Bietigheim-Bissingen „Es gibt keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse“

Von Uwe Mollenkopf
Michael Blume bei seinem Vortrag vor Schülern im Kronenzentrum. Foto: /Oliver Bürkle

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, sprach im Kronenzentrum vor rund 600 Schülern.

Statt ins Klassenzimmer ging es für rund 600 Neuntklässler der örtlichen Real- und Gemeinschaftsschulen, des Beruflichen Bildungszentrums und der Gymnasien im Ellental am späten Dienstagvormittag ins Kronenzentrum. Bei dieser „wichtigen Schulveranstaltung“, wie sich der Erste Bürgermeister Michael Hanus bei der Begrüßung ausdrückte, gab der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, Einblicke in seine Arbeit und das Thema Antisemitismus.

Gefahr: Verschwörungsmythen

Der 49-jährige Religionswissenschaftler, der sein Amt als Beauftragter der Landesregierung seit 2018 inne hat, sah die Ursache des Antisemitismus vor allem in Verschwörungsmythen. Die Juden seien dabei auch aufgrund ihrer höheren Bildung zum Feinbild geworden. Solche Verschwörungstheorien, wozu auch die Leugnung des Holocausts gehöre, könnten sich aber auch gegen jede andere Gruppen richten, sagte Blume und nannte beispielhaft die Sinti in der NS-Zeit und aktuell die Flüchtlinge. Doch: „Es gibt keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse, egal welcher Herkunft“, gab der Referent den Neuntklässlern auf den Weg.

Blume warnte in diesem Zusammenhang auch vor dem Internet und den sozialen Medien. Dort werde „verleitet zum Hassen“. „Medien sind toll, aber wir müssen immer auch schauen, was sie mit uns anstellen und machen“, erklärte er.

Jesiden aus Irak geholt

Wie sich bei der anschließenden Fragerunde zeigte, bewegte die Schüler vor allem Blumes Zeit im Irak. Wie er eingangs geschildert hatte, hatte er 2014 vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im Rahmen seiner Tätigkeit als Referatsleiter für Kirchen, Religion und Integration die Aufgabe zur Leitung der Mission „Sonderkontingent Nordirak“ übernommen. Dabei war er dafür verantwortlich, 1100 besonders schutzbedürftige, hauptsächlich jesidische Frauen und Mädchen aus dem Nordirak nach Deutschland zu bringen. Er habe bei der Frage des Ministerpräsidenten, ob er den Auftrag übernehmen wolle, an den Film „Schindlers Liste“ gedacht und zugesagt, sagte Blume.

Religion als Rückhalt

Auf die Frage, was das Schlimmste im Irak gewesen sei, nannte der Antisemitismusbeauftragte die Massengräber, die er zu sehen bekam, aber auch einen Koran, an dem ein Sprengdraht befestigt war. Zu entscheiden, wer mit dürfe und wer nicht, sei sehr schwierig gewesen, wobei ihm die Religion geholfen habe. „Ich bin religiös“, so Blume, ausschlaggebend für die Hinwendung zum Christentum sei eine Sinnkrise aufgrund des Hungers in Eritrea gewesen.

Die Wasserknappheit und der Kampf um Öl und Gas im Nahen Osten hätten seine Sicht auf die Welt verändert, berichtete Blume weiter. „Wir müssen aufhören, Kriege durch den Einkauf von Gas und Öl zu finanzieren“, forderte der Redner, der, wie er sagte, vor acht Jahren auf ein Elektroauto umgestiegen ist.

Befragt zum Nahost-Konflikt, sagte Blume, der auch schon im Gaza-Streifen war, „mir tun vor allem die Menschen leid“. Er hoffe nun, dass es dort zu einem Frieden komme. Noch sehe er Chancen für eine Zwei-Staaten-Lösung oder vielleicht eine Föderation. Die Hamas dürfe nie wieder an die Macht kommen, es dürfe aber keine Vertreibung von Menschen geben.

Vorurteile überwinden

Ob er selbst Vorurteile habe, wurde Michael Blume auch gefragt. Die Antwort: Jeder Mensch habe Vorurteile, die Frage sei, „wie gehen wir damit um und überwinden sie“. Blume hielt ein Plädoyer für Vielfalt und empfahl den Schülern: „Lernen Sie viele Länder und Menschen kennen.“

Nicole Stockmann, die Leiterin des Gymnasiums I im Ellental, bedankte sich anschließend bei allen beteiligten Schulleitern, der Stadt und dem Referenten, insbesondere aber bei den Schülern, die wirklich zugehört hätten. „Ich bin unfassbar beeindruckt von euch“, so Stockmann.

Hintergrund der Veranstaltung ist die Beschäftigung mit Demokratiebildung und einer demokratischen Schulkultur in den Ellentalgymnasien. Das Thema Diskriminierung soll in diesem Jahr bei einem pädagogischen Tag im Fokus stehen. Der Vortrag von Michael Blume soll laut einer Mitteilung das Ziel eines „offenen und respektvollen Umgangs“ miteinander unterstützen.

 
 
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