Bietigheim-Bissingen Das Smartphone als Risikofaktor

Von Lisa Lorenz
Als Lehrer der Sekundarstufe und Trainer konnte Robin Harnisch seine Recherche-Ergebnisse mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen untermauern. Foto: /Martin Kalb

Lehrer Robin Harnisch referierte zum Thema Handy bei Kindern und Jugendlichen. Er gab dabei einen wissenschaftlichen und biologischen Rundumschlag sowie Praxistipps für Eltern.

Um das „Erste Handy“ ging es am Dienstagabend im Kronenzentrum. Der Vortrag von Robin Harnisch, Lehrer in der Schule im Sand und Volleyballtrainer beim TSV Bietigheim, richtete sich vor allem an Eltern von Dritt- und Viertklässlern. Die Idee für den Vortrag sei ihm gekommen, als ein Medientrainer vor ein paar Jahren in seiner Klasse zu Besuch war. Dieser habe die Schüler gefragt, wer von ihnen die Social-Media-App Snapchat für einen Tag nicht öffnen würde – kein einziger Schüler habe sich gemeldet. „Das ist ein Zeichen von Sucht“, so Harnisch.

Die Jim-Studie 2025 kam zu dem Ergebnis, die Bildschirmzeit betrage bei Jugendlichen durchschnittlich dreieinhalb bis vier Stunden täglich. Über diese Angabe könnten Schüler nur lachen, so der Lehrer, denn bei den meisten seien es mehr. Der 35-Jährige hatte dieselbe Vermutung, und eine Studie an seiner Schule habe das bestätigt: In den Klassenstufen fünf bis zehn lag die durchschnittliche Bildschirmzeit bei sechseinhalb Stunden täglich, und zwar an Schultagen. Am Wochenende und in den Ferien lag sie sogar bei neun Stunden. Jeweils die Hälfte der Zeit wurde für sogenannte Shortvideoapps genutzt, also Snapchat, Tiktok und Instagram.

Zu viel Zeit am Handy

Bei der angegebenen Nutzung seien das 600 bis 1000 Kurzvideos am Tag. Rechnet man diese Zahlen hoch auf die Woche, dann verbringen Schüler mehr Zeit am Handy als im Unterricht, sagte Harnisch. Das wirke sich negativ auf die Entwicklung der jugendlichen Gehirne aus, so Harnisch weiter, denn das befinde sich noch bis zum 25. Lebensjahr in der Entwicklung. Zu viel Dopamin (auch bekannt als Glückshormon) durch Handyberieselung störe diese Entwicklung, es könne zu Konzentrationsproblemen, fehlender Impulskontrolle und schlechten Sozialkompetenzen kommen – alles Dinge, die Lehrer längst aus ihrem Alltag kennen. „Sich selbst zu regulieren, das schaffen ganz wenige.“

Die Problematik: Der Hippocampus sei bereits früh im Leben ausgereift, das Stirnhirn jedoch noch nicht – oder anders ausgedrückt: „Das Kind hat schon früh einen 200 PS-Motor, baut aber erst spät die Bremse ein.“ Den Schalter, der Erwachsenen irgendwann sagt, dass nun genug Zeit am Handy verbracht worden ist, würden Kinder noch nicht besitzen.

Als Volleyballtrainer merke Harnisch das beim Sozialverhalten im Training: Mannschaftssport sei für die Schüler schwierig, denn es habe eine „Egoisierung“ stattgefunden: Der Schüler stelle sich selbst über das Team, empfinde sich als wichtiger als die Mannschaft.

Dopamin macht süchtig

Auch die Belastbarkeit habe bei den Schülern drastisch abgenommen. Wenn seine Schüler eine Aufgabe bekommen, die sie nicht direkt verstehen, versuchten sie nicht, eine Lösung zu finden, sondern meldeten sich mit den Worten „das kann ich nicht“. Die Sucht zeige sich in der Nervosität und Unruhe der Schüler, die entstehe, sobald ihnen die Handys weggenommen werden.

Das, was am Handy süchtig mache, sei die unmittelbare Belohnung: Direkt beim Schauen eines Videos wird Dopamin ausgeschüttet. Disziplin beim Lernen auf eine Klassenarbeit zum Beispiel, sei hingegen eine verzögerte Belohnung: Der Schüler muss jetzt lernen, erhält die Belohnung in Form einer guten Note aber erst in drei Wochen. Diese Kompetenz gehe verloren: „Diesen Moment des Wartens, das schaffen Schüler nicht mehr“, meinte Harnisch.

Ungeeignete Inhalte

Das räumliche Denken habe sich ebenfalls verschlechtert, so würden es mittlerweile 80 Prozent der Schüler nicht mehr schaffen, sich an die Vorgabe „eine Zeile beschreiben, die nächste freilassen“ zu halten, sondern stattdessen kreuz und quer über Zeilen und Ränder hinweg schreiben.

Neben den Auswirkungen auf die psychische Entwicklung seien die extremen Inhalte, auf die Jugendliche stoßen können, eine weitere Gefahr. Gewaltdarstellungen, Pornografie, Horror: „Mit dem Kauf eines Smartphones öffnen Sie einen Raum, für den das Kind nie bereit ist.“ Die Stimmung im Saal wurde bedrückend, als Harnisch die Zahlen der vergangenen Jahre durchging: Depressionen, Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten und die Suizidrate unter Jugendlichen seien seit 2010 kontinuierlich gestiegen. Bei Letzterer könne der Einfluss des Handys besonders gut gezeigt werden: Die Suizidrate sei noch bis 2006 gesunken. Im Jahr 2007 kam das erste Smartphone auf den Markt. Seit 2008 würden die Fälle steigen, sie hätten sich seitdem mehr als verdoppelt. Eine mögliche Ursache dafür könnte der Dauerstress sein, dem das Gehirn ausgesetzt ist, solange der Jugendliche am Handy ist, legt eine Studie nahe.

Im zweiten Teil des Vortrags gab es Tipps für die Eltern – gleichzeitig löste Harnisch die Anspannung durch ein paar humorvolle Anekdoten aus dem Lehreralltag auf. Der erste Tipp bezüglich Handy-Kauf: Je später, desto besser, denn umso weiter ist das Gehirn bereits entwickelt. So lange das Kind kein Handy einfordert, solle auch keines angeschafft werden – aber wenn es bereits vehemente Diskussionen gibt, dann sei der richtige Zeitpunkt für den Kauf.

Die Familienregeln zur Nutzung sollten bereits vor dem Kauf festgelegt werden, und zwar im Gespräch mit dem Kind, das hier durchaus mitdiskutieren und -entscheiden dürfen soll. Handyfreie Räume und Zeiten seien gute Ideen, und das Wichtigste: Das Kind müsse bei der Nutzung begleitet werden. Konsumiert es ungeeignete Inhalte, dürfe das nicht einfach verboten und bestraft werden – das sorgt nur für heimliche Nutzung –, stattdessen sollten Eltern mit dem Kind auf Augenhöhe ins Gespräch gehen. Harnischs Fazit für die Eltern: „Sie sind die Bremse im 200 PS-Auto.“

 
 
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