Die 24 Hühner vom Bietigheimer Wilhelmshof laufen an diesem kalten Wintermittag gackernd auf dem Wiesenstück umher. „An den Ohrläppchen des Huhns lässt sich erkennen, welche Farbe seine Eier haben“, erzählt Yahui Schilling. Ihre bunte Geflügel-Crew besteht aus unterschiedlichen Rassen, etwa Marans und Sussex, dazu ein Hahn, „der gut auf die Hühner aufpasst“, so die 21-Jährige. In ihrem kleinen Selbstbedienungs-Hofladen gibt es die Eier zu kaufen, die grüne, braune, weiße, rötliche Schalen haben.
Bietigheim-Bissingen Jungbauern auf Erfolgskurs
Eier, Kartoffeln, Linsen: Ein Paar mit einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb auf dem Wilhelmshof spricht über Schönes und Hürden ihrer Arbeit.
Im Zuge ihrer Meisterarbeit hat Yahui Schilling mit ihrem Partner Niklas Peters-Lindner im Jahr 2024 einen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet. Auf kleinster Fläche um den Wilhelmshof herum – einer kleine Exklave südöstlich von Bietigheim-Buch (siehe Infokasten) – gewinnt das Paar Eier, Kartoffeln, Zwiebeln und Linsen. Sie sind aktuell die einzigen lebensmittelproduzierenden Landwirte auf dem Wihelmshof. „Da regional bedingt Ackerland sehr knapp ist, bauen wir Sonderkulturen an, also Früchte, die hohen Ertrag auf kleiner Fläche liefern“, erklärt Peters-Lindner. Ihre Kulturpflanzen seien zwar pflegeintensiv, aber auch sehr beliebt: „Wir bekommen sehr viel positive Rückmeldung von den Kunden über die gute Qualität der Produkte,“ freut sich der 33-Jährige, und: „Vor allem der Nachfrage nach Eiern kommen wir nicht mehr hinterher.“ Die Jungbauern im Nebenerwerb planen ihren kleinen Betrieb mit Direktvermarktung auszubauen und die Freiland-Hühnerhaltung dieses Jahr auf bis zu 150 Tiere auszuweiten.
Die Felder, die sie bewirtschaften, circa zwei Hektar, haben Yahui Schilling und Niklas Peters-Lindner von umliegenden, ihnen bekannten Bauern aus Bietigheim und Freiberg gepachtet. „Es ist ein sehr guter Kartoffelboden mit vielen Nährstoffen“, schwärmt Peters-Lindner. „Für die Maschinenernte ist dieser Ackerboden hier zu schwer, deshalb ernten wir von Hand und können auch nicht so viel anbauen“, erklärt er. Peters-Lindner ist hauptberuflich Tierarzt in der Praxis Wilhelmshof, in der auch drei seiner Geschwister arbeiten und die sein Vater Friedrich Lindner seit 37 Jahren führt. Die Lindners wohnen hier auf dem Wilhelmshof in vierter Generation.
Hühnermobil aus Anhänger gebaut
Peters-Lindners Großvater war Schweinebauer auf dem Wilhelmshof. Dessen Sohn, Friedrich Lindner, ließ den Schweinebetrieb auslaufen und gründete eine Tierarztpraxis, wo Kleintiere und Pferde untersucht, geröntgt und operiert werden. „Ich war schon immer naturverbunden und habe auf unseren Streuobstwiesen mitgeholfen“, erzählt Niklas Peters-Lindner.
Yahui Schilling – ihr Vorname stammt aus China, dem Herkunftsland ihrer Mutter, – ist in Bietigheim-Buch groß geworden. In der Corona-Zeit baute die damals 17-Jährige mit ihrer Freundin einen alten Anhänger zu einem Hühnermobil um. Die Holzwände malten sie pink an, „es wohnen darin ja auch hauptsächlich Damen“, sagt die junge Frau lachend. Seitdem hält sie Hühner auf wechselnden Weideflächen zwischen Bietigheim und Freiberg und verkauft erfolgreich die bunten Eier. Die 21-Jährige hat eine Ausbildung zur Landwirtin absolviert und macht aktuell ihren Abschluss als Landwirtschaftsmeisterin in Kupferzell.
