Bietigheim-Bissingen: Deutsche Wirtschaftsgeschichte Historiker schreiben „Dürr-Story“

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Zahlreiche Fotos veranschaulichen die Unternehmensgeschichte. Foto: &x21e5;Fotos: Uwe Mollenkopf

Die Autoren Dr. Ingo Stader und Dr. Jesko Dahlmann haben ein Buch über 125 Jahre Dürr verfasst. Auch die Firmengeschichte des Bietigheim-Bissinger Unternehmens in der NS-Zeit wird thematisiert.

Im Juli 2007 stellt der Lackieranlagenbauer Dürr seine Pläne zum Umzug von Zuffenhausen nach Bietigheim-Bissingen  vor. Vorausgegangen ist ein schwieriger Entscheidungsprozess, bei dem betriebswirtschaftliche Argumente gegen die alte Verbundenheit mit dem Standort Stuttgart abgewogen werden mussten. Der damalige Vorstandsvorsitzende Ralf W. Dieter, erst seit 2006 in diesem Amt, sucht dabei die Unterstützung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Heinz Dürr. Schließlich fällt die Entscheidung: für den Standort Bissingen und die größeren Chancen zur Weiterentwicklung.

Es handelte sich um eine von vielen Weichenstellungen in der 125-jährigen Unternehmensgeschichte, wie in dem jüngst zum Jubiläum von Dürr erschienenen Buch der Autoren Dr. Ingo Stader und Dr. Jesko Dahlmann nachzulesen ist. Sie beleuchten darin unter dem Titel „Vom Königlichen Hofflaschner zum Weltmarktführer“ auf 220 Seiten den facettenreichen Weg des 1896 im Kaiserreich gegründeten Unternehmens.

Die BZ sprach mit dem Historiker Ingo Stader, der in Mannheim eine Geschichtsagentur betreibt, über das Buch und die Arbeit daran.

Herr Stader, wie lange haben Ihr Kollege und Sie für das Buch recherchiert?

Ingo Stader: Die Vorarbeiten am Dürr-Buch haben mehrere Jahre gedauert: Eine wichtige Basis bildete eine bereits 1995 erschienene Darstellung von Dr. Claudia Nölting. 2015 begann Dürr dann intern mit den Vorbereitungen für die aktuelle Chronik. 2019 hat Dr. Jesko Dahlmann die Arbeiten für das Jubiläumsbuch begonnen. 2020 haben wir dann mit weiteren Recherchen begonnen und das Buch vereinheitlicht und finalisiert.

Welches waren die wichtigsten Quellen?

Die wichtigsten Quellen sind vor allem die chronikalischen Aufzeichnungen von der Historikerin Claudia Nölting sowie Zeitzeugeninterviews mit langjährigen und ehemaligen Mitarbeitern und natürlich der Gründerfamilie Dürr, voran Heinz Dürr. Weitere wichtige Quellen stammen aus dem Firmenarchiv. Ein „Glücksfund“ war dabei ein Album von 1940/41, das viel über das Unternehmen in der NS-Zeit aussagt. Schließlich standen wir auch im Austausch mit den Archiven der Region: vom Generallandesarchiv in Karlsruhe, über das Staatsarchiv in Ludwigsburg, bis hin zum Stuttgarter Stadtarchiv.

Wie Sie schreiben, ist die Quellenlage über das Kapitel Zwangsarbeit in der NS-Zeit sehr dünn. Was sind die Hauptgründe dafür?

