Bietigheim-Bissingen Geschichten über Häuser und Leute

Von Helga Spannhake
Die Fachwerkführung „Von Streben, Rauten und Flösser­augen“ am Sonntagnachmittag in der Bietigheimer Altstadt begann am Hornmoldhaus. Links vorne Gästeführerin Ursula Weidel. Foto: /Oliver Bürkle

Anlässlich des Deutschen Fachwerktages fand am Sonntag eine Führung durch die denkmalgeschützte Altstadt von Bietigheim mit Gästeführerin Ursula Weidel statt.

Anlässlich des 12. Deutschen Fachwerktages lud die Touristeninformation der Stadt Bietigheim-Bissingen zu einer besonderen und kostenlosen Fachwerkführung durch die Altstadtgassen ein: Unter dem Titel „Von Streben, Rauten und Flößeraugen“ ging es am Sonntag um Geschichte und Geschichten rund um die verschiedenen Fachwerkhäuser der Stadt an der Enz und Metter.

Rund 20 Interessierte hatten sich neben dem Hornmoldhaus eingefunden. „Ich möchte Geschichten erzählen über Leute und ihre Fachwerkhäuser“, kündigte Gästeführerin Ursula Weidel an und gab zuerst einen kleinen allgemeinen Einblick in die typische Bauweise, denn das Fachwerk beginnt erst ab dem ersten Stock. Das Erdgeschoss ist stets gemauert, denn für die Unterbringung von Vieh und Vorräten wäre Holz als Bausubstanz nicht so gut geeignet. Die von außen gut sichtbaren doppelten Querstreben im Fachwerk zeigen wiederum an, dass dort ein neues Stockwerk beginnt, und Verzierungen schließlich sprechen für einen betuchten Besitzer.

Rettung fürs Hornmoldhaus

Ein solcher war Sebastian Hornmold der Ältere, der Erbauer des gleichnamigen Fachwerkhauses. Als Bietigheimer Vogt war er zu Lebzeiten ein wichtiger Mann, aber als 1689 sein letzter Nachkomme starb, erlebte das Hornmoldhaus bewegte Zeiten und sollte in den 1970er-Jahren schließlich sogar abgerissen werden. Dass es anders kam, ist vor allem Günther Bentele zu verdanken, dem ein unregelmäßiger Farbverlauf an einer der Decken auffiel. Prachtvolle Malereien aus der Renaissancezeit wurden freigelegt und somit fiel quasi der Startschuss für die Denkmalpflege.

Unterschiedliche Bauweisen

Gleich neben diesem Juwel der Stadt wies Ursula Weidel auf die Lateinschule hin. Hier wurde noch eine frühe Form der Holzskelettbauweise verwendet, und zwar die des angeblatteten Fachwerks. Die Hölzer wurden hierbei aufeinandergelegt und mit Holznägeln fixiert, während im Nachbar-Fachwerkhaus namens Physikat bereits der gezapfte Baustil verwendet wurde. Sehr anschaulich erklärt wurden diese beiden Bauweisen durch das Herumreichen zweier kleiner Holzkonstruktionen, die Ursula Weidels Ehemann extra für die Gästeführungen angefertigt hatte.

Raser und Regentropfen

Bevor es die Hauptstraße entlang weiterging, zeigte Ursula Weidel noch auf einen grauen halbrunden Stein am Boden einer Hausecke. Dieser sogenannte Kratzstein sollte das Mauerwerk vor Beschädigungen durch Pferdekutschen schützen: „Die Jugend ist früher auch schon gern mal rasant gefahren“, berichtete Ursula Weidel schmunzelnd. Auf dem Weg zum Bietigheimer Schloss setzte plötzlich leichter Regen ein und so wandelte die Gruppe von Torbogen zu Torbogen, wo Ursula Weidel im Trockenen ihr Wissen rund um die Fachwerkhäuser weitergeben konnte.

So war zu erfahren, dass das Bietigheimer Schloss nicht als Prunkschloss, sondern lediglich als Verwaltungsschloss erbaut wurde. Nach einem verheerenden Brand wurde es 1709 gar noch einfacher als vorher wieder aufgebaut und es diente vor allem als Lagerfläche für die eingenommenen Steuern, zum Beispiel das Korn. Daher fehlen Verzierungen im Fachwerk und auch nicht alle Häuser der Hauptstraße besitzen die typischen Holzbalken: „Man wollte später eine gleichmäßige Fassade und daher hat man diese Fachwerkhäuser einfach verputzt“, erklärte Ursula Weidel. Im Rahmen der umfangreichen Sanierungen ab den 1980er-Jahren wurde zwar versucht, das alte Fachwerk wieder freizulegen, aber es gelang nicht bei allen Häusern.

Am Hillerplatz angekommen, konnte die Gruppe den Blick schweifen lassen auf das bunte Ensemble an Fachwerk und auch ein postmodernes Gebäude, die Villa Visconti, bekam bei der Fachwerkführung ihren Platz, denn für Ursula Weidel ist dieser Klinkerfassadenbau ein gelungener Übergang von alt zu neu: „Er zeigt, dass man Fachwerk auch ganz anders machen kann“. Weiter durch das Schwätzgässle führte der spannende Rundgang und Ursula Weidel machte auf Dreieckslöcher im oberen Balken eines Hauses aufmerksam – die sogenannten Flößeraugen, die davon erzählen, wie früher der Weg des Holzes vom Floßverbund zur Verwendung beim Hausbau verlaufen konnte.

Mumifizierte Katzen entdeckt

Das alte Pfarrhaus galt früher als Geisterhaus, denn als 1635 der neue Pfarrer einzog, hielt er es nur eine Woche lang dort aus, war von Ursula Weidel zu erfahren. Klopfgeister machten ihm das Leben schwer und auch Nachmieter hielten es nicht lange aus. Erst als ein Ingersheimer Kaufmann das Gebäude erwarb, kehrte Ruhe ein. Im Rahmen der Sanierungen in den 1980er-Jahren wurden dann Zwischenböden entfernt und man entdeckte mumifizierte Katzen – wohl damals vom Kaufmann bewusst eingeschlossen, um das Böse zu vertreiben.

Prachtvoller Bau

Beim Laufen durch die Schieringer Straße blieb die Gruppe vor einem roten Fachwerkhaus stehen, dem Kachelschen Haus, einem prachtvollen Bau. Allein die wunderschön gerade behauenen Ecksteine sprachen für reiche Besitzer und sie besaßen sogar neben der beheizten Vorzeigestube noch eine Sommerstube, die durch die Sonne erwärmt wurde. Auf dem Marktplatz schließlich war noch zu erfahren, dass er seine heutige Größe der Angst vor Bränden verdankt, und es gab von allen Anwesenden viel Applaus für Ursula Weidels informative sowie kurzweilig unterhaltsame Fachwerkführung.

 
 
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