Bietigheim-Bissingen Das Road Movie des Helmut Zierl

Von Dietmar Bastian
Helmut Zierl erzählte im Bietigheimer Kronenzentrum auch aus der Zeit, als er als 17-Jähriger auf der Straße lebte. Foto: /Oliver Bürkle

Von zu Hause ausreißen, durch die Welt ziehen, Abenteuer erleben – davon träumen Kinder und Jugendliche. Für den Schauspieler Helmut Zierl wurden es Realität. Im Kronenzentrum hat er aus seinem autobiografischen Buch „Der Sommer meines Lebens“ gelesen.

Von zu Hause ausreißen, durch die Welt ziehen, Abenteuer erleben – davon träumen Kinder und Jugendliche. Bei den allermeisten bleibt es freilich bei derlei Fantasien – für Schauspieler Helmut Zierl wurden diese Träume jedoch Realität. Erst hatte ihn die Schule hinausgeworfen, dann auch noch seine Eltern.

Danach, 1971, lebte der 1954 in Meldorf in Schleswig-Holstein geborene Zierl für ein paar Monate auf der Straße. Es wurden Monate voller Liebe, Sex und Drogen, die ihm gleichzeitig aber auch eine geballte Ladung Lebenserfahrung einbrachten und ihn Respekt, Demut und Toleranz lehrten. Erst 2020 hat der End-60er die Erfahrungen aus jener Lebensphase aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein knapp 400 Seiten starker Band „Der Sommer meines Lebens – Follow the Sun. Ein Road Movie“.

Gut 100 Zuhörerinnen und Zuhörer waren am Donnerstagabend ins Kronenzentrum gekommen. Die vom Kulturamt der Stadt initiierte Veranstaltung wurde zu einer Mischung aus Lesung und Erzählung. Die Geschichten erfuhren zudem eine starke Verdichtung durch eingespielte Rock- und Popmusikausschnitte aus jenen Jahren, die man heute als die große Blütezeit der Hippies beschreibt.

Helmut Zierl schriebein Road Movie

Zierls Road Movie ist eine ins Detail gehende Etappenerzählung, in der sowohl rauschhafte und spannende Erfahrungen voller Glück und Ekstase, als auch Enttäuschungen, Angst und Ekel verarbeitet sind. Mit nur 200 Mark in der Tasche gerät er in Situationen, die ihn an seine Grenzen bringen und ihm alles abverlangen.

In zwei Blöcken zu jeweils 50 Minuten führte Zierl die Zuhörerinnen und Zuhörer nach Brüssel und Ostende, berichtete von der Begegnung mit Clochards und Strichern – und von seiner ersten großen Liebe zu einem Mädchen, das den damals aktiv missionierenden Jesus People angehörte. Warum schrieb der einem breiten Publikum bekannte und äußerst erfolgreiche Schauspieler dieses Buch?

Zeitreise indie eigene Jugend

Man kennt ihn aus dem Tatort, dem Traumschiff, aus Rosamunde-Pilcher-Filmen und mehr als 300 anderen Produktionen. Wirtschaftliche Gründe mögen es kaum gewesen sein, eher eine späte Verarbeitung jener Phase seines jungen Lebens, die ihren glücklichen Abschluss darin fand, dass er bereits mit 17 Jahren das Hamburgische Schauspielstudio Hildburg Frese besuchte und danach zielsicher seine Karriere verfolgte.

Für das Publikum, das in der Mehrheit Zierls Altersgruppe angehörte, wurde der Abend zu einer Zeitreise in die eigene Jugend. Wer heute Mitte 60 oder über 70 Jahre alt ist, kennt natürlich John Lennons Stimme, oder jene der charismatischen Janis Joplin, oder das aberwitzige Gitarrenspiel Jimi Hendrix‘. Die Gefahr einer Verklärung der Jugendzeit besteht immer, doch Zierl erlag ihr nicht. Dafür waren seine freien Narrative zu ehrlich und bildeten auch Erfahrungen ab, die alles andere als angenehm gewesen sein mögen.

Der Abend wurde somit zu einem atmosphärisch dichten Sich-zurück-Versetzen in eine Lebensphase, die zwar einerseits voller Möglichkeiten steckte, gleichzeitig aber auch mit Verkrampfungen, Unsicherheiten und Ängsten einherging.

 
 
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