Man darf sich Dürr damals nicht als Konzern mit tausenden Mitarbeitern vorstellen. Bei Kriegsbeginn hat Dürr etwa 65 Mitarbeiter – je kleiner das Unternehmen, desto geringer ist auch die Chance, einer lückenlosen Dokumentation mit Quellen. Im Unternehmen selbst gibt es keine schriftlichen Quellen zu Zwangsarbeitern, auch weil in den letzten Kriegsjahren Unterlagen verloren gingen – einzig ein Gruppenbild von den Zwangsarbeitern und eine Außenaufnahme von der Baracke, in der sie untergebracht waren, existierten. Alle Hinweise zu den Zwangsarbeitern bei Dürr stammen aus externen Archiven. Die Namen der Zwangsarbeiter sind bis auf zwei Ausnahmen unbekannt und damit ist auch eine Recherche nach den konkreten Schicksalen schwer. Schließlich macht gerade die politische Konstellation der Nachkriegszeit die Aufarbeitung für manche Gruppen von Zwangsarbeitern schwer.

Inwiefern?

Der Ost-West-Konflikt und der Kalte Krieg ließen Kontakte in weite Teile Osteuropas abbrechen. Hinter dem Eisernen Vorhang gab es wenig Interesse an einer historischen Aufarbeitung. Erst nach Zusammenbruch der Sowjetunion 1990/91 konnte eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des Einsatzes polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter erfolgen. Mit der Stiftungsinitiative Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) der Bundesrepublik Deutschland wurde im Jahr 2000 eine Übereinkunft mit den Opferorganisationen getroffen, um den Überlebenden Wiedergutmachungsbeträge auszuzahlen. Rund 6500 Unternehmen haben sich daran beteiligt, darunter auch Dürr. Viele ehemalige Zwangsarbeiter lebten aber zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Abgesehen von der NS-Zeit: Welche Zeitperioden waren noch besonders herausfordernd für das Unternehmen?

Es gibt gleich mehrere Zeitperioden nach 1945, die ganz besonders herausfordernd waren. Konkret: die enorme Entwicklung der Automobilindustrie und die Anforderungen an spezielle Anlagen wie zum Beispiel im Bereich der Lackierungen. Hier war Dürr das erste Unternehmen, das innovative Techniken aufgriff und in speziellen Anlagen umsetzte, das war in den 1960er Jahren. Mit dem Know-how der ersten Lackieranlagen folgte Dürr in den 1960ern seinen Kunden auch ins Ausland mit dem Aufbau von Niederlassungen in Brasilien und Mexiko. Das Risiko war enorm und für das Unternehmen war es schon schwer genug, 500 000 D-Mark als Bankbürgschaft zu bekommen, da Dürr keine großen Sicherheiten bieten konnte.

Zuletzt schlitterte Dürr 2004/2005 in die Krise...

Dürr ist damals hochverschuldet. Ralf Dieter, seit 2005 im Vorstand, telefoniert damals jeden Morgen mit einem Insolvenzanwalt, ob das Unternehmen eine Pleite anmelden muss. Aber dennoch schaffen es Dieter und seine Mitarbeiter, Dürr innerhalb kürzester Zeit zu sanieren – 2006 ist die Krise schon wieder überwunden, während bei anderen in Folge der Lehman-Pleite und der weltweiten Verwerfungen an den Finanzmärkten die nächste Krise schon wieder beginnt.

Was war Ihr Konzept in der Darstellung?

Unser Ziel war vor allem, ein lesbares, lebendiges und in sich rundes Buch zu schreiben, die Dürr-Story. Ein Buch, in dem man gerne blättert, aber auch als Leser hineingezogen wird, da die Dürr-Geschichte voll Spannung ist und wir immer nah an den Akteuren sind; wir schauen ihnen sozusagen über die Schulter. Gleichzeitig bietet das Buch auch einen interessanten Querschnitt der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte, die so nachhaltig von Unternehmerpersönlichkeiten wie Heinz Dürr geprägt wurde. „Ein Unternehmen ist eine gesellschaftliche Veranstaltung“, diese Aussage von Heinz Dürr ist aktuell, durchzieht wie ein roter Faden die Dürr-Geschichte und ist ein verbindendes Element aus allen Generationen – egal ob Management oder Mitarbeiter.“

 
 
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