bis in die 1960er-Jahre dominiert die SPD
Von den Sozialdemokraten über die Christdemokraten zu den Grünen: Im hiesigen Wahlkreis hatte jeweils eine Partei über einen längeren Zeitraum die Nase vorn.
Vor der Gründung des Südweststaats 1952 durfte bereits 1946 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt werden – eine Wahl, die gegenüber heute mehrere Besonderheiten aufwies. Damals wurde hierzulande nur das Parlament des Gebiets Württemberg-Baden gewählt. Die Wahl fand im November statt, und es gab nur einen Wahlkreis für den gesamten Kreis Ludwigsburg (damals noch ohne Vaihingen). Die Wähler statteten als ihre Vertreter das SPD-Urgestein Wilhelm Keil, den Hochberger Landwirt Wilhelm Rath (FDP/DVP), den Ludwigsburger Paul Bausch von der CDU und den Ludwigsburger Robert Leibbrand von der KPD mit einem Mandat aus. Weitere Vertreter aus dem Kreis zogen über die Landesliste ein (Wilhelm Kleinknecht, SPD, Dr. Carl Schaefer, FDP/DVP).
Wahlsieger Karl Braun (SPD)
Bei der Wahl 1952 wurde zunächst im März die Verfassungsgebende Versammlung des neuen Bundeslandes gewählt, der erste Landtag konstituierte sich dann im November 1953. Der Kreis Ludwigsburg war jetzt aufgeteilt in zwei Wahlkreise: Ludwigsburg I und II (letzterer mit Bietigheim). Im Wahlkreis II gewann der Sozialdemokrat und Großingersheimer Bürgermeister Karl Braun das Direktmandat, der den Bietigheimer Wahlkreis bis 1967 in Stuttgart vertreten sollte. Die anderen Parteien gingen leer aus. Für den gesamten Landkreis Ludwigsburg stellt Wolfgang Schmierer (in: „Der Landkreis Ludwigsburg“) für diese frühe Phase fest, dass zunächst SPD (Ludwigsburg II) und FDP/DVP (Ludwigsburg I) das Feld weitgehend beherrschten. „Die CDU konnte nur bis 1952 Vertreter in den Landtag entsenden und blieb danach bis 1964 ohne Mandate im Landkreis“, so Schmierer
Bei den Wahlen 1956, 1960 und 1964 baute Braun seinen Vorsprung immer weiter aus. Bei der 1964er-Wahl holte er das Direktmandat für die SPD mit 47 Prozent der Stimmen – eine Größenordnung, von der man heutzutage nicht einmal zu träumen wagt. Braun legte während der Legislaturperiode 1967 das Mandat nieder, für ihn rückte Claus Weyrosta nach. Immerhin war jetzt auch die CDU wieder mit von der Partie: Die Christdemokraten kamen 1964 auf 31,6 Prozent, und der Kreisvorsitzende Erwin Zinger errang das Zweitmandat.
Die Landtagswahl 1968 führte zu einem entscheidenden Wechsel: Der Bietigheimer Bürgermeister Lothar Späth holte für die CDU mit 37,2 Prozent der Stimmen das Direktmandat – und die CDU sollte dieses über einen längeren Zeitraum auch nicht mehr hergeben. Späth errang bis zur Landtagswahl 1988 sogar absolute Mehrheiten im Wahlkreis Ludwigsburg II, der ab 1976 Wahlkreis Bietigheim-Bissingen hieß.
CDU: Auf Späth folgt List
Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident legte Späth 1991 auch das Abgeordnetenmandat nieder. Für ihn rückte Manfred List, der Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen, nach, der 1992 und 1996 jeweils CDU-Wahlkreissieger wurde. Nach ihm holten sich Anette Schavan (2001) und Manfred Hollenbach (2006 und 2011), der 2005 für Schavan nachrückte, das Direktmandat für die Christdemokraten.
Für die SPD gewann im Zeitraum von 1968 bis 1992 jeweils Claus Weyrosta im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen ein Zweitmandat. Ihn beerbten Harald B. Schäfer (der sein Mandat 1996 gleich wieder niederlegte), Christine Rudolf (nachgerückt 1996; 2001, 2006) und Thomas Reusch-Frey (2011). Seit 2016 gibt es im hiesigen Wahlkreis keinen SPD-Landtagsabgeordneten mehr.
Die FDP im Wahlkreis gab immer nur kurze Gastspiele im Landtag: Wolfgang Weng holte 1980 das Zweitmandat, das er im März 1983 wieder niederlegte, als er in den Bundestag gewählt wurde. Für ihn rückte Doris Natusch nach. 2006 zog Monika Chef für die Liberalen ins Landesparlament ein. Zwei Mal, 1992 und 1996, errang der Republikaner Rolf Schlierer im hiesigen Wahlkreis ein Zweitmandat.
Grüne auf dem Vormarsch
Der Vormarsch der Grünen begann 1984 mit einem Zweitmandat in Bietigheim-Bissingen für Waltraud Ulshöfer, danach holte sich dieses Michael Jacobi (1988, 1992, 1996), der inzwischen der CDU angehört. Es folgten Heike Dederer (2001), die 2005 zur CDU wechselte, Franz Untersteller (2006) und Daniel Renkonen (2011). Zum „Platzhirsch“ wurde die Partei „Die Grünen“ mit der Wahl 2016. Daniel Renkonen wurde jetzt mit 32,1 Prozent Wahlsieger. Nach ihm holte sich Tayfun Tok (2021, 34,2 Prozent) das Direktmandat. Die CDU (Fabian Gramling, 2016; Tobias Vogt, 2021) musste sich nun mit dem Zweitmandat begnügen.
Bei der kommenden Wahl könnte es erneut einen Wechsel geben. Zumindest hat laut den jüngsten Wahlumfragen die CDU im Land wieder die Nase vorn, wodurch auch im Wahlkreis die Chancen auf einen Rückgewinn des Direktmandats steigen.
