Auch dieses Jahr gibt es wieder drei hochkarätig besetzte Konzerte beim Bissinger Orgelsommer in der Kilianskirche. Den Auftakt machte der Komponist und Organist Peter Schindler aus Berlin, der mit seinem gut einstündigen Konzert für viel Applaus sorgte.
Bietigheim-Bissingen Die Orgel anders betrachtet
In der Kilianskirche hat Organist Peter Schindler den Bissinger Orgelsommer eröffnet. Zu hören waren Klassiker, eigene Werke sowie internationale Orgelstücke.
Im Jahr 2020 – zu Zeiten von Corona – fand der erste Bissinger Orgelsommer statt. Inzwischen hat er sich zu einer festen Größe im Veranstaltungskalender entwickelt und auch sein Stammpublikum gefunden. Erst seit ein paar Wochen kennt die Bissinger Kantorin Andrea Kulin den vielseitigen Musiker und Komponisten Peter Schindler: „Das war eigentlich ein glücklicher Zufall, weil ich ihn gehört habe mit seiner Missa in Jazz und ich hatte diesen Termin noch zu vergeben“, erinnerte sie sich daran, wie begeistert sie dabei von seinem Orgelspiel war.
„Ein bisschen Improvisation“
Peter Schindler wiederum freute sich über die Anfrage und hatte bei der Werkauswahl völlig freie Hand, wählte Stücke aus, die ihm gefallen: „Mit denen ich auch schon eine Zeit lang lebe und die ich im Lauf meines Tastenlebens kennengelernt habe. Die arrangiere ich dann einfach für die Orgel. Das ist so ein bisschen Improvisation.“ Und Peter Schindler begann mit einer musikalischen Zeitreise in die Vergangenheit, spielte als erstes Stück des Abends eine Passacaglia von Johann Caspar von Kerll. Dieser in seiner Zeit, dem 17. Jahrhundert, sehr bedeutende Orgelmeister ist auf heutigen Programmzetteln sehr selten zu finden. Feierlich, getragen der Beginn, klanggewaltig in der Entwicklung und mit großer Virtuosität vorgetragen, setzte nach Verklingen der letzten Note sofort spontaner Beifall ein. Peter Schindler kam hinter dem Altar hervor und leitete gekonnt über zum nächsten Stück, Jan Pieterszoon Sweelincks „Unter der Linden grüne“, dessen Melodie auf einem alten Lied über ein Paar unter einem Baum basiert.
Ein wenig erzählte Peter Schindler über den, 1562 geborenen niederländischen Organisten und Komponisten, verriet, dass er das Stück bereits seit 40 Jahren spielt: „Aber mein Orgellehrer hat mir damals niemals gesagt, dass das Stück auf einem echten Liebeslied basiert“, bekannte er und sang es mit kraftvoller Stimme vor. Im Anschluss waren die Variationen an der Orgel zu hören und auch hier bewies Peter Schindler seine Meisterschaft an den Tasten.
Es folgte ein Stück aus seiner eigenen Feder, das er ankündigte mit: „Wenn Peter Schindler Musik selbst schreibt, dann klingt sie so“. Ein hoffnungsvoll sphärischer Klang erfüllte den Kirchenraum bei „Einmal im Leben“ und das, was den Komponisten Peter Schindler ausmacht, das Überwinden von Grenzen verschiedener musikalischer Stile sowie eine ausgeprägte rhythmische Dynamik und auffallende Vitalität ließ die Zuhörerinnen und Zuhörer erneut anhaltend applaudieren.
Internationales Flair
Peter Schindler lobte die Chororgel der Kilianskirche besonders für ihre wunderbaren Zungenregister und versprach: „Sie werden ihre Orgel ganz neu erleben“, denn nun wandte er sich musikalisch von Europa nach Asien, spielte zunächst ein indisches Stück, bevor er sich ausgiebiger dem Koreanischen „Arirang“ widmete und dieses Lied mit seinen unzähligen Variationen als DNA dieses Volkes bezeichnete. Er sang es erst einmal vor, bevor der würdevolle Orgelklang den Raum ganz einnahm.
Obwohl die Musik beim Orgelsommer-Konzert im Vordergrund stand, erwies sich Peter Schindler auch als unterhaltsamer Erzähler, der ein wenig über das Heute philosophierte: „Ich will, ohne zu politisieren, daran erinnern, dass wir in einer guten Zeit und einem wunderbaren Land leben.“ Bravorufe und starker Beifall aus dem Publikum passten zu seiner Eigenbearbeitung von „Die Gedanken sind frei“.
