Im Bietigheimer Kronenzentrum fand am Dienstagabend eine ungewöhnliche Gerichtsverhandlung statt, die von zahlreichen Jugendlichen, unter anderem aus Bietigheim, Asperg, Ludwigsburg, Vaihingen und Markgröningen, gebannt verfolgt wurde. Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“, aufgeführt vom Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen (LTT) unter der Regie von Alexander Marusch, sollte insbesondere die Jugend ansprechen, denn das Kleist-Stück ist Sternchenthema fürs Abitur.
Bietigheim-Bissingen Eine bizarre Gerichtsverhandlung
Im Kronenzentrum wurde das Stück „Der zerbrochne Krug“ aufgeführt. Es gab viel Beifall, aber auch kritische Stimmen.
Handlungsort ist ein „kleines Dorf im Hinterland, leicht heruntergekommen“, beschreibt Rolf Kindermann, der den Schreiber Licht darstellt, der Bietigheimer Zeitung. Bühnenbild, Frisur und Kleidung sind an die 80er-Jahre angelehnt. Es handelt sich um die moderne Inszenierung eines Lustspiels aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Der Schreiber befindet sich in einem Raum, der offensichtlich vielen Zwecken dient. Müll und Partydeko weisen darauf hin, dass am Vortag kräftig gefeiert worden ist. Im Hintergrund erwacht der völlig verkaterte Dorfrichter Adam (Martin Bringmann). Es ist Gerichtstag, an dem auch die Gerichtsrätin Walter (Friederike Pöschel) teilnimmt. Adam muss gestehen, dass seine Perücke fehlt, die ihn als Amtsperson ausweist. Dennoch soll Gericht gesessen werden. Frau Marthe Rull (Sabine Weithöner) stürmt vor Zorn bebend mit ihrer Tochter Eve (Sarah Liebert) und deren Verlobtem Ruprecht Tümpel (Leo Kramer) auf die Bühne. Marthe beschuldigt Ruprecht, ihren Krug zerbrochen zu haben.
Die Nebelmaschine arbeitet
Eine bizarre Gerichtsverhandlung beginnt, in der es nicht allein um den Sachschaden, sondern um Eves Unschuld geht. Der korrupte Richter wird vom Zuschauer rasch als Straftäter erkannt. Die Frage der sexuellen Nötigung steht im Raum.
Während der Aufführung wird die Beleuchtung heller und dunkler, leise Musik erklingt und verhallt im Hintergrund. Die Nebelmaschine arbeitet, Dynamik entsteht durch das Brechen der vierten Mauer, womit das Publikum kurz einbezogen wird. Brigitte (Emma Stratmann) stellt mit ihren permanenten Reinigungsarbeiten die kontinuierliche Bewegung in dem Stück dar, das immer wieder von Bewegungslosigkeit und Zeiten des völligen Schweigens durchdrungen ist. Am Schluss löst sich die Verhandlung in Wohlgefallen auf, ohne dass ein Urteil gesprochen wird.
Die Darsteller erhielten für ihre Leistung brausenden Beifall, das Publikum war begeistert.
Viele Handlungen weggelassen
Dennoch gab es auch kritische Stimmen: „Die Inszenierung ist viel moderner, als ich es mir vorgestellt hatte,“ erklärte die Schülerin Fanni vom Ellental-Gymnasium, die das Stück aufmerksam verfolgt hatte. „Es wurden viele Handlungen und Texte weggelassen, die von immenser Bedeutung gewesen wären, andere wurden überflüssigerweise hinzugefügt; auch das Ende war komplett falsch dargestellt. Adam hätte wegrennen müssen.“
Die Lehrerin Stefanie Schmitt, die zwei Leistungskurse im Ellental-Gymnasium leitet, ärgerte, dass der Richter im Amt blieb. „Dies und vieles andere geben dem Stück einen völlig anderen Turn. Hier wird die traumatisierte Eve mit ihrem tragischen Schicksal als Missbrauchsopfer von allen allein gelassen – von der Mutter und von ihrem Verlobten, mit dem Kleist sie in seinem Stück wieder versöhnt hat. Walter reist ab, ohne die ganze Sache zu klären – die Epstein-Fall-Debatte wurde nicht genügend gelöst.“
Steffen Keim, Lehrer am Helene-Lange-Gymnasium in Markgröningen ergänzte: „Es gab zu wenig Bewegung, der Platztausch und die körperliche Aktion haben gefehlt. Marthes Rolle mit Adam in sexueller Verbindung war ohnehin unverständlich. Das Ganze ist eine oberflächliche Komödie. Die Inszenierung hätte schon in Verbindung mit Eves Schicksal viel beklemmender dargestellt werden müssen.“
