Bietigheim-Bissingen Der Traum vom Ökokaufhaus währt nicht lang

Von Uwe Mollenkopf
Die Rommelmühle hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Foto: /Oliver Bürkle

Vor 30 Jahren endete der Mühlenbetrieb in der Rommelmühle. Das Gebäude wurde zum Ökozentrum umgestaltet, das aber bald insolvent war.

Obstbaumbestandene ehemalige Weinbergterrassen jenseits des Flusses Enz und den Ort Bissingen auf der anderen Seite sehen die Bewohner und Mitarbeiter in Europas größtem Ökozentrum, wenn sie aus dem 100 Meter langen, denkmalgeschützten Backsteingebäude schauen.“ So hieß es 2003 in einem Beitrag des Deutschlandfunks. Die Rede war von der Rommelmühle, die damals in aller Munde war – wenngleich bereits dunkle Wolken über das dortige Ökoprojekt aufgezogen waren.

Modernste Anlage im Land

Doch von Anfang an. Über Jahrhunderte hinweg wurde an der Enz in Bissingen Getreide verarbeitet. Die über 500-jährige Mühlengeschichte reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Ihren heutigen Namen erhielt die Mühle 1854, als Karl Rommel Eigentümer wurde. Er ließ auch das markante, siebenstöckige Backsteingebäude bauen, nachdem das alte Gebäude 1903 abgebrannt war. Mit einer Jahresleistung von 24.000 Tonnen Getreide galt die Mühle 1939 als die modernste und leistungsfähigste in Württemberg. Vor 50 Jahren, 1976 folgte dann der Verkauf an die Stuttgarter Bäckermühlen AG.

Dafür, dass der Mühlenbetrieb das 21. Jahrhundert nicht mehr erlebte, gab es verschiedene Gründe. In den 1990er-Jahren galt die Anlage als inzwischen veraltet und unwirtschaftlich, entsprach auch nicht mehr den Hygiene-Anforderungen. Zudem gab es Beschwerden von Anwohnern. Bis zu 40 Lkw-Bewegungen in den frühen Morgenstunden waren für den Betrieb nötig. Als Konsequenz wurde die Belegschaft im November 1995 in einer Betriebsversammlung darüber informiert, dass das Unternehmen in den Stuttgarter Hafen umziehen werde. Die Bäckermühlen AG hatte dort einen Getreidespeicher erworben, der zu einer Mühle auf dem neuesten Stand umgebaut werden sollte. In Stuttgart konnte die Rohstoffversorgung zudem über den Neckar erfolgen.

Mitte 1996 war es soweit: Der Mühlenbetrieb in Bissingen wurde stillgelegt, der Maschinenpark in der Folge nach Marokko verkauft.

Einkaufen auf vier Etagen

Zur Frage, was künftig mit dem riesigen Gebäude passieren sollte, gab es vor 30 Jahren geradezu sensationelle Nachrichten. Die Bönnigheimer Bauträgergesellschaft Archy Nova (damals: Archi Nova) hatte das 4,5 Hektar große Areal gekauft, mit der Absicht, das Mühlengebäude zu einem ökologisch ausgerichteten Wohn- und Geschäftsareal umzubauen. Kernstück der Pläne der Verantwortlichen um Erhardt Wächter und Gerd Hansen war ein Öko-Kaufhaus mit Dienstleistungszentrum über vier Etagen auf 7900 Quadratmetern. Lebensmittel, Möbel, Kleidung, Schuhe und vieles mehr sollten hier angeboten werden, hinzu sollten Wohnungen, Büros, Arztpraxen, ein Restaurant plus Biergarten, Künstlerateliers und mehr kommen. Ein Wasserkraftwerk sollte Strom liefern, um Kapital sollte sich der Immobilienfonds „Rommelmühle GmbH & Co. KG“ bemühen.

Große Erwartungen

Bereits im September 1998, gut zwei Jahre nach dem Ende des Mühlenbetriebs, wurde das, wie es hieß erste Umwelt-Erlebnis-Kaufhaus Europas eingeweiht. Rund 50 Journalisten aus ganz Deutschland kamen zur Eröffnung des Öko-Projekts, dessen Kosten auf 38 Millionen Euro beziffert wurden. Die Erwartungen waren riesig: Täglich zwischen 1000 und 1500 Kunden beziehungsweise Besucher wurden erwartet. Das Einzugsgebiet sollte sich bis Mitte Stuttgart, Leonberg, Heilbronn, Backnang und Vaihingen erstrecken. Auf sie wartete ein Angebot, zu dem Natur-Teppiche aus Nepal und ein 1000-Körner-Markt nun ebenso gehörten wie ökologische Weine und Möbel ohne Synthetik, berichtete damals die BZ. Der Betreiber, die Archy Nova Projektgesellschaft, zog dort ebenfalls ein.

Doch der Traum vom Öko-Markt hatte nicht lange Bestand. Die Lage abseits des Verdichtungsraums Stuttgart, mit langen Anfahrtswegen und Busanbindung nur im Halbstundentakt, aber auch ein unübersichtliches Geflecht an Beteiligungen führten dazu, dass es zu Pleiten und leerstehenden Läden kam. Bereits 1999 wurde der Bauträger insolvent, 2000 die Ökobank, der größte Anteilseigner, 2003 meldete das Kaufhaus Insolvenz an. Damit war es nur fünf Jahre nach der Eröffnung schon wieder vorbei mit dem Bissinger Ökoprojekt.

2005 erwarb die Bietigheimer Wohnbau das ehemalige Kaufhaus und baute es bis 2007 für Investitionen von rund zehn Millionen Euro um. In den nicht mehr genutzten Gewerbeflächen entstanden jetzt neue Wohnungen.

Noch 15 Prozent Gewerbe

Wie Sabrina Peer, die Sprecherin der Wohnbau, auf Anfrage mitteilt, liegt der Anteil an Gewerbeeinheiten in der Rommelmühle derzeit bei 15 Prozent. Dazu gehören unter anderem ein Bioladen, das Restaurant Schnitzelbräu, ein Zahn- und Kinderarzt, die Firma IBS, der „EinLaden“ des Vereins Insel, aber auch sportliche Einrichtungen wie zum Beispiel Wingtsun und Yoga. Auch die Archy Nova Projektgesellschaft, die zwischenzeitlich nach Stuttgart gezogen war, hat dort ebenfalls wieder ihren Sitz. Ansonsten dominiert die Wohnnutzung.

Das Thema Ökologie spielt indes auch heute noch eine Rolle, indem das Gebäude maßgeblich durch die KWA (Kraftwärmeanlagen GmbH) versorgt wird. „Der eigene Energiebetreiber sitzt quasi im Objekt“, so Peer. Es handle sich um eine Kombination aus Wärmepumpe und Gas (Biogas). Und: „Derzeit wird eine Flusswärmepumpe eingebaut, es wird künftig also zusätzlich auch die Wasserkraft genutzt“, berichtet die Wohnbau-Sprecherin. 

 
 
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