In der Reihe der Kirchen im evangelischen Kirchenbezirk Besigheim nimmt die Peterskirche in Bietigheim eine besondere Stellung ein. Im 12. Jahrhundert wurde anstelle eines vermutlich kleinen Chorraumes ein Neubau errichtet. Die Kirche wäre damit eines der ältesten Bauwerke in Bietigheim. Ende des 14. Jahrhunderts gab es erneut Abrissarbeiten und ein vieleckiger gotischer Chor wurde neu errichtet.
Bietigheim-Bissingen Eine Kirche auf römischen Fundamenten
Die Peterskirche gilt als ältestes Gebäude in der Stadt. Vor 90 Jahren legten Ausgrabungen mehrere Bauphasen offen.
Die Übertragung der Pfarrrechte auf die neu erbaute Stadtkirche, 1411 fertig gestellt, scheiterte wegen eines Einspruchs des Bischofs von Speyer. Die Peterskirche blieb somit bis zum Jahre 1496 Pfarrkirche, in der alle Hauptgottesdienste und Taufen stattfanden, bis diese Rechte schließlich der Stadtkirche übertragen wurden. Die Stadtkirche hatte der heutigen Friedhofskirche damit den Rang abgelaufen.
Archäologische Untersuchung
Neue Erkenntnisse gab es vor gut 90 Jahren, als 1934 Renovierungsarbeiten in der Peterskirche vorgenommen wurden. Das damalige Stadtbauamt in Bietigheim regte dazu eine archäologische Untersuchung in der Kirche an, die Stadt finanzierte die Arbeiten. Schon bei früheren Renovierungen, unter anderem 1899, waren mit Bogensteinen und Resten farbiger Ausmalungen erste Hinweise auf die reiche Vergangenheit des Bauwerks ans Licht gekommen.
Die umfangreichen Ausgrabungen von Januar bis März 1934 des Landesamts für Denkmalpflege unter Leitung von Prof. Fiechter und seines Schülers und örtlichen Leiters Albert Sauer, beides Architekten, ließen tief in die Bau- und Kulturgeschichte des Ortes blicken. Die Arbeiten legten mehrere Bauphasen offen und förderten die Erkenntnis zutage, dass die heutige Kirche auf römischen Fundamenten errichtet wurde.
Struktur aus dem 3. Jahrhundert
„Mit dieser Grabung beginnt die Mittelalterarchäologie am Ort“, so der im August 2023 verstorbene Archäologe Dr. Ingo Storck in einem Beitrag zur Vor- und Frühgeschichte der Markung Bietigheim. Leider sei der Grabungsbericht wohl wegen des Krieges nie detailliert vorgelegt worden.
Festgestellt wurde von Fiechter und Sauer als ältestes Überbleibsel im Boden eine römische Anlage aus dem 3. Jahrhundert nach Christi. Die antike Grundstruktur bestand aus 16 massiven Stützen, die im Kreis mit einem Durchmesser von 18,5 Metern um einen geschlossenen, zylindrischen Kern von 7,7 Metern Durchmesser angeordnet waren – was auf eine möglicherweise kultische Nutzung schließen ließe. Neben den Fundamenten fand man auch Teile einer Amphore, römische Ziegel, Schüsseln und sogar Waffen – Funde, die vom alltäglichen wie auch vom wehrhaften Leben der einstigen Bewohner zeugten.
Bei der damaligen Grabungstechnik arbeitete man mit Suchgräben, die entsprechend den angetroffenen Befunden erweitert wurden, so Storck in seinem Beitrag. Der Archäologe zeigte Verständnis für die Interpretation von Fiechter und Sauer bezüglich der Befunde, die allerdings von „dem Streben nach Komplettierung der Grundrisse geprägt“ sei.
Streit um Interpretation
Der Amphorenfund wurde als zu einem Brandgrab gehörig gedeutet. Die Interpretation Fiechters lautete dann dementsprechend: Über einem oder mehreren Gräbern sei ein mächtiger Kultbau oder ein Grabmonument errichtet worden und in die römische Ruine habe man dann im frühen Mittelalter die erste Kirche eingebaut. Fiechters Interpretation sei „völlig haltlos“, kommentierte Storck.
Der Amphorenfund würde keinen konkreten Hinweis auf ein Grab geben, vielmehr wäre an die Herkunft aus einem Keller zu denken. Die Tatsache, dass sich unter einer christlichen Kirche römische Baureste befinden, stelle im übrigen auch keinen Einzelfall dar.
Standort eines Gutshofs?
Auch für die Benutzung römischer Fundamente bei nachrömischen Kirchenbauten würde es eine Reihe von Beispielen geben, so Storck weiter. Die Funktion des römischen Baus könnte auch eine ganz andere gewesen sein. Die exponierte Höhenlage der heutigen Sankt-Peters-Kirche hätte in römischer Zeit eventuell auch ein Standort für einen Gutshof sein können. Ein Tempelheiligtum der Metteranwohner sei durch die Grabungen des Jahres 1934 jedenfalls nicht nachgewiesen, so Archäologe Storck. Die Entdeckungen bei der Peterskirche zeigten einen Ort, an dem sich über Jahrhunderte hinweg römische Architektur, mittelalterlicher Kirchenbau und spätere Restaurierungen zu einem vielschichtigen historischen Erbe verbinden.
