Auf 122 Seiten beschreibt der von Professor Donato Acocella und seinen Mitarbeitern erstellte Entwurf eines aktualisierten Einzelhandelsgutachtens, wie sich die Lage der Geschäfte in Bietigheim-Bissingen darstellt, welche Ziele verfolgt werden sollten, welche Maßnahmen und Sortimentslisten geeignet wären. Der Gemeinderat stimmte dem Papier einhellig zu, das nun in die Offenlage geht. Bei der Bewertung gab es aber durchaus Unterschiede.
Bietigheim-Bissingen „Die Analyse ist ein Weckruf“
Der Gemeinderat hat den Entwurf des neuen Einzelhandelskonzepts beschlossen. Die Maßnahmen stehen allerdings unter Finanzierungsvorbehalt.
Als „sehr wertvoll“ bezeichnete Thomas Reusch-Frey, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Gemeinderat, die Vorschläge im Entwurf. Die vorgelegte Analyse selbst „ist ein Weckruf“, sagte er mit Blick auf Rückgänge bei der Verkaufsfläche (zwischen 2014 und 2024 um 20 Prozent) und bei der Zahl der Betriebe (um elf Prozent) sowie bei der Kaufkraft. Es gehe nun darum, „dass wir alles tun, um diese Entwicklung zu stoppen, vielleicht sogar zu drehen“, so Reusch-Frey.
Man brauche das Konzept, um Rahmenbedingungen für den Einzelhandel und neue Möglichkeiten aufzuzeigen, erklärte auch Stadtrat Eberhard Blatter (Freie Wähler). Dies vor dem Hintergrund eines Onlinehandels, der weiter auf dem Vormarsch sei. Der Einzelhandel sei von zentraler Bedeutung, da er das Bild der Stadt präge. Bietigheim-Bissingen müsse ein attraktiver, lebendiger und vielfältiger Handelsstandort bleiben, forderte Blatter.
Baubürgermeister Michael Wolf hatte eingangs den Einzelhandel in der Stadt trotz der im Gutachten aufgezeigten Rückgänge und Defizite als stabil beschrieben. Trotz der Veränderungen sei Bietigheim-Bissingen ein „attraktiver Handelsstandort“, es komme jetzt darauf an, diesen zu erhalten und weiterzuentwickeln. „Uns geht’s nicht ganz so schlecht wie vielen andern“, stellte Wolf fest.
Auch das Gutachten nennt durchaus Stärken. „Insbesondere im östlichen Bereich rund um den Kronenplatz sind mit C&A, H&M und Kaufland verschiedene Magnetbetriebe vorhanden“, heißt es dort beispielsweise mit Blick auf die Altstadt. „Intersport kann als Anziehungspunkt in der Talstraße genannt werden. Die Marktplatz Arkaden bieten im Zentrum der Altstadt einen wichtigen Anziehungspunkt mit attraktiven Angeboten.“
Gleichzeitig werden aber auch Defizite aufgezeigt. „Bei der Talstraße sowie beim Mühlwiesenzentrum handelt es sich um eher autokundenorientierte Standorte. Die fußläufige Anbindung ist aufgrund der sehr unattraktiven Unterführungen sowie schmaler Gehwege unzureichend“, so das Gutachten.
Bessere Fuß- und Radwege
Empfohlen wird dort die Verbesserung der Fuß- sowie Fahrradinfrastruktur. Baulücken sollten geschlossen, die Bereiche um das Kaufland und entlang der Talstraße aufgewertet werden. Auch die Fuß- und Radwegeerschließung der Besigheimer Straße sowie des Mühlwiesenzentrums solle verbessert werden. Eine Aufwertung des öffentlichen Raums wird im Übrigen auch für die Nahversorgungszentren Bissingen und Buch vorgeschlagen, neue Wegeverbindungen und ein Freiraumkonzept werden als Ziele für das Bahnhofsumfeld genannt.
Axel Westram, der Fraktionschef der CDU, sprach angesichts der Vorschläge von „einigen Begehrlichkeiten“. Das alles bedürfe jedoch einer gründlichen Prüfung und Beratung. Angesichts der Finanzlage, die in der derselben Sitzung Thema war, müsse man dabei „auf Sicht fahren“. Oberbürgermeister Jürgen Kessing sah das ebenso und erklärte: „Alles steht unter Haushalts- und Finanzierungsvorbehalt.“
Albrecht Kurz (GAL) bemerkte dazu trocken: „Die Vorschläge im laufenden Gutachten haben wir auch ignoriert.“ Aber auch er sah Handlungsbedarf und nannte unter anderem einen leichten Ladenleerstand in der Altstadt und die Frage der Anbindung des Mühlwiesenzentrums. Eine etwas „kindgerechtere Ausstattung“ würde auch der Fußgängerzone guttun, so Kurz.