Lila Kartoffeln und blaue Linsen
Vor zwei Jahren dann fingen Yahui Schilling und Niklas Peters-Lindner an, Kartoffeln und Zwiebeln anzupflanzen und Linsensamen zu säen. Mittlerweile beliefern sie mit ihren Produkten sechs Hofläden im Umkreis, darunter die Hofläden der Familie Bäßler in Freiberg und der Familie Geiger in Bissingen. „Unser eigener Hofladen ist abends meist leer gekauft“, freut sich das Paar.
In der Scheune gegenüber der Tierarztpraxis lagern sie die Kartoffeln, die sie im August mit Freunden und Familie geerntet haben. An den Wochenenden tüten sie die Feldfrüchte ein. Das junge Bauernpaar baut acht Sorten an: die rotfleischigen Heiderot und lila Violetta oder die Frühkartoffel Annabelle. Der Anbau und Verkauf ihrer grünen und blauen Linsen klappt laut Yahui Schilling erstaunlich gut. Viele Spaziergänger seien sehr interessiert an dem Kartoffelanbau und erstaunt, wie eine Linsenpflanze aussieht. „Wir möchten den Menschen regionale Landwirtschaft näher bringen“ sagt Peters-Lindner, „und dass sie sehen, wie Lebensmittel angebaut werden.“ Seine Vision ist es, einmal aus dem Betrieb einen Lernort für Kinder zu schaffen.
Die Flächen hier seien nicht bio-zertifziert, erklärt der 33-Jährige, „aber wir versuchen umweltschonenenden Pflanzenschutz zu verwenden.“ So hat das Bietigheimer Paar 2025 gute Erfahrung mit Insektenschutznetzen über dem Kartoffelacker gemacht. Das größte Problem sei vor allem beim Feldfrüchteanbau die Fläche: „Wir können nirgends 50 Hektar herzaubern“, so Peters-Lindner, „und möchten den anderen Bauern kein Land wegnehmen.“
Geplanter Solarpark macht Sorgen
Sorgen bereiten ihm die Pläne einer zwölf Hektar großen Freiflächen-PV-Anlage südlich des Wilhelmshof auf Freiberger Gemarkung an der A81. „Diese riesige Fläche wird umzäunt sein, also so gut wie versiegelt, und von einem privaten Investor betrieben.“ Für Peters-Lindner wäre dies „ein Desaster“ , einerseits für die Flora und Fauna und den Wildwechsel. „Und die hiesigen Bauern, die wertvolle regionale Produkte liefern, sind, was den Pachtpreis angeht, dann nicht mehr konkurrenzfähig“, so Peters-Lindner. Auch das Mercosur-Freihandels-Abkommen mit Argentinien stelle die regionale Landwirtschaft unter massiven Druck.
Freude macht den beiden Junglandwirten, „dass wir so viel in der Natur sind und jedes Jahr neue Erfahrung sammeln und dazulernen“, sagt Yahui Schilling. Seitdem sie beispielsweise die Kartoffelpflanzen mit dem Brunnenwasser der ehemaligen Wilhelmshofer Gärtnerei Endrejat beregnen, „wachsen die Kartoffeln viel besser“.
Jetzt, in der Wintersonne haben sich die Hühner neben dem Gebüsch auf der Wiese aneinandergekuschelt. „Sie machen Siesta“, sagt Yahui Schilling lachend. Täglich werden sieben oder acht Eier gelegt. Bevor die automatische Hühnerklappe des pinken Wagens bei Sonnenuntergang schließt, laufen die Hühner freiwillig in den kleinen Raum. Nachts, so erzählt ihre Halterin, schlafen die Hühner alle eng beieinandersitzend auf der Stange.
Geschichte einer kleinen Bietigheimer Exklave
Im Wilhelmshof südöstlich des Stadtteils Buch wohnen rund 40 Menschen. Es ist eine Exklave, die Felder um den Wilhelmshof gehören Freiberg, Tamm und Ludwigsburg. 1958 beantragten die Bewohner des Weilers einen Antrag auf Umgemeindung von Heutingsheim nach Bietigheim. 65.000 Mark zahlte Bietigheim dafür. Vor Jahrzehnten gab es hier noch sechs aktive Höfe, die Landwirtschaft betrieben“ wie der Wilhelmshofer Niklas Peters-Berger erzählt. Nach dem Krieg erhielten einige Vertriebene aus Preußen und Bessarabien dort Land. Milchvieh- und Tierhaltung sowie Ackerbau waren gängig.
Aktuell betreiben die Junglandwirte Yahui Schilling und Niklas Peters-Lindner im Nebenerwerb den letzten noch Lebensmittel produzierenden Betrieb auf dem Wilhelmshof.
