Bietigheim-bissingen Die Galerie wird zum Spielplatz

Von Gabriele Szczegulski
Landschaftsgemälde sind so gehängt worden, dann man mit dem Fernglas die Horizontlinie vom ersten bis zum letzten Bild verfolgen kann. Das erlaubt eine ganz neue Sichtweise auf die Werke. Davor wurde ein Kunstrasen mit dem Wort „Play – Spiele“ gelegt. Foto: /Oliver Bürkle

Die neue Ausstellung „Spielwiese Kunst“ in Bietigheim-Bissingen wirft einen ganz neuen Blickwinkel auf die Kunstwerke und zeigt deren spielerische Seiten.

Ein Spieleteppich zum Lümmeln mit Kissen, die Kunstwerke zeigen, ein Spiegel, auf dem man sich selbst für ein Selfie malen kann, Porträts, deren Personen man ein Leben zuordnen darf, ein Parcours mit Gegenständen aus Gemälden, unzählige Gegenstände, aus denen ein Stillleben für Instagram gemacht werden kann – was hat das alles mit Kunst zu tun? Eine Menge, denn selten ging eine Ausstellung so in die Tiefe, wurden Ausstellungsstücke so durchleuchtet. Und das auf spielerische Weise, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Werke aus der Sammlung werden be- und durchleuchtet

Die neue Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen heißt „Spielwiese Kunst“ und genau das ist sie – die Kunst wird von ihrem Podest genommen und zum Spielgegenstand erhoben. Werke aus der Sammlung der Galerie – Linolschnitte und Gemälde regionaler Künstler – werden durchleuchtet oder zum Leuchten gebracht. Der Besucher beschäftigt sich intensiv mit den 136 Werken der 50 Künstler und Künstlerinnen der letzten 150 Jahre. Selten macht eine Ausstellung so viel Spaß.

Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt, sagte schon Friedrich Schiller. Wenn man mit handbetriebenen Taschenlampen im Stockdunklen Kunstwerke betrachtet, die die Nacht zum Thema haben, dann sieht der Mond verdammt hell aus und die Einsamkeit eines Menschen wird sichtbar. Dann werden Einzelheiten in den Mittelpunkt gerückt. Oder wenn eine Skulptur ertastet wird, der Vogelschnabel die Finger pikst, dann will man genau wissen, was für ein Objekt es ist.

Endlich begreift der Betrachter, was eine Horizontlinie ist und wie wichtig sie für ein Gemälde ist, wenn circa 30 Landschaftsgemälde so gehängt wurden, dass sie eine verbindende Horizontlinie bilden. Und durch das Fernglas wird diese Linie noch eindrucksvoller sichtbar. Die Ferngläser sind übrigens alle aus dem Besitz von Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger, deren Vater Vogelbeobachter war.

Überhaupt nimmt sie während eines Ausstellungsrundgangs die Worte „nachhaltig und sparsam“ oft in den Mund. Alle Gegenstände, auch die, aus denen ein Stillleben erstellt werden kann, haben die Galeriemitarbeiter zusammengetragen. Die Tennisschläger, die Teil eines sportlichen Parcours vor den Sportbildern des Sachsenheimer Künstlers Adam Lude-Döring bilden, stammen vom Tennisclub Bietigheim. Die Urne, in die man die Teilnahmescheine am Gewinnspiel einwerfen kann, hat das Rathaus beigesteuert. „Wir haben fast alles selbst gemacht, auch weil wir Kosten sparen wollten, und der Aufbau hat so viel Spaß gemacht.“

Es ergeben sich ganz neue Perspektiven

Durch ungewöhnliche Raumgestaltungen und Sitzgelegenheiten – in der Hängematte schaukelnd oder auf dem Hometrainer radelnd – ergeben sich neue Perspektiven. Die Linie in manchen Kunstwerken wird so richtig sichtbar, in dem sie aus dem Werk auf der Wand einfach weiter läuft. Ein vierteiliges Kunstwerk von Barbara Wrede hängt in der Galerie – und auch im Wohnzimmer von Ex-Bundestrainer Joachim Löw. „Sieger, Verlierer, Finale, vorbei“ steht auf den Drucken unter einer Figur, deren Gesicht verdeckt ist. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat die Künstlerin es gemacht. Davor steht ein Siegerpodest für Fotos. Es ist eine unterhaltsame Ausstellung, die den Blick für Kunst eindrücklich schärft.

 
 
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