Bietigheim-Bissingen Die Vespa: Robust und millionenfach auf der Straße

Von Markus Wirth
Jochen Wimmer mit vier aktuellen Modellen der Vespa, wobei der hintere Roller sogar rein elektrischen Antrieb hat. Die blaue PX 200 stammt aus den frühen 1980er-Jahren. Foto: /Martin Kalb

Die Motorroller-Legende Vespa feiert dieses Jahr 80. Geburtstag. Die BZ hat sich mit Jochen Wimmer aus Bietigheim-Bissingen, einem autorisierten Piaggio-Mechaniker, unterhalten.

Kult ist ein Wort, welches in den vergangenen Jahren geradezu inflationär gebraucht wurde und somit mehr und mehr an Wert verlor. Dabei ist es nur selten tatsächlich angebracht – so zum Beispiel bei der Motorroller-Legende Vespa. In diesem Jahr feiert das blecherne Gefährt aus Pontedera bei Pisa seinen 80. Geburtstag.

Jochen Wimmer hat seine Werkstatt in der Hermann-Vischer-Straße in der Kammgarnspinnerei direkt an der B27. Er ist seit vielen Jahren auf die Produkte des Piaggio-Konzerns, von denen Vespa eine der zahlreichen Untermarken ist, spezialisiert. „Wir sind mittlerweile nur noch ein Service-Stützpunkt“, sagt der 59-Jährige. Früher habe er die toskanischen Motorroller und die dreirädrigen Kleinfahrzeuge, die Ape (italienisch für Biene) genannt werden, auch verkauft.

„Aber der italienische Mutterkonzern fuhr in den vergangenen Jahren eine äußerst restriktive Vertriebspolitik“, sagt er, mit der Folge, dass Konzessionen zahlreicher Händler ausliefen, sodass das Netz mittlerweile stark ausgedünnt wurde. Mit dem Resultat, dass er im weiten Umkreis der einzige ist, der noch die Wespen seiner Kunden warten, reparieren und restaurieren darf.

Die legendäre PX-Baureihe

Aktuell hat er ein mittelblaues PX-Modell aus den frühen 1980er-Jahren in Obhut. Diese Baureihe war eine der bekanntesten und erfolgreichsten überhaupt, stilistisch nah an der Ur-Vespa von 1946 dran und doch so modern, dass sie – mit Unterbrechung – knapp 40 Jahre millionenfach vom Band lief und sich auf der ganzen Welt wie geschnitten Brot verkaufte. „Das war ein äußerst robustes Modell“, sagt Wimmer und nimmt Platz auf der Höckersitzbank des 200 Kubik großen und zehn PS starken Rollers.

„Die ersten PX zwischen 1977 und 1982 hatten noch Gemischtschmierung, so, wie es bei fast allen Zweitakt-Zweirädern der Fall war.“ Was bedeutete, dass die „Vespisti“ Zweitaktgemisch tanken mussten. Erst 1982 kam mit der PX-Lusso-Reihe die nächste Generation samt kleinem Facelift und Getrenntschmierung auf den Markt und erleichterte fortan das Tanken.

Den Ölstand zeigte nun ein kleines Fensterchen unter der Sitzbank an, den Benzinstand die im Tacho integrierte Tankuhr. Die Robustheit der simplen Drehschiebemotoren kann Wimmer bestätigen: „Ich habe eine Kundin, deren Vespa hat mittlerweile über 100.000 Kilometer auf der Uhr, lediglich der Zylinderkopf wurde einmal auf das nächste Übermaß gehont.“

Große Schwachstellen hat die beherrschbare, analoge und simple Technik eigentlich kaum, weiß Wimmer: Die Federung vorne war lange Zeit ein Problem der PX- und PK-Reihe sowie bei der Cosa, auch die Trommelbremsen und die etwas eigenwillige Bordelektrik. „Sonst aber sind die Roller allesamt ausgereift, wobei die alten Wespen allgemein zuverlässiger sind als die neueren Modelle mit Katalysator und Benzindirekteinspritzung.“

Da er, wie erwähnt, im Umfeld der letzte Vespa-„Bevollmächtigte“ ist, hat ihm das einen täglich wachsenden Kundenstamm beschert, wie auch Ehefrau Petra bestätigt: „Wir haben mittlerweile über 400 Kunden in unserer Kartei, und täglich kommen zwei, drei neue dazu.“ Nachdem bei Händlern wie beispielsweise bei Zweirad-Trinkner in Löchgau die Konzession für Vespa erlosch, sei er nun allein auf weiter Flur.

„Ich habe sogar Kunden aus dem Odenwald und dem Bauland. Jüngst war erst ein Kunde aus Buchen hier, der fährt mal schnell 70 Kilometer, um sich hier seinen Roller wieder auf Vordermann bringen zu lassen.“ An Arbeit fehlt es dem Team von Autohaus Wimmer wirklich nicht, da ja das Hauptaugenmerk immer noch auf Autos liegt.

Die PX-Baureihe der Vespa ist seit zehn Jahren Geschichte, auf dem Markt sind daher nur noch gebrauchte Fahrzeuge im Angebot. „Allerdings werden gut erhaltene Exemplare mittlerweile fast schon in Gold aufgewogen.“ Günstiger sind die Nachfolgemodelle, von denen es viele gibt. Die PK-Reihe, 1983 als „kleine Schwester“ der PX lanciert, sei auch billiger zu bekommen.

Paradigmenwechsel bei Piaggio

Und auch bei Piaggio ist man mit der Zeit gegangen, es hat sozusagen ein wahrer Paradigmenwechsel stattgefunden: Die Vespa gibt es mittlerweile auch mit rein elektrischem Antrieb. „Das ist auch für uns Ansporn und Verpflichtung, uns weiterzubilden. Regelmäßige Schulungen für alle Mitarbeiter garantieren, dass wir auf dem neuesten Stand bleiben. Ebenso investieren wir in neuste technische Geräte, um unsere Kunden umfassend und kompetent bedienen zu können.“

Die Liebe zu luftgekühlten Motoren haben die Wimmers auch privat verinnerlicht, auch wenn sie „die Spur verbreitert“ haben und bei schöner Witterung mit ihren VW-Käfern aus den Baujahren 1967 und 1970 unterwegs sind.

 
 
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