Bietigheim-Bissingen „Das Wohnzimmer schließt und wir können hier nichts abfangen“

Von Petra Neset-Ruppert
Julia Kopp, Daniela Baum und Monia Ben Ghozlen von „Karlas Wohnzimmer“ im Stadtteil Buch müssen kommenden Dienstag die Beratungsstelle schließen. Es fehlt an Finanzmitteln. Foto: /Oliver Bürkle

Die Beratungsstelle Karlas Wohnzimmer in Bietigheim-Bissingen schließt nächste Woche. Der Karlshöhe Ludwigsburg fehlt es an Spenden für das Angebot.

Ob ehemaliger Häftling, der sich nach seiner Haft wieder zurechtfinden muss, neu Zugezogene, die für ihr Kind psychiatrische Therapien suchen, oder der Analphabet, der eine Wohnung sucht – die Menschen, die in die Beratungsstelle „Karlas Wohnzimmer“ kommen, sind so vielfältig wie ihre Anliegen. Das niederschwellige Beratungsangebot der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg ist seit Februar 2023 ein Anlaufpunkt, um unkompliziert und ohne Termine Unterstützung und Hilfe in den verschiedensten Lebenslagen zu erhalten.

Bei Problemen mit Behörden, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen, Arbeitslosigkeit, Sucht, familiären Problemen, Wohnungslosigkeit oder psychischen Erkrankungen – die Sozialarbeiterinnen der Karlshöhe Ludwigsburg stehen den Besuchern von Karlas Wohnzimmer mit Rat zur Seite. Allerdings nur noch bis zum kommenden Dienstag. Dann schließt die Beratungsstelle im Stadtteil Buch ihre Türen.

Spendenzusagen reichten nicht aus

Fast 2500 Besucher nutzten das Angebot der Beratungsstelle in den vergangenen drei Jahren. „Finanziert wurden wir von der Aktion Mensch und der Ruprecht-Stiftung, doch das läuft nun aus“, erklärt Julia Kopp, Bereichsleiterin der Angebote für Menschen mit sozialen Schwierigkeiten bei der Karlshöhe Ludwigsburg. Ein Jahr lang habe man aktiv gesucht und Förderanträge gestellt. „Es gab auch Spendenzusagen, doch die waren nicht auskömmlich, um das Angebot zu erhalten“, sagt Kopp. Deshalb müsse Karlas Wohnzimmer nun schließen.

„Das Wohnzimmer schließt und wir können hier nichts abfangen“, sagt Sozialarbeiterin Monia Ben Ghozlen. Sie ist gemeinsam mit zwei weiteren Sozialarbeiterinnen der Karlshöhe Teil des Teams für Karlas Wohnzimmer. Auch ein ehrenamtlicher Helfer sowie Studenten, die regelmäßig aushalfen, gehören zum Wohnzimmer-Team.

Der Raum der Beratungsstelle sieht auch tatsächlich aus wie ein Wohnzimmer mit Sesseln und Sofas sowie Bildern an den Wänden. „Es ist immer eine sehr wertschätzende Atmosphäre. Und das, obwohl der Besuch teilweise mit langen Wartezeiten verbunden ist“, sagt Ben Ghozlen. Denn für Karlas Wohnzimmer braucht es keine Terminvereinbarung oder Anmeldung.

Wer Bedarf hat, kommt einfach vorbei und wartet, bis die nächste Sozialarbeiterin Zeit für ein Gespräch hat. „Dabei kam es auch zu so schönen Momenten, wenn zum Beispiel ein anderer Besucher aushelfen und übersetzen konnte“, erzählt Sozialarbeiterin Daniela Baum. Und das, obwohl die Sozialarbeiterinnen Beratungen auf Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Italienisch anbieten konnten. „Wir hatten auch schon Menschen mit psychischen Erkrankungen, die mehrere Anläufe gebraucht haben, bis sie sich durch die Tür getraut haben“, sagt Ben Ghozlen. Manchmal habe man diese Menschen dann vor der Tür einfach abgeholt, um mit ihnen gemeinsam den ersten Schritt zu machen.

„Jeder Mensch kann schnell in eine hilfebedürftige Situation kommen. Da ist es wichtig, dass man schnell und niederschwellig Hilfe finden kann. So kommen die Leute schnell wieder in ihre Selbstwirksamkeit zurück“, sagt Ben Ghozlen.

Tränenreiche Gespräche zum Abschied

Viele Gespräche, die die Sozialarbeiterinnen in den vergangenen Wochen in Karlas Wohnzimmer geführt haben, endeten in Tränen. Denn ein ähnliches Angebot finden die Betroffenen nicht. Aus dem ganzen Kreis und sogar Menschen aus Stuttgart kamen zur Beratungsstelle in Bietigheim-Bissingen.

Die Sozialarbeiterinnen können nun nur noch auf das bestehende Hilfsnetzwerk der Kommunen und sozialen Einrichtungen verweisen. „Das ist dann aber leider nicht mehr so niederschwellig“, sagt Baum. Denn anonyme Beratungen ohne Anmeldung und Termin, das gibt es nur in Karlas Wohnzimmer. „Wir haben ja nicht nur geholfen, Formulare auszufüllen. Manchmal bemerkten wir dann zum Beispiel auch im Gespräch, dass ein gewisses Verhalten auf eine psychische Erkrankung hindeutet und konnten den Menschen dann auch dabei weiterhelfen und sie an die passenden Stellen verweisen“, sagt Baum. „Wir halten die Augen weiterhin offen, um Geld zu finden und das Angebot wieder zu ermöglichen“, sagt Julia Kopp. Doch nun schließt Karlas Wohnzimmer erst einmal seine Türen.

 
 
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