Wie gerne würde man doch bei einem Künstler mal Mäuschen spielen. Wie sind die Ideen zu einem Werk entstanden, wie ist der Kunstschaffende vorgegangen, welche Überlegungen gab es während des Schaffensprozesses? Die Chance, einer Künstlerin bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, hatte die BZ diesen Mittwoch.
Bietigheim-Bissingen Ein Blick über die Schulter von Künstlerin Doris Graf
Künstlerin Doris Graf arbeitet derzeit an einem Projekt für Bietigheim-Bissingen. Die BZ hat sie in ihrem Atelier in Fellbach besucht und sie bei der Arbeit erlebt.
Ein Besuch im Atelier
Die Stuttgarter Künstlerin Doris Graf stellt derzeit in der Studioausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen aus. Doch für die Stadt an Enz und Metter hat sie noch einen Spezialauftrag: ein Kunstwerk schaffen zum Stadtjubiläum „50 Jahre Bietigheim-Bissingen“. Es wird den Titel „XPlacesToBe“ tragen und mehrere piktografische Bilder umfassen. Ab 3. Oktober sind sie dann auch in der Bietigheimer Galerie zu sehen. Zum Zeitpunkt des BZ-Besuchs existierten sie jedoch nur auf dem Computer von Doris Graf in ihrem Atelier inmitten des Industriegebiets in Fellbach.
„Morgen gehen die Arbeiten in den Druck“, verriet Graf und weiter: „Ich schaue alle Ränder und Abstände vor dem Druck nochmals ganz genau an. Alles muss klar sein, ich gehe ins Detail. Und manchmal ändere ich auch kurz vor knapp noch etwas.“ So auch beim Werk „XPlacesToBe“. Ob die BZ vorab schon einen Blick auf die Piktogramme werfen darf? „Verraten wird noch nichts, es bleibt eine Überraschung.“ Die Künstlerin ist nicht zu überreden.
Im Sommer war Graf in Bietigheim-Bissingens Stadtteilen unterwegs, sprach mit Bürgerinnen und Bürgern über ihr Projekt, das an ihre partizipativen Kunstprojekte „CityX“ angelehnt ist, aber mit Fokus auf eine Frage: Was der Lieblingsort der Bewohner in ihrer Stadt Bietigheim-Bissingen ist. Mehr als 800 Menschen haben teilgenommen, sind Grafs Aufforderung nachgekommen, ihren Lieblingsort zu malen (siehe rechtes Foto). „Ich war etwa 35 Stunden vor Ort in Gesprächen mit den Menschen“, sagt sie.
Herausgekommen ist eine bunte Mischung an Themen. Neben ganz privaten Orten, wie dem eigenen Garten oder dem eigenen Jugendzimmer (das bei Jugendlichen oftmals auf den Computer reduziert wurde) gab es auch öffentliche Orte, die immer wieder gemalt wurden. „Man hat als Gemeinschaft auch viele gemeinsame Orte, die man mag, die man bewahren sollte“, sagt Graf. Das „Hexengässle“ etwa hat Doris Graf neugierig gemacht. „Das habe ich mir vor Ort angeschaut, um die Elemente zu verinnerlichen.“ Oftmals wurden auch Spielplätze dargestellt, sehr oft der Spielturm am Bürgergarten. Aber auch Orte, an denen man sich verabredet, zum Beispiel das „Ku(h)riosum“ als Treffpunkt.
Und auch das Großevent der Stadt, der Pferdemarkt, ist für viele der Lieblingsort. „Es wurde dabei viel öfters das Feuerwerk gezeichnet als Pferde“, wunderte sich die Künstlerin. Wer sich jedoch an die Diskussion rund um die Abschaffung des Feuerwerks erinnert, den mag das weniger überraschen. Die Bietigheimer lieben ihr Feuerwerk.
Ungeschlagen auf Platz eins steht das Wahrzeichen der Stadt: der Viadukt. „Auf rund 120 von 800 Bildern ist er abgebildet. Sehr oft in Kombination mit Sonnenschein und der Enz.“ Gerne auch in Verbindung mit Wassersport. Oder mit Zügen, die über die Hochstraße fahren. Bei der Anzahl an Bögen war man sich jedoch uneinig, von ein bis drei Bögen ist alles vertreten. „Die Zeichnungen sind nicht perfekt. Aber das müssen sie auch gar nicht sein, darauf kommt es nicht an. Sie sind ehrlich. Und darum geht es“, so Graf. Soviel hat sie der BZ dann doch noch verraten: Der Viadukt hat es in ihr Kunstwerk geschafft.
Sichten und kategorisieren
Hat Graf die Blätter gesichtet, was Stunden dauert, werden sie kategorisiert. Graf bildet Stapel, unterteilt sie so oft, bis sie zufrieden ist. Dann beginnt die Arbeit am PC. Dort entwirft sie einzelne Elemente, schiebt sie im Grafikprogramm immer wieder neu zusammen, tauscht sie aus, gestaltet sie farblich anders, ersetzt sie ganz. Die Zwischenstände speichert sie immer wieder ab, um dorthin zurückkehren zu können, wenn es sich für sie in eine falsche Richtung entwickelt hat. Es ergibt sich eine verzweigte Ordnerstruktur.
Ob sie auch außerhalb der Kunst ein ordentlicher, strukturierter Mensch sei? „Ich würde sagen, ich bin praktisch veranlagt“, sagt sie, lacht und ergänzt: „ja, doch, ich bin schon ordentlich. Ich strukturiere gerne meinen Alltag, dann muss ich Dinge nicht doppelt machen. Vieles geht so schneller.“ Für die vielen Zwischenstände braucht sie natürlich auch ausreichend Speicherkapazität. „Ich habe viele Festplatten.“ Die Zeichnungen ihrer Befragten hat sie in Ordnern abgelegt. Zu ihren „CityX“-Projekten sind das rund 14.000 Zeichnungen.
Den Weg ihres piktografischen Stils hat Doris Graf schon früh beschritten. „Ich habe an der Kunsthochschule ‚Villa Arson’ in Frankreich studiert. Dort konnte ich viel ausprobieren.“ Schnell entdeckte sie das dortige Infografie-Studio für sich sowie konzeptuelle Kunst. Bei ihren frühen Werken sieht man noch ihre Wurzeln in der Zeichnung, in der dünnen Linie.
Technik spielte von vornherein eine große Rolle, „Computer faszinieren mich. Mittlerweile arbeite ich auch mit der KI zusammen, nutze sie zum Experimentieren“, sagt sie. Mit der Zeit wurden die Elemente immer klarer bis sie zur heutigen klaren Form, die fast an Verkehrsschilder erinnern, fand.
