Klavier vierhändig? Ja, das kennt man. Aber Orgel vierhändig? Gibt es das auch? Und geht das überhaupt? Während ein Konzertflügel 88 Tasten aufweist, verfügt eine Orgel pro Manual nur über 56 bis höchstens 61, was nur 4,5 bis fünf Oktaven entspricht. Das bedeutet, eine Orgel-Klaviatur ist so schmal, dass vier Hände kaum Platz finden. Und doch gibt es die seltene Besetzung des vierhändigen (und vierfüßigen) Orgelspiels. Umso reizvoller ist es, dies einmal live zu erleben.
Bietigheim-Bissingen Ein Duo, das sich blind versteht
Der „Bissinger Orgelsommer 2025“ in der Kilianskirche beginnt mit einem charmanten Konzert des Duos Andrea Schneller/Hans-Rudolf Krüger.
26 Jahre Erfahrung
Gelegenheit dazu gab es am Mittwochabend in der Bissinger Kilianskirche beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Orgelsommers. Zu Gast war das Stuttgarter Orgel-Duo Andrea-Ulrike Schneller und Hans-Rudolf Krüger, zwei Künstler, die seit 1999 in dieser Formation in Erscheinung treten. Sie spielen sowohl Originalwerke, die tatsächlich für das vierhändige Orgelspiel verfasst worden sind, als auch Transkriptionen von Werken für ursprünglich andere Besetzungen.
Gleich ihr erstes Stück, „Präludium und Fuge C-Dur“ von Georg Friedrich Händel in einer Transkription für Orgel-Duo von John Marsh, ließ aufhorchen. Das Werk erklang klangprächtig auf der 1988 von der Werkstatt Martin Vier gebauten, 23-registrigen Orgel. Es besteht kein Zweifel, die Duopartner wissen, was sie tun. Es wird hörbar gut phrasiert, gemeinsam geatmet und transparent registriert. Hilfreich ist ein Leggiero-Spiel im Tutti, das dem vielstimmigen Satz die Schwere nimmt. Wunderbar herausgearbeitet wird die Polyphonie der Fuge. In ihrer Begrüßung der sehr zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörer hatte die Kantorin der Kilianskirche, Andrea Kulin, verraten, Schneller und Krüger bildeten nicht nur ein Orgel-Duo, sondern seien auch im wahren Leben ein Paar. Kein Wunder, möchte man denken.
Mit Eleganz und Verzierung
Es ging weiter mit einer (Klavier-) Sonate F-Dur des Bach-Sohnes Johann Christian, die rein manualiter, also ohne Pedal, wiedergegeben wurde. Das Duo nimmt das frühklassische Stück mit feiner Eleganz, gekonnter Verzierungstechnik und arbeitet neckische Echo-Spielereien heraus. Punktgenau gelingen die Einsätze und Schlüsse. Eine wichtige Musikpersönlichkeit des 18. Jahrhunderts war der Österreicher Johann Georg Albrechtsberger.
Nach dessen Präludium und Fuge C-Dur, einer Originalkomposition, hörten die knapp einhundert Zuhörenden ein Frühwerk Wolfgang Amadeus Mozarts, eine Kirchensonate in F-Dur in einer Transkription.
Nahe an der Perfektion
Unter den geübten Händen des Orgelduos beginnt die Musik wundersam zu schwingen. Ein „Mozart-Flow“ auf der Orgel. Das ist ein Zusammenspiel ganz nahe an der Perfektion. In andere, romantische und modernere Klanglandschaften führten eine Fantasie D-Dur des Schweden Gustaf Adolf Mankell und das improvisatorische zeitgenössische Stück „Carillon pour Grand Orgue“ des 1955 geborenen Hamburgers Andreas Willscher. Vor allem dieses kühne Schlussstück mit seinen kreisenden Bewegungen, seiner minimalistischen Struktur und tonalen Überraschungen verleitete das Publikum zu Bravo-Rufen, die es bei Orgelkonzerten sonst eigentlich kaum gibt.
Ein schöner Auftakt für die Reihe, die es seit 2020 gibt und von Jahr zu Jahr mehr Zuspruch findet. Die Orgel weist eine interessante Disposition auf. Es könnte sich aber lohnen, das Instrument, vor allem die Zungenregister, wieder einmal zu stimmen.
