Bietigheim-Bissingen „Eine einzigartige historische Quelle“

Von Yannik Schuster
Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Christoph Florian, präsentiert Band 1 der Bietigheimer Annalen. Hier ist das Bietigheimer Stadtwappen mitsamt einer Beschreibung verewigt. Es ist die älteste bekannte Zeichnung des Stadtwappens Foto: /Richard Dannenmann

Vor 500 Jahren begann Sebastian Hornmold damit, die Bietigheimer Annalen aufzuschreiben. Für die Stadtgeschichte ist das Werk von großer Bedeutung.

Wem im 16. Jahrhundert fremde Hühner in seinem Garten, auf seinen Wiesen oder Äckern, Schäden anrichteten, der hatte ganz offiziell die Erlaubnis, diese zu erschlagen. Selbst verspeisen durfte man das Geflügel jedoch nicht, vielmehr musste man sie dem Besitzer „zurückgeben“ (wörtlich: In seine Behausung werfen oder legen).

Regeln wie diese sind festgehalten in den Bietigheimer Annalen, die Sebastian Hornmold ab 1526 anfertigte. Hornmold war damals frisch zum Stadtschreiber ernannt worden und sollte, nachdem bei Ausschreitungen im Zusammenhang mit dem Bauernkrieg zahlreiche städtische Dokumente zerstört wurden, ein schriftliches Gedächtnis der Stadt rekonstruieren. Also begann der spätere Vogt, Zeugen zu befragen und anhand deren Aussagen und alter Aufschriebe die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Verfassung und Stadtgeschichte

In zwei Bänden, die im Original im Bietigheim-Bissinger Stadtarchiv vorliegen, ist so einerseits die Bietigheimer Stadtverfassung der damaligen Zeit niedergeschrieben. Zivil-, Straf- und Erbrecht sind darin ausführlich beschrieben. Selbst ein eigener Paragraf zum Fischotter, der damals keinen Bestandschutz genoss, ist enthalten. Aber auch weit ernstere Themen wie die Vollstreckung von Todesurteilen, die das Stadtgericht aussprechen durfte, werden darin beschrieben.

„Man merkt wie eine Gemeinde funktioniert hat und worauf zu achten war“, sagt der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Christoph Florian. Unter anderem enthalten die Annalen die älteste bekannte Zeichnung des Bietigheimer Stadtwappens mitsamt einer Beschreibung. Viele der genannten Rechtsgebräuche hätten sich in den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten sukzessive verändert und wurden mit der Zeit obsolet, sagt der Archivar. Die Gemarkungsgrenzen, die in den Annalen festgeschrieben worden sind, hätten hingegen an manchen Stellen bis heute Gültigkeit. Auf der anderen Seite fungieren die Annalen Hornmolds aber auch als Niederschrift der Stadtgeschichte. Als „Schatzkiste“ beschreibt Dr. Christoph Florian, die Bietigheimer Annalen. So finden sich darin etwa Informationen zur Siedlung Hofen, die einst im Bereich der evangelisch-methodistischen Kirche existierte, oder zum Curlinbad im heutigen Hexenwegle.

Und auch archäologische Funde finden Beachtung: So wurden im Bereich des einstigen Siechenhauses in der Nähe der heutigen Löchgauer Straße, Überreste von Gräbern mitsamt Eisenschwertern gefunden. Bei der näheren Untersuchung habe man sogar festgestellt, dass das Schienbein einer der Leichen länger war, als das des größten Einwohners der damaligen Stadt.

In gutem Zustand erhalten

Eine große Rolle in den Annalen spielt darüber hinaus das Feuer. Hornmold schildert darin, wie die teils ausufernden Brände in der Stadt bekämpft werden. Ein Priester habe einst aus Aberglaube ein gesegnetes Hühnerei, das am Gründonnerstag gelegt wurde, ins Feuer geworfen, um zu löschen. Ob er damit Erfolg hatte, geht aus den Annalen nicht hervor.

„Es ist das wichtigste Geschichtsbuch, das wir haben“, sagt Dr. Christoph Florian. „Es ist eine einzigartige historische Quelle. Viele Informationen findet man nirgendwo anders.“ Im Jahr 1540 wurden die Annalen ins Reine geschrieben und noch bis ins 18. Jahrhundert hinein finden sich Ergänzungen. Obwohl das Buch eine wichtige Arbeitshilfe für die Stadt darstellte, sei es in einem guten Zustand erhalten, zeigt sich Florian dankbar.

 
 
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