Bietigheim-Bissingen Ein Stück über Rufmord und Frauenhass

Von Sandra Bildmann
Das fünfköpfige Ensemble der Württembergischen Landesbühne im Kronenzentrum. Foto: /Oliver Bürkle

Die Württembergische Landesbühne Esslingen zeigte im Kronenzentrum Heinrich Bölls „Verlorene Ehre der Katharina Blum“.

Über 50 Jahre ist es her, dass Heinrich Böll, inspiriert durch seine eigenen Erfahrungen, den Journalismus-Methoden der wohl berühmtesten Zeitung Deutschlands ein mahnendes Denkmal setzte. In „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ beschreibt er gemäß des Untertitels „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“.

In Zeiten von Social Media und Fake News begrenzen sich mediale Gewalt, öffentliche Diffamierung, Rufmord und Frauenhass nicht mehr nur auf gedrucktes Papier: Das digitale Netz potenziert Risiko und Folgen von Hass, Hetze und Verleumdung. Bölls Erzählung ist nicht nur erschreckend aktuell, sondern auch erschreckend echt. Was am Donnerstagabend im Kronenzentrum als Theaterstück auf der Bühne gezeigt wurde, war keine Kunst im artifiziellen Sinn. Es war die Darstellung weit verbreiteter Realität durch künstlerisches Handwerk.

Unschuldig im Fadenkreuz

Die Erzählung von Heinrich Böll aus dem Jahr 1974 dreht sich um Katharina Blum, die unschuldig ins Fadenkreuz der Behörden gerät. Sie hat das Pech, dass sie auf einer Karnevalsparty ausgerechnet einen gesuchten Verbrecher kennenlernt und für den ersten One-Night-Stand ihres Lebens mit nach Hause nimmt. An Zufall will weder die Polizei glauben noch der Journalist, der ihre Intimsphäre aus Gründen angeblichen öffentlichen Interesses nicht ansatzweise respektiert. Blum wird an den Pranger gestellt, ohne dass es dafür stichhaltige Erkenntnisse gibt. Medienrecht und Moralversagen sind jedoch beileibe nicht die einzigen Kernthemen Bölls Thriller. Die Vernehmung der Beschuldigen zeigt schonungslos männlichen Machtmissbrauch und Misogynie.

Blum hatte es früher gewagt, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, weil er sie besitzen und unterdrücken wollte. Nach Ansicht der Polizei war sie somit „zu Recht schuldig geschieden“. Ihre Differenzierung zwischen Zudringlichkeit und Zärtlichkeit bezeichnet der sich als frauenverachtend und herablassend zeigende Hauptkommissar als „spitzfindig“. Stattdessen sucht er in Katharinas Aussagen nach Widersprüchlichkeit, die reine Interpretationssache ist und nicht durch Fakten belegt werden kann.

Versagen der Staatsgewalt

Das Bagatellisieren und Verharmlosen von Sexismus, Demütigung und physischer wie psychischer Gewalt, seien nach wie vor weit verbreitet, wird in der Stückeinführung betont. Es sind erst die drastischen Beispiele mutiger Opfer wie Gisèle Pelicot, die einen zähen Prozess des Umdenkens anstoßen. Nicht nur einmal während der Aufführung drängt sich den Zuschauern der Satz auf, den die Französin berühmt gemacht hat: „Die Scham muss die Seite wechseln.“

Die Inszenierung von Eva Lemaire zeigte das Versagen und die Verstrickungen der Staatsgewalt sehr bildlich, als sich die Kabel der Telefone immer heftiger um Katharina Blum wickelten und ihr buchstäblich die Luft zum Atmen nahmen. Daraus folgt fast unvermeidlich ein Akt der Selbstjustiz: Blum verabredet sich mit dem Journalisten, der ihr Leben ruiniert hat, für ein vermeintliches Interview. Dass er sie der Öffentlichkeit als Monster vorgestellt hat, hält ihn nicht davon ab, sie vergewaltigen zu wollen: „Mein Blümelein – ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal bumsen.“ Blum antwortet „Jetzt bumst‘s!“ und erschießt ihren Peiniger. Und dann? Blitzlichtgewitter.

Schauspieler in mehreren Rollen

Dass die meisten Medienvertreter bei ihrer Recherche und ihrer Berichterstattung nicht asozial vorgehen, wird ebenso thematisiert. Nur: Wer am lautesten schreit, wird am besten gehört. Die Darstellung auf der Bühne zeigte unmissverständlich: In Zeiten, in denen Meinungsfreiheit ein hohes, im Grundgesetz verankertes Recht ist, gleichzeitig sich aber Behauptungen ungefiltert und ungeprüft, insbesondere im Internet, rasend schnell verbreiten, komme unabhängigen Quellen und seriös arbeitenden Behörden und Redaktionen eine noch größere Bedeutung, ja gar Verantwortung zu.

Dass die drei männlichen Schauspieler am Donnerstagabend jeweils zwei oder drei verschiedene Rollen darstellten, irritierte gelegentlich. An der Eindringlichkeit und Authentizität ihrer Darstellung änderte das nichts: Für das fünfköpfige Ensemble um Elif Veyisoglu als Titelfigur gab es reichlich Applaus.

 
 
